Trump macht Stimmung gegen Latinos

Menschen verlieren ihre Jobs, Lebensmittel verderben, die Wirtschaft leidet: US-Präsident Donald Trump sorgt für Stillstand an den Grenzübergängen zu Mexiko.

Stau mexikanischer Lastwagen an der Grenze zu den USA. Rechts im Bild wird ein Abschnitt der Grenzmauer gebaut. Foto: Mario Tama (Getty Images)

Stau mexikanischer Lastwagen an der Grenze zu den USA. Rechts im Bild wird ein Abschnitt der Grenzmauer gebaut. Foto: Mario Tama (Getty Images)

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Fernando hatte sich akribisch vorbereitet. Er war weit vor Sonnenaufgang aufgestanden, hatte die Papiere eingesteckt, die Mexikaner brauchen, wenn sie in den USA arbeiten wollen, hatte sich auf den Weg zur nächstgelegenen Brücke gemacht, die vom heimischen Ciudad Juárez bis hinüber ins texanische El Paso reicht. Tausende Menschen überqueren den Rio Grande hier jeden Tag zu Fuss, um ganz legal in die Vereinigten Staaten einzureisen. Es sind Hilfsarbeiter und Händler, Schüler und Shopper, Angestellte und Ausflügler. An diesem Morgen aber hatte sich schon um sechs Uhr eine lange Schlange vor der Kontrollstelle gebildet, und heute weiss auch Fernando, dass sich manche Mitbürger seit Wochen bereits nachts um eins auf der Brücke einfinden, um vor der Grenzstation zu schlafen.

Der 35-Jährige wartete – über Stunden. Er sorgte sich, denn er war auf dem Weg zu einer neuen Arbeitsstelle, die er nach längerer Suche in El Paso gefunden hatte. Als er nach vier Stunden Schlangestehen US-Boden betrat, war der Job weg.

Pro Tag überqueren Waren im Wert von 1,7 Milliarden Dollar die Grenze.

Fernando ist nur eines der vielen mexikanischen Opfer, die Donald Trump im fernen Washington schon auf dem Gewissen hat. Dabei hat der US-Präsident seine Drohung, die südliche Landesgrenze zum Schutz vor Drogenkurieren und «Flüchtlingskarawanen» aus Mittelamerika zu schliessen, noch gar nicht wahr gemacht, denn selbst seine eigenen Berater warnen vor dem Chaos, das entstünde, wenn zwei der am meisten miteinander verwobenen Volkswirtschaften der Welt über Nacht auseinandergerissen würden.

In Wahrheit ist das Chaos längst da. Vielerorts geht schon jetzt kaum mehr etwas an der amerikanisch-mexikanischen Grenze: Früchte- und Gemüselieferungen verrotten, Blutproben verderben, Autoteile kommen nicht bei ihren Bestellern in den USA an, Menschen verlieren ihre Jobs und Schüler kommen zu spät zur Schule. Allein in der Millionenstadt Juárez, die über nur vier Brücken mit der 700'000-Einwohner-Metropole El Paso verbunden ist, sind laut der örtlichen Wirtschaftskammer 100'000 Arbeitsplätze vom Durcheinander bedroht.

Beamte abgezogen

Ausgelöst wurde das Chaos von der US-Grenzschutzbehörde CBP, die Ende März mit Trumps Segen 750 Mitarbeiter von den Übergängen in San Diego, Tucson, El Paso und Laredo abzog. Die Beamten helfen seither Kollegen in anderen Regionen bei der Registrierung von Asylsuchenden und bewachen Grenzabschnitte, die noch nicht von Mauern und Zäunen gesichert sind. Damit fehlen die Kontrolleure an den Checkpoints, an denen sie bisher eingesetzt wurden. Das Ergebnis sind Menschenschlangen, verstopfte Strassen, Staus.

Es ist Mittag, die Hitze scheint zu stehen über der eher schmalen Brücke, die die Lerdo-Allee in Juárez mit der Stanton-Strasse in El Paso verbindet. Von amerikanischer Seite dröhnt das Horn eines Zugs herüber, südlich des Rio Grande antwortet ein Lautsprecher, der in Dauerschleife Gorditas bewirbt, mit Fleisch oder Käse gefüllte mexikanische Pasteten. Über einer Wechselstube wird der aktuelle Kurs angezeigt, einen Dollar gibt es für 18,30 Pesos. Die Autoschlange reicht kilometerweit nach Juárez hinein, in zwei Reihen stehen die Wagen nebeneinander, um sich hin und wieder einen Meter vorwärtszubewegen. Eine orange Hinweistafel versperrt den Weg zu den beiden leeren Spuren daneben. Auf der Mitte der Brücke prangt ein Schild mit der Aufschrift «Gute Reise» über den Wartenden. Es klingt ein wenig höhnisch.

Ein paar Kilometer weiter, an der deutlich grösseren Free Bridge, sieht es tags darauf nicht besser aus. Nur eine einzige Kontrollstelle am Grenzübergang ist besetzt. Jeder Pass muss gescannt werden, Einreisende werden gefragt, was sie bei sich tragen, was sie in den USA wollen, wo sie arbeiten, was sie mitbringen. Einer muss die Hosenbeine hochziehen und die Fussknöchel freilegen, der Grenzwächter will sehen, ob er eine Waffe bei sich trägt. Eine Frau schützt sich mit einem Regenschirm vor der gleissenden Sonne, zwei Männer gestikulieren energisch in Richtung des Grenzturms. Die meisten jedoch lassen die Warterei und das Prozedere äusserlich regungslos über sich ergehen. Unter der Brücke, direkt am Fluss, bauen US-Grenzwächter neue Stacheldrahtbarrieren auf.

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Pro Tag überqueren Waren im Wert von 1,7 Milliarden Dollar die amerikanisch-mexikanische Grenze. Allein die US-Autohersteller führen alle 24 Stunden Fahrzeuge und Komponenten für 350 Millionen Dollar ein, eines von drei Bauteilen, die die Branche importiert, kommt aus Mexiko. Bei Lebensmitteln und Getränken summieren sich die täglichen Importe auf immerhin80 Millionen Dollar. Umgekehrt ist Mexiko für US-Firmen mit Warenlieferungen im Wert von fast 730 Millionen Dollar pro Tag der zweitwichtigste Absatzmarkt überhaupt. Vor allem für die Tech-, die Öl- und die Chemieindustrie ist er unverzichtbar. Nach Schätzung der US-Regierung hängen fast eine Million US-Arbeitsplätze von den Exporten ab. Mehr als drei Viertel der Ein- und Ausfuhren werden auf dem Landweg transportiert, täglich überqueren Tausende LKW und Güterwaggons die Grenze.

Nach Angaben von Index Juárez summieren sich allein die bisherigen Schäden für die Firmen der Region auf über 2 Millionen Dollar pro Tag. Der mexikanische Transportverband Canacar spricht von 800'000 Dollar, die nur die Spediteure im Raum Juárez alle 24 Stunden verlieren, weil ihre Lastwagen bis zu 30 Stunden an den Kontrollstellen festhängen. Manche LKW-Fahrer passierten die Grenze noch im März viermal am Tag, nun schaffen sie gerade noch eine Tour pro Schicht. Hinzu kommen Schadenersatzzahlungen in dreistelliger Millionenhöhe, die mexikanische Unternehmen wegen nicht rechtzeitig gelieferter Waren an ihre US-Kunden zahlen müssen.

Was passiert, wenn die Grenze plötzlich ganz dicht ist, zeigte sich im letzten Dezember, als die Regierung Trump den Übergang San Ysidoro nach Streitereien zwischen US-Beamten und einer Gruppe Migranten schloss: Obwohl die Sperrung nach nur fünf Stunden wieder aufgehoben wurde, verlor die Wirtschaft in San Diego nach Angaben örtlicher Behörden mehr als 5 Millionen Dollar an Umsätzen. Sollten die Schlagbäume einmal länger unten bleiben, wie Trump es immer wieder androht, kämen auf die USA dreistellige Milliardenschäden zu, wie die Ökonomen Kadee Russ und Aaron Sojourner errechnet haben. Die US-Handelskammer erklärte, eine Abriegelung der Südgrenze wäre «noch zerstörerischer als ein Handelskrieg mit den Chinesen».

Blutproben verdarben

«Sicherheit ist wichtiger als Handel», hält Trump dagegen, wohl wissend, dass Hetze gegen Latinos bei seinen Kernwählern gut ankommt. Doch viele Amerikaner bezweifeln, dass das Gros der Migranten, die über Mexiko an die US-Grenze kommen, tatsächlich eine Gefahr darstellt. Unstrittig hingegen ist, dass eine Schliessung der Grenze die US-Verbraucher hart träfe: Fast die Hälfte allen Gemüses, 40 Prozent aller Früchte und ein ordentlicher Teil des Alkohols, den die Amerikaner konsumieren, wird aus Mexiko eingeführt. Mit Avocado-Toasts und Margaritas wäre schnell Schluss. Und auch die Autoindustrie müsste die Produktion mancherorts einstellen.

Und dann sind da menschliche Schicksale, die Trump mitzuverantworten hat. Doktor Christian Cumplido Uribe, Leiter der Blutbank eines Krankenhauses in Juárez, berichtet von Blutproben mexikanischer Patienten, die in den USA untersucht werden sollten und jetzt «unwiederbringlich verloren» seien, weil sie in den Staus auf den Grenzbrücken verdarben. «Die Kosten wie auch die Risiken sind deutlich erhöht», beklagt der Arzt. Für die Kranken, die auf die Testergebnisse und eine entsprechende Behandlung warteten, sagt Cumplido, sei das eine Katastrophe.

Erstellt: 03.05.2019, 22:08 Uhr

Der wichtigste Handelspartner der USA

618 Milliarden Dollar betrug letztes Jahr der Wert aller Güter, die Firmen in den  USA und in Mexiko sich gegenseitig verkauften. Es gibt kaum Volkswirtschaften auf der Welt, die so eng miteinander verwoben sind. Im Januar und Februar dieses Jahres war Mexiko erstmals wichtigster Handelspartner der USA überhaupt.

Allerdings verbuchten die Amerikaner im Produktehandel mit dem Nachbarn 2018 ein Defizit von 87 Milliarden Dollar, was Präsident Trump ein Dorn im Auge ist. Etwas günstiger sieht es aus, wenn man zusätzlich die grenzübergreifend verkauften Dienstleistungen berücksichtigt. Das ist eine Komponente, die Trump auch gegenüber der EU  gerne unterschlägt, weil sie seine Erzählung von den so unfair behandelten Amerikanern infrage stellte. Bei den Dienstleistungen erzielten die USA 2018 gegenüber Mexiko einen Überschuss von 9 Milliarden Dollar. (red)

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