«Tod und Steuern sind eine giftige Mischung»

In der Schweiz werden so viele Milliarden vererbt wie noch nie. Und das fast steuerfrei. Erbschaftsforscher Marius Brülhart behauptet, dass dies die Gesellschaft nachhaltig prägen wird.

«Viele glauben, dass sie selber einmal reich werden könnten, egal wie unrealistisch das sein mag»: Marius Brülhart. Foto: Nicolas Righetti

«Viele glauben, dass sie selber einmal reich werden könnten, egal wie unrealistisch das sein mag»: Marius Brülhart. Foto: Nicolas Righetti

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Marius Brülhart, Sie haben etwas Überraschendes herausgefunden: Dass die Schweiz so tiefe Erbschaftssteuern hat, basiert auf einer grossen Lüge.
Ob es sich um eine Lüge handelt, kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall fand eine völlige Fehleinschätzung statt.

Inwiefern?
In den 90er- und Nullerjahren ging ein Erbschaftssteuer-Abschaffungsdomino durch die Schweiz. Es startete in der Nordostschweiz und reichte bis Genf. Das Hauptargument hiess immer: Steuerwettbewerb. Die Erbschaftssteuer vertreibe reiche Steuerzahler in andere Kantone. Daher müsse man sie abschaffen. Als Belohnung würden dann ­andere Reiche in den Kanton ziehen. Am Ende erhalte man so mehr Geld.

Diese Behauptung haben Sie untersucht. Resultat: Stimmt alles nicht.
Seit den Abschaffungen lassen sich ­keine statistisch relevanten Verschiebungen feststellen. Die Senkungen der Erbschaftssteuern lösten keine Wander­bewegungen aus. Ältere wohlhabende Menschen scheinen wegen der Höhe der Erbschaftssteuer nicht umzuziehen.

Wurden die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger absichtlich getäuscht?
Das kann ich nicht wissen. Mit Sicherheit lässt sich sagen: Im Denken der Schweizer ist die Logik des Steuerwettbewerbs fest verankert. Dadurch hat das Argument gezogen. Dabei lässt es sich nicht verallgemeinern. Bei den Unternehmenssteuern trifft es teilweise zu. Bei den Erbschaftssteuern gar nicht.

Wie viel Geld ist so verloren gegangen?
Momentan liegt die durchschnittliche Erbschaftssteuer in den Kantonen bei 1,4 Prozent. Zu Beginn der Neunziger-Jahre betrug sie 4 Prozent. Ginge man zurück auf diesen Satz, nähme der Staat dieses Jahr rund 2,5 Milliarden Franken zusätzlich ein.

Dazu kommt: Es wird so viel geerbt wie noch nie. Auch das zeigen Ihre Untersuchungen.
In der Schweiz ist das Erben miserabel dokumentiert. Meine Zahlen beruhen zwangsweise auf gewissen Annahmen. Aber ich schätze, dass 2020 in der Schweiz rund 95 Milliarden Franken vererbt oder verschenkt werden. 1999 waren es noch 36 Milliarden gewesen.

Was hat diese Fast-Verdreifachung ausgelöst?
Die Schweizer sparen wie wild. Mit einer Sparquote von 19 Prozent halten sie den Rekord bei den Industrienationen. In der EU liegt der Wert bei 4 Prozent. So sammelt sich viel Geld an. Gleichzeitig gewinnen die hiesigen Vermögen an Wert. Erbschaften bestehen oft aus Immobilien. Deren Preis ist allein in den Zehnerjahren um die Hälfte gestiegen. Und dank der guten Altersvorsorge wächst das Vermögen vieler alten Menschen auch noch im Rentenalter. Das frühere Lebenszyklusmodell, also dass man bis zum Pensionsalter spart, was man danach ausgibt, gilt nicht mehr. Viele Schweizer Pensionierte haben es nicht nötig, von ihrem Privatvermögen zu zehren. So geht nach ihrem Tod alles an die Nachkommen.

Ältere Menschen geniessen ihr Leben und verjubeln das Vermögen. Ein Klischee?
Ein langes Leben geniessen tun sie, ihr Vermögen verjubeln nicht.

Wie gross sind die Erbschaften durchschnittlich?
Grob geschätzt zwischen 150'000 und 200'000 Franken. Aber sie sind sehr ungleich verteilt. Ein Prozent der Erben erhält ein Drittel der gesamten Erbmasse, oft mehr als zwei Millionen Franken auf einmal. Das hat eine Studie aus dem Kanton Bern ergeben. Die Hoffnung, einmal das grosse Erblos zu gewinnen, erfüllt sich für die wenigsten.

60 Prozent des vererbten Vermögens erhalten über 60-Jährige. Ganz Alte geben ihr Geld an Alte weiter. Macht das Sinn?
Zumindest ist es eine logische Entwicklung. Zwei Drittel aller Erbschaften ­gehen an Töchter und Söhne. Die Menschen werden heute etwa 85 Jahre alt, Vermögende sterben eher noch später. Daraus ergibt sich ein Erb-Durchschnittsalter von 50 bis 60 Jahren. Das heisst nicht, dass Eltern ihre Kinder nicht schon früher unterstützen. Aber in der Phase zwischen 20 und 40 Jahren, wenn man Kapital gebrauchen könnte, erben die wenigsten.

Wie verändert sich eine Gesellschaft, wenn so viel Erb-Geld im Umlauf ist?
Es kann in zwei Richtungen gehen: Pluto­kratie oder Gerontokratie. Je ungleicher die Erbschaften verteilt sind, desto stärker setzt sich ein Geldadel ab. Mit Leistung erreicht man dann nicht mehr viel. In den Romanen des 19. Jahrhunderts wird das überspitzt dargestellt. Was man lernt, zählt nichts. Entscheidend ist, wen man heiratet. Sind die Erbschaften hingegen gleichmässiger verteilt, bewegt sich die Gesellschaft Richtung Gerontokratie. Das Vermögen der Alten wächst stärker als jenes der Jungen, so nimmt auch ihre Macht zu.

Und wohin steuert die Schweiz? Pluto- oder Gerontokratie?
Eher Gerontokratie. Eine Auswirkung davon zeigt sich jetzt schon. Wenn ­junge Menschen Wohneigentum kaufen wollen, brauchen sie oft Geld von ihren ­Eltern. Das schafft Abhängigkeiten.

Ein Prozent der Erben erhalten ein Drittel des vererbten Geldes. Weist das nicht Richtung Plutokratie?
Bisher ging man allgemein davon aus, dass Erben die Ungleichheit verstärkt. Neuere Studien legen nahe, dass das so nicht stimmt. An diese Erkenntnis musste ich mich selber erst gewöhnen.

Wie lässt sich das erklären?
Reiche erben in absoluten Zahlen viel mehr. Aber weil sie schon sehr viel besitzen, macht das Erben prozentual weniger aus für sie. Anteilsmässig betrachtet fällt der Zuwachs in der Unterschicht deutlicher aus als in der Oberschicht. Dazu kommt, dass Vermögen beim Erben oft auf mehrere Empfänger aufgeteilt werden. Dies führt zu einer ­gewissen Verwässerung. So glättet das Erben die Ungleichheit ein wenig. Wo bei sich dieser Effekt später wieder ­abzunutzen scheint.

Wieso?
Eine neue Studie aus Schweden hat untersucht, wie Erben zehn Jahre später dastehen. Die meisten ärmeren Erben haben das erhaltene Geld dann schon wieder ausgegeben. Sie kauften sich ein schönes Auto oder arbeiteten weniger. Bei den ganz Reichen hingegen bleibt das Erbe fast immer unangetastet. Sie brauchen es nicht, sie haben schon genug. Das heisst: Mittelfristig könnte das Erben die Ungleichheit eben doch verstärken.

Oft wird behauptet, dass Erben faul macht. Stimmt das?
Die schwedische Studie bestätigt diesen Effekt. Viele Erben fahren ihr Arbeitspensum hinunter, nehmen das Leben gemütlicher. Das macht umgekehrt die Erbschaftssteuer wohl zur einzigen Steuer, die leistungsfördernd wirkt. Denn sie verringert ja das Erbe.

Wer für sein Geld arbeitet, muss in der Schweiz einen Teil davon abgeben. Wer es geschenkt bekommt, darf fast alles behalten. Widerspricht das nicht dem Leistungsprinzip?
Es gibt diese eigentlich liberale Sicht: Man hat weniger Anrecht auf etwas, das einem zufliegt, als auf etwas, das man sich erarbeitet hat. Aus dieser Perspektive scheint eine Erbschaftssteuer deutlich gerechter als eine Lohnsteuer.

Trotzdem ist die Einkommenssteuer akzeptiert, die Erbschaftssteuer nicht.
Es gibt auch die Perspektive von jenen, die vererben. Aus dieser Warte wird ­argumentiert, dass man über sein Eigentum auch jenseits des eigenen Tods verfügen darf. Beim Erben handle sich um eine innerfamiliäre Angelegenheit, da habe der Staat sich nicht einzumischen. Allein genommen ist das ein extremer Ansatz. Das Erbrecht schränkt bereits vieles ein. Man darf sein Geld nicht ­jedem geben, dem man will.

71 Prozent der Schweizer haben 2015 zu einer nationalen Erbschaftssteuer Nein gesagt. Warum?
Das lag auch daran, dass die Initianten die Erbschaftssteuer als Selbstzweck darstellten, als Instrument zur Umverteilung. Der Appetit auf zusätzliche Steuern ist in der Schweiz aber sehr klein. Schweizer stimmen nur für neue Steuern, wenn der Staat mehr Geld braucht oder wenn eine andere Steuer veraltet ist. Wäre die Erbschaftssteuerinitiative staatsquotenneutral gewesen, hätte sie wohl besser Chancen gehabt. Man hätte klar sagen können, welche andere Steuern als Kompensation gesenkt werden müssten, zum Beispiel die Lohnprozente der AHV.

Die Erbschaftssteuer hätte ab 2 Millionen Franken Vermögen gegriffen. Die meisten Schweizer hätte sie nicht betroffen. Wieso stimmte trotzdem eine klare Mehrheit dagegen?
Viele Menschen glauben offenbar, dass sie selber einmal reich werden könnten, egal wie unrealistisch das sein mag. Zweitens ist Erben ein emotionales Thema. Es geht um die Intimsphäre der Familie, um sehr private Dinge. Tod und Steuern, das ist eine giftige Mischung.

Geht die Schweiz besonders grosszügig mit den Besitzenden um? In den letzten vier Jahrzehnten sind Abgaben auf Erbschaften und auch auf Vermögen kontinuierlich gesunken. Und dies obwohl beide schneller gewachsen sind als die Wirtschaft.
Nicht unbedingt. Länder wie Österreich, Schweden und Norwegen haben die Erbschaftssteuer ganz abgeschafft. Der politische Gegenwind ist international. Ausserdem hat die Schweiz im weltweiten Vergleich immer noch eine hohe Vermögenssteuer. Typisch schweizerisch ist der Föderalismus samt Steuer­wettbewerb. Das hat den Rückgang der Erbschaftssteuern begünstigt.

Werden die in der Schweiz vererbten Beträge weiterhin so rasch ansteigen?
Das hängt von vielen Faktoren ab, etwa der technologischen Entwicklung. Aber ich vermute, dass vererbtes Geld weiter an Gewicht gewinnen wird und die ­Gesellschaft prägt.

Drängt sich eine neue Erbschaftssteuer auf?
Das Anliegen ist sicher nicht gestorben. Auch weil die Besteuerung des Faktors Kapital in den letzten Jahren eher abgenommen hat. Die Umbesinnung könnte auch in den Kantonen geschehen.

Übers Erben spricht man noch weniger gern als über den Lohn. Wieso?
Da kann ich nur spekulieren. Erben setzt den Tod eines Menschen voraus, der einem nahesteht. Zusätzlich lösen ­Erbgänge oft Spannungen und Streitigkeiten aus. Daran denkt und darüber spricht man nicht gern.

Erstellt: 08.02.2020, 10:54 Uhr

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Marius Brülhart ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Lausanne (HEC Lausanne). Er forscht über Handel und Wirtschaftsgeografie. Er gehört zu den wenigen Ökonomen, welche das Erben und seine politischen Folgen in der Schweiz untersuchen. Kürzlich hat er dazu die Studie «Erbschaften in der Schweiz» veröffentlicht. (bat)

Marius Brülhart ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Lausanne (HEC Lausanne). Er forscht über Handel und Wirtschaftsgeografie. Er gehört zu den wenigen Ökonomen, welche das Erben und seine politischen Folgen in der Schweiz untersuchen. Kürzlich hat er dazu die Studie «Erbschaften in der Schweiz» veröffentlicht. (bat)

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