Trump: Mit der Börsen-Keule gegen China

Der US-Präsident lässt Pläne ausarbeiten, die einen Ausschluss chinesischer Firmen von den US-Börsen beinhalten. Von «Abgrund» ist nun die Rede.

Ein von ihm ausgelöster Kapitalkrieg würde nach Ansicht von Experten noch viel mehr Schaden anrichten als der Handelskrieg: US-Präsident Trump. Foto: Kevin Lamarque/Reuters

Ein von ihm ausgelöster Kapitalkrieg würde nach Ansicht von Experten noch viel mehr Schaden anrichten als der Handelskrieg: US-Präsident Trump. Foto: Kevin Lamarque/Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Anfang des wirtschaftlichen Konflikts zwischen den USA und China stand der Begriff «Handelskrieg», womit protektionistische Massnahmen wie vor allem höhere Zölle auf den Produkten des anderen Landes gemeint sind. Dann kam der Währungskrieg dazu: die Behauptung des US-Präsidenten, dass China und die Europäer bewusst ihre Währung auf Kosten der Konkurrenzfähigkeit der USA abwerten, und sein Wunsch, dass die Amerikaner dasselbe tun sollten. Neu dazugekommen ist in den letzten Tagen der Begriff «Kapitalkrieg».

Gemeint sind damit Massnahmen, um die Kapitalbeziehungen zwischen Chinas Wirtschaft und jener der USA zu schwächen oder sogar ganz zu unterbinden. Konkret haben Mitglieder der Trump-Administration gemäss einem Bericht der Agentur Bloomberg vom Freitag Pläne erwogen, an den US-Börsen gelistete chinesische Firmen von dort zu verbannen und Kapitalanlagen in China etwa durch Anlagefonds zu unterbinden. Die Agentur verwies einerseits auf ungenannte Quellen im Umfeld des Präsidenten, anderseits auch auf Politiker wie Trumps Wirtschaftsberater Larry Kudlow oder Senator Marco Rubio, die solches offen fordern.

An den Börsen und Kapitalmärkten hat die Meldung für Unruhe gesorgt. Mit dem S&P500 fiel der wichtigste US-Börsenindex der USA am Freitag gleich nach dem Bericht in den negativen Bereich. Die grössten Kursverluste erlitten Aktien von chinesischen Firmen. Der Titel von Alibaba, dem grössten in den USA indirekt kotierten Unternehmen, verlor 5 Prozent. In Berichten mehrerer Finanzportale zeigen sich Marktbeobachter besorgt.

«Bis jetzt» keine Pläne

Die negativen Reaktionen hatten zur Folge, dass das US-Finanzministerium am Wochenende die Absicht herunterspielte. Zumindest gebe es «bis jetzt» keine Pläne, chinesische Unternehmen von den US-Börsen auszuschliessen, liess das Ministerium verlauten. Mit Blick auf den bisherigen Verlauf der Auseinandersetzung zwischen China und den USA hat diese Beruhigung wenig Bedeutung. Eine zunehmende Verschärfung des Konflikts war bisher die Norm.

Doch schon allein der Umstand, dass solche Pläne in der Trump-Administration ins Auge gefasst werden, hat Folgen. So wie Unternehmen weltweit ihre Investitionen zurückfahren, weil sie noch nicht wissen, welche Konsequenzen der Handelskrieg für ihre Produktionsketten und ihren Absatz hat, so drohen auch auf den Kapitalmärkten Anpassungen, bevor konkrete Massnahmen beschlossen werden.

Dem Vertrauen in den US-Kapitalmarkt dienen die Pläne jedenfalls nicht. «Sind die USA verrückt geworden?», hätten sich Hedgefonds-Manager in New York, Aktienhändler in Hongkong und Privatebanker in Shanghai gefragt, schreibt der Bloomberg-Kolumnist Shuli Ren mit Verweis auf entsprechende Quellen nach der Veröffentlichung des Berichts.

Zum Verkauf von US-Schuldpapieren gezwungen

Wenn China seine Unternehmen tatsächlich von den US-Börsen nehmen müsste, wären die Chinesen gezwungen, das Kapital für ihre Firmen anderweitig zu beschaffen – ein Verkauf von US-Staatsanleihen aus den Währungsreserven würde damit wahrscheinlich, schreibt Ren. China verfügt über Schuldpapiere der US-Regierung im Umfang von 1,1 Billionen Dollar. Mit Verweis auf die jüngsten Sorgen im US-Finanzmarkt schreibt Shuli Ren: «Wenn man die Liquiditätsknappheit an den US-Geldmärkten diesen Monat für nervenaufreibend hielt, dann muss man sich erst einmal vorstellen, was geschieht, wenn Peking dem Markt mit Anleihenverkäufen so viel Geld entzieht, wie die US-Notenbank ihm mit seinen Anleihenkäufen über ein Jahrzehnt hinzugefügt hat.» Allerdings würde sich China mit einem Verkauf der Anleihen auch selbst schaden – weil die Anleihen dadurch an Wert verlieren würden.

Angesichts der extrem tiefen bis negativen Zinsen in vielen entwickelten Ländern bieten Schwellenländer wie vor allem China Anlagealternativen mit höheren Zinsen. Ein Verbot für US-Fonds, dort zu investieren, würde deren Möglichkeiten, ansprechende Renditen etwa für Pensionäre, weiter mindern. Und weil die Lebensdauer dieser Pensionäre immer länger wird, sind die Fonds erst recht unter Druck, höhere Renditen zu erwirtschaften. Es gibt allerdings auch Stimmen, die für eine Einschränkung der Subventionen in China Verständnis zeigen. Noch immer gelten die chinesischen Kapitalmärkte als undurchsichtig, schlecht reguliert und deshalb riskanter als jene in entwickelten Kapitalmärkten.

Ungeahnte Konsequenzen

Wie beim Handelskrieg hätte aber ein Kapitalkrieg angesichts der internationalen Vernetzung und den gegenseitigen Abhängigkeiten ebenfalls Konsequenzen weit über China und die USA hinaus. Leidet zum Beispiel der chinesische Produktionsstandort unter Kapitalmangel, hat das Folgen für die gesamten Produktionsketten weltweit. Schwer einzuschätzen sind die Konsequenzen allein auf die internationalen Kapitalmärkte. Kapitalströme sind in ihren Strukturen und durch verschiedene derivative Instrumente weltweit in einer Art miteinander verbunden, dass sich schwer abschätzen lässt, wo sich welche Konsequenzen zeigen, wenn ein wichtiger Markt ausfällt. Das war unter anderem die Lehre des Bankrotts der Grossbank Lehman Brothers auf dem Höhepunkt der Finanzkrise oder der Asienkrise Ende der 1990er-Jahre.

«Wenn man den Handelskrieg nicht mag, dann sollte allein die Vorstellung eines Kapitalkriegs grössere Ängste auslösen», schreibt deshalb John Authers, heute ebenfalls Bloomberg-Kolumnist und bekannt als einstiger Marktberichterstatter der «Financial Times».

Ray Dalio, Milliardär und Gründer des weltgrössten Hedgefonds Bridgewater, sieht in den Überlegungen der US-Regierung einen weiteren Schritt, der die Welt in die gleichen Abgründe führt wie in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg.

Erstellt: 02.10.2019, 19:01 Uhr

Brüssel warnt USA vor Strafzöllen wegen Airbus nach WTO-Entscheid

Die EU-Kommission hat die USA davor gewarnt, im Streit um Subventionen für den Flugzeugbauer Airbus Strafzölle einzuführen. Die Welthandelsorganisation WTO hatte den USA zuvor grünes Licht für Aufschläge auf EU-Importe im Wert von 7,5 Milliarden Dollar gegeben.

«Wenn die USA beschliessen, von der WTO genehmigte Gegenmassnahmen einzuführen, werden sie die EU in eine Situation bringen, in der wir keine andere Wahl haben, als das gleiche zu tun», erklärte EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström am Mittwoch in Brüssel. Denn es wird eine ähnliche WTO-Entscheidung zu Gunsten der Europäer im parallel verhandelten Boeing-Fall erwartet.
Der Streit, in dem Brüssel und Washington sich gegenseitig illegale Subventionen vorwerfen, dauert schon seit rund 15 Jahren. Die in getrennten Verfahren mit dem Streit betraute WTO erklärte sowohl Subventionen für das europäische Unternehmen Airbus als auch für den US-Wettbewerber Boeing für unzulässig.
«Die gegenseitige Einführung von Gegenmassnahmen würde aber nur den Unternehmen und Bürgern auf beiden Seiten des Atlantiks schaden», warnte Malmström - und das zu einer «sensiblen Zeit» für den Welthandel. (sda)

Artikel zum Thema

China droht USA mit Vergeltung im Handelskrieg

China will den Handelsstreit mit den USA in einer ruhigen und vernünftigen Weise lösen. Dennoch sprach Aussenminister Wang Yi von weiteren Gegenmassnahmen. Mehr...

Das müssen Sie über den Handelskrieg wissen

Donald Trump kann sich keinen schlechten Deal leisten und Xi Jinping ist unter Druck: Antworten zum Konflikt zwischen den USA und China. Mehr...

Mit der Ruhe ist es vorbei

Nicht nur der Handelskrieg sorgt am Aktienmarkt für Verunsicherung. Optimisten setzen auf stabilisierende Stimulusprogramme. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Willkommen auf dem E-Bauernhof

Im Jahr 2050 gilt es, 9,8 Milliarden Menschen zu ernähren. Somit muss bis dann die Nahrungsmittelproduktion weltweit um 70 Prozent erhöht werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Blumen-Idylle: In Kathmandu, Nepal, fliegt ein Sommervogel von Blüte zu Blüte. (8. November 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...