Stolpernder Fillon macht Finanzmärkte nervös

François Fillon war bis zum Skandal die Hoffnung konservativer Franzosen. Doch was passiert jetzt? Und da lauert auch noch Marine Le Pen, der Euroschreck.

Gerät in der Wählergunst auf die abschüssige Bahn und sorgt damit an den Finanzmärkten für Verunsicherung: Frankreichs Präsidentschaftskandidat François Fillon. (02.02.2017)

Gerät in der Wählergunst auf die abschüssige Bahn und sorgt damit an den Finanzmärkten für Verunsicherung: Frankreichs Präsidentschaftskandidat François Fillon. (02.02.2017) Bild: Thibault Camus/Keystone

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Wer sich in den Krisenjahren von 2010 bis 2012 ein Bild davon machen wollte, wie es um den inneren Zusammenhalt der Eurozone steht, blickte zunächst auf die Zinsdifferenzen zwischen den verschiedenen Mitgliedsländern. Das wachsende Zins- und Renditegefälle, das zwischen den krisengeschüttelten Peripherieländern und den solideren Kernstaaten zutage trat, wurde nicht nur an den Märkten, sondern vermehrt auch in der Politik und der breiteren Öffentlichkeit als Krisenbarometer wahrgenommen.

Hinter dieser marktgetriebenen Dynamik stand die Befürchtung von Investoren, dass Länder wie Griechenland, Italien und Spanien gezwungen sein würden, aus der europäischen Währungsunion auszusteigen. Für dieses Risiko verlangten die Geldgeber eine Prämie in Form eines Zinszuschlags gegenüber sicheren Staatsanleihen wie jenen von Deutschland.

Dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, gelang es schliesslich mit seiner berühmt gewordenen Rede im Sommer 2012, die Märkte davon zu überzeugen, dass sein Haus keine Kosten scheuen würde, um den Euro zu verteidigen. Ab dann begannen sich die eurointernen Zinsunterschiede – der Marktjargon spricht von «Spreads» – stetig zu verkleinern, und die Eurozone konnte ihr akutes Krisenstadium überwinden.

Marine Le Pen als Euroschreck

Nun aber fürchtet manch ein Marktbeobachter, ein Déjà-vu zu erleben. Im Blickpunkt steht diesmal Frankreich. Der Rendite- respektive Risikozuschlag auf französischen Staatspapieren mit zehnjähriger Laufzeit im Vergleich zu entsprechenden deutschen Schuldscheinen hat mit über 0,6 Prozentpunkten ein seit Januar 2014 nicht mehr gesehenes Ausmass erreicht. Dies liegt zwar von früheren Krisenniveaus – mit bis zu 1,5 Prozentpunkten – immer noch weit entfernt. Doch der seit letztem Herbst zu beobachtende Trend steigender Spreads bei französischen Staatstiteln macht deutlich, dass die anstehenden Präsidentenwahlen im Land einen immer längeren Schatten der Unsicherheit werfen.

Der jüngste Anstieg der Zinsdifferenz fällt zusammen mit der drastisch sinkenden Popularität des rechtsbürgerlichen Kandidaten François Fillon. Ihm machen Enthüllungen um generöse Gehaltszahlungen an seine Frau und zwei seiner Söhne für angeblich fiktive Jobs zu schaffen. Bis vor gut einer Woche machte es noch den Anschein, als ob Fillon im entscheidenden zweiten Wahlgang Anfang Mai die rechtsextreme Bewerberin Marine Le Pen sicher schlagen würde. Laut neusten Meinungsumfragen droht ihm nun aber schon in der ersten Wahlrunde ein vorzeitiges Aus. Diese Aussicht versetzt Investoren in Angst und Schrecken, weil sie Le Pens Siegeschancen besser erscheinen lässt.

Ein solcher Wahlausgang wäre der Super-GAU für die Eurozone. Wie Le Pen ankündigte, will sie Frankreich innerhalb von sechs Monaten nach ihrer Kür zur Präsidentin aus der Währungsunion herausführen. Im Zuge dieses Ausstiegs sollen die öffentlichen Schulden Frankreichs in Höhe von über 2000 Milliarden Euro auf neue Francs «umgestellt» werden. Den Verlust der zweitgrössten Wirtschaft könnte der Euro wohl kaum überleben, und Europa würde im Chaos versinken.

Warnzeichen häufen sich

Doch nicht nur das deutsch-französische Zinsgefälle hat sich kontinuierlich ausgeweitet, gleiches lässt sich seit einigen Monaten auch zwischen Spanien und Italien beobachten. Als Folge steigender Renditen bei italienischen Staatsanleihen – die mit sinkenden Anleihenpreisen einhergehen – ist die Zinsdifferenz zu Spanien bei zehnjährigen Papieren auf über 0,6 Prozentpunkte und damit den höchsten Stand seit 2012 angeschwollen. Noch in der ersten Hälfte 2016 verhielt es sich umgekehrt: Damals lagen die spanischen Zinssätze über den italienischen. Auch im Falle Italiens ist die jüngste Entwicklung primär politisch bedingt: Mit der höheren Wahrscheinlichkeit vorzeitiger Neuwahlen noch in diesem Sommer steigt dort ebenfalls das Risiko, dass die nächste Regierung von eurokritischen Kräften gebildet wird. Davon abgesehen, leidet Italien unter schwachem Wachstum, drückender Schuldenlast und einem fragilen Bankensektor; Spanien hingegen profitiert von einem anhaltend robusten Aufschwung.

Die Neigung der Märkte zur stärkeren Differenzierung der Risiken zwischen den einzelnen Euroländern dürfte in näherer Zukunft noch zunehmen, wie Beobachter erwarten. Dafür spricht zum einen die Fülle an politischen Unwägbarkeiten, die mit dem Beginn der Brexit-Verhandlungen zwischen Grossbritannien und der EU sowie mit den diesjährigen Wahlen in den Niederlanden, Frankreich, Deutschland und eventuell in Italien verbunden sind.

Es gibt aber noch einen zweiten möglichen Grund für steigende Zinsgefälle innerhalb der Währungsunion: Falls die EZB ihre Anleihenkäufe im Laufe dieses Jahres schneller und stärker zurückfährt als bislang angekündigt. Der Beginn dieses Kaufprogramms im März 2015 hatte entscheidenden Anteil daran, dass seither nicht nur die Renditen europäischer Staatspapiere, sondern auch die eurointernen Zinsdifferenzen auf rekordträchtige Tiefwerte zusammenschmolzen. Sollten unerwartet rasch steigende Inflationsraten die EZB zu einem vorzeitigen geldpolitischen Bremsmanöver veranlassen – wofür es derzeit aber keine Anzeichen gibt –, würde diese nivellierende Dynamik entfallen. Die jüngsten Renditeausschläge bei den Staatsanleihen sind Indiz dafür, dass Europas Finanzmärkte wieder verstärkt politisch ticken. Man sollte das als Warnzeichen verstehen.

Erstellt: 02.02.2017, 18:01 Uhr

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