Trump versprach Handelskrieg und bekam ein Riesendefizit

Seit dem Zollkrieg mit China ist das Aussenhandelsdefizit der USA angestiegen statt gesunken. Weshalb der US-Präsident daran nichts ändern kann.

«Zölle sind das Grösste»: Das schrieb Donald Trump auf seinem Lieblingskommunikationskanal Twitter. (6. März 2019)

«Zölle sind das Grösste»: Das schrieb Donald Trump auf seinem Lieblingskommunikationskanal Twitter. (6. März 2019) Bild: Leah Millis/Reuters

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Ein hohes Handelsdefizit, so schrieb Trump noch am 3. März per Twitter, sei die Folge «von sehr dummen Handelsabkommen und einer entsprechenden Politik. Unsere Jobs und unseren Wohlstand vergeben wir so anderen Ländern, die seit Jahren von uns profitieren. Sie lachen darüber, was für Dummköpfe unsere Führer gewesen sind. Das ist jetzt vorbei.»

Es ist nicht vorbei, wie die gestern vom Handelsdepartement der USA veröffentlichten Zahlen zeigen. Beim Warenhandel ist das Defizit der USA im gesamten Jahr 2018 auf den höchsten je erreichten Wert von 891 Milliarden Dollar angestiegen, bezieht man die Dienstleistungen mit ein, beläuft sich das Defizit auf 621 Milliarden Dollar, das höchste seit der Finanzkrise.

Schaut man die Entwicklung des Defizits im Zeitverlauf an, so ist es nicht nur jeden Monat seit der Wahl von Donald Trump weiter angestiegen, sondern auch deutlich stärker als in der Zeit vor seiner Präsidentschaft. Allein das Defizit der USA gegenüber China – dem Hauptfokus der ganzen Auseinandersetzung – ist jedes Jahr, seit Trump an der Macht ist, weiter angestiegen.

Zölle sind nicht das Grösste

Diese Daten sind eine schwere Blamage für die Handelskriegs-Politik, die Donald Trump losgetreten hat. Dass die Länder der Welt deutlich mehr Güter und Dienstleistungen nach Amerika liefern, als die USA umgekehrt in die Welt verkaufen, ist für den US-Präsidenten ein Zeichen dafür, dass sein Land von den anderen über den Tisch gezogen wird. Seine Schlussfolgerung: «Zölle sind das Grösste», wie er es per Twitter verkündete. Verteuern die Amerikaner die ausländischen Güter, so seine Logik, werden deren Produkte weniger eingekauft und jene aus den USA dafür mehr. Das Handelsdefizit müsste also schrumpfen.

Doch Länder funktionieren nicht wie Unternehmen. Verkäufe eines Landes ins Ausland treiben keine Gewinne, und Einkäufe aus dem Ausland sind keine verlusttreibenden Kosten. Beim Aussenhandel geht es um einen Tausch. Und wenn in einem Land wie in den USA generell mehr ausgegeben wird – durch Unternehmen für Investitionen, durch Konsumenten oder durch den Staat –, als Einkommen durch die eigene Produktion entsteht, dann können nur Importüberschüsse und eine damit verbundene steigende Verschuldung gegenüber dem Ausland für den Ausgleich sorgen.

Mit seinen Steuererleichterungen im Umfang von 1,5 Billionen Dollar, die Trump im Jahr 2017 auf den Weg brachte, hat er die Ausgaben und die Verschuldung der USA weiter befeuert und damit auch die Importüberschüsse.

Ökonomen sind nicht überrascht

Für Ökonomen ist deshalb das Aussenhandelsergebnis keine Überraschung. Aus ihrer Sicht war die Argumentation nie überzeugend, dass sich mit höheren Zöllen die Defizite verringern lassen. Eine Erklärung dafür liefert auch die Kapitalverkehrsbilanz. Sie ist die andere Seite der Aussenhandelsbeziehungen und zeigt den Verlauf der Kapitalströme.

Die weltweit dominierende Rolle des Dollars und des US-Kapitalmarkts hat zur Folge, dass in der Regel mehr Kapital in die USA fliesst als umgekehrt von den USA ins Ausland. Der Kapitalimportüberschuss ist der Spiegel des Aussenhandelsdefizits. Denn dieser Überschuss befeuert in den USA Konsum und Investitionen und damit auch die Importe. Alleine solange der US-Dollar die Funktion der Weltreservewährung einnimmt, sind Aussenhandelsdefizite der USA nicht zu vermeiden.

Etwas salopp könnte man sagen, der Rest der Welt gibt den Amerikanern Kredite dafür, damit diese bei ihm einkaufen. Solange in den USA die Verschuldung steigt, um das Wachstum anzufeuern (und dies für die USA einfach und billig bleibt), wird sich am Handelsdefizit nichts ändern.

Wo Trump recht hat

Donald Trump hat recht, wenn er sagt, die Defizite bedeuteten, dass damit den USA Beschäftigung im Inland entzogen wird. Und es ist auch richtig, dass Länder wie vor allem China und Deutschland ihr Wirtschafts- und Wachstumsmodell umgekehrt zu den USA geradezu auf Überschüsse ausgerichtet haben, also auf geringere inländische Ausgaben als Einnahmen, sodass sie netto Kapital exportieren und dort Nettoexportüberschüsse für Vollbeschäftigung sorgen.

Diese Art von internationaler Arbeitsteilung wurde schon oft als potenzielles Risiko genannt. Um daran etwas zu ändern, wäre eine fundamentale Änderung der internationalen Aussenhandelsbeziehungen nötig. Die Überschussländer müssten mehr für die inländische Nachfrage tun, was auch den dortigen Bevölkerungen zugute käme. Zumindest China will einen solchen Wandel ohnehin vollziehen. Ein Zollkrieg ändert – wie sich erneut zeigt – nichts an den fundamentalen Ungleichgewichten, vergiftet aber das Klima und zerrüttet die bestehenden Wertschöpfungsketten.

Erstellt: 07.03.2019, 15:54 Uhr

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