Trump schürt Ängste vor einem Währungskrieg

Der US-Präsident hält die Politik anderer Notenbanken für «unfair». Eine neue Eskalation im Handelsstreit würde auch die Schweiz treffen.

Donald Trump wirft China und Europa vor, ein «grosses Devisenmanipulationsspiel» zu spielen. <nobr>Foto: Andrew Harnik (Keystone)</nobr>

Donald Trump wirft China und Europa vor, ein «grosses Devisenmanipulationsspiel» zu spielen. Foto: Andrew Harnik (Keystone)

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Während die Welt noch darüber spekuliert, was der sogenannte Waffenstillstand im Handelskrieg zwischen China und den USA nach dem G-20-Gipfel bedeutet, macht zunehmend ein weiterer martialischer Begriff die Runde: Die Rede ist von einem Währungskrieg. Damit ist gemeint, dass Länder absichtlich ihre Währung auf Kosten anderer schwächen, um so ihre Exporte zu befeuern.

In einem Beitrag auf dem US-Wirtschaftssender CNBC erwartet der Chefstratege der Bank Julius Bär einen Währungskrieg in den nächsten zwei bis drei Jahren. Den Auftakt würden die USA mit einer Schwächung des Dollars machen.

Hauptgrund für die wachsenden Sorgen sind wie bei so vielem die Tweets des US-Präsidenten. Erst gestern wieder warf er China und Europa vor, ein «grosses Devisenmanipulationsspiel» zu spielen. Sie «pumpen Geld in ihr System, um mit den USA zu konkurrenzieren», schrieb Trump und «Wir sollten uns anpassen oder weiterhin die Dummies sein».

Offene Kritik an Draghi

Insbesondere die Europäische Zentralbank (EZB) verfolgt eine äusserst expansive Geldpolitik mit dem Ziel, die Wirtschaft der Währungsunion zu stabilisieren. Doch Trump sieht darin vor allem den Zweck, den Euro gegenüber dem Dollar zum Nachteil der USA zu schwächen. Das machte er bereits unmittelbar nach einer Rede von Mario Draghi am 18. Juni deutlich, in welcher der EZB-Chef die Politik seiner Notenbank erklärt hatte. Auch darauf reagierte Trump per Twitter sofort: «Mario Draghi kündigte gerade an, dass weitere Impulse kommen könnten, die den Euro gegenüber dem Dollar sofort fallen liessen, was es ihnen ungerechterweise leichter macht, gegen die USA anzutreten. Damit sind sie seit Jahren davongekommen – zusammen mit China und anderen.»

Aus seinen Tweets wird deutlich, dass Trump weniger der Umstand stört, dass aus seiner Sicht andere Länder einen Währungskrieg gegen die USA führen, als vielmehr, dass die USA selbst passiv bleiben. Trumps Problem: Die stärksten Instrumente, um wie von ihm gewünscht den Dollar zu schwächen, stehen nicht ihm zur Verfügung, sondern der US-Notenbank Fed: Eine deutlich expansivere Geldversorgung – mit raschen Leitzinssenkungen zum Beispiel – würde den Dollar schwächen.

Zwar hat Fed-Chef Jerome Powell bereits eine Schubumkehr eingeleitet. Während noch bis Ende 2018 weitere Zinserhöhungen erwartet wurden, gehen jetzt immer mehr Beobachter davon aus, dass das Fed diesen Monat seinen Leitzins sogar wieder senkt. Doch Trump würde sich ein weit aggressiveres Vorgehen wünschen, wie er immer wieder deutlich macht. Diese Entschlossenheit des Staatschefs der nach wie vor grössten Wirtschaftsmacht der Welt, die zudem mit dem Dollar über die dominierende Währung verfügt, gibt genügend Grund zur Sorge um einen Währungskrieg. Es war ja auch dieser Präsident, der den Handelskrieg losgetreten hatte.

Eine gefährliche Fehlinterpretation

Dass Trumps Wahrnehmung der Politik anderer Notenbanken diese Gefahr steigert, machte auch der Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich Agustin Carstens im Gespräch deutlich: Es ist nach Carstens’ Ansicht «unangemessen», etwa die Geldpolitik der EZB «als aktive Massnahme im Handelskrieg zu interpretieren, aber eine solche Interpretation erhöht die Gefahr eines Währungskriegs». Carstens' Warnung hat umso mehr Bedeutung, als der einstige Chef der Notenbank von Mexiko wie schon einmal wieder als wichtiger Anwärter auf den Chefsessel des Internationalen Währungsfonds (IWF) gilt. Diese Organisation wurde einst gerade geschaffen, um Handels- und Währungskriege zu verhindern.

Carstens machte auch deutlich, warum es im Rahmen des Handelskriegs besonders schnell zu gefährlichen Fehlinterpretationen kommen kann: «Wenn ein Land die Zölle auf Importe erhöht, um seine inländische Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, passt sich der Wechselkurs an und neutralisiert einen Teil der Zollerhöhung.»

Was er meint, zeigt sich etwa am Beispiel von China: Die Zollerhöhungen der USA gegenüber China drücken auf dessen Exporte und auf die Wirtschaft, und sie befeuern die Kapitalflucht. All das schwächt die Währung Chinas automatisch, und dies, obwohl sich die chinesischen Behörden der Abwertung mit Devisenmarktinterventionen entgegengestemmt haben.

Die Risiken für die Nationalbank

Die Sorgen vor den Folgen der Auseinandersetzung belasten auch die Wirtschaft Europas, weshalb sich auch die EZB von ihrer expansiven Geldpolitik nicht verabschieden kann und deshalb ebenso wenig die Schweizerische Nationalbank (SNB) – da Letztere sonst eine deutliche Aufwertung des Frankens gegenüber dem Euro befürchten muss.

Die SNB ist zwar im jüngsten halbjährlichen Bericht des US-Finanzministeriums nicht mehr unter Beobachtung wegen einer unfairen Währungsmanipulation. Doch der Bericht wirft anders als Trump noch nicht einmal China oder Deutschland vor, die Währung zu manipulieren. Das liegt allerdings nur an den noch vor der Amtszeit von Trump aufgestellten Kriterien, die für ein solches Urteil notwendig wären und die kein Land bisher erfüllt. Wie die Tweets des US-Präsidenten deutlich machen, kümmert er sich nicht um diese technischen Details. Für ihn sind die üblen Absichten der anderen bereits ausreichend erwiesen.

Für die SNB kann das nur eine Warnung sein. Denn gerade wenn sich der Handelskrieg wieder verschärft oder die Ängste vor einem Währungskrieg zunehmen, dürfte der Franken wieder stark zulegen, da in einem Umfeld, in dem die Länder weltweit ihre Währungen zu schwächen versuchen oder das nur schon befürchtet wird, der Franken wieder zum sicheren Hafen wird. Ergreift die SNB dann aber Gegenmassnahmen, indem sie etwa wieder Devisen auf den Märkten kauft, dürfte sie ebenfalls den Zorn Trumps zu spüren bekommen.

Erstellt: 04.07.2019, 13:11 Uhr

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