Verkehrte Welt, verrückte Welt

«Hypozinsen im freien Fall», schreibt ein Vergleichsdienst. Statt dass Geld leihen wieder kostet, wirds immer noch billiger. Düstere Erinnerungen werden wach.

Bauen, was das Zeug hält – weil Geld ausleihen praktisch nichts mehr kostet: Grosse Gebäudekomplexe am Zürcher HB. Foto: Gaetan Bally/Keystone

Bauen, was das Zeug hält – weil Geld ausleihen praktisch nichts mehr kostet: Grosse Gebäudekomplexe am Zürcher HB. Foto: Gaetan Bally/Keystone

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Von einer «verkehrten Welt» schreibt der Internet-Vergleichsdienst Comparis im Begleittext zu seiner jüngsten Erhebung zu den Hypothekarzinsen in der Schweiz. Man könnte auch von einer aus den Fugen geratenen Welt oder einer sehr gefährlichen Welt sprechen. Gemäss den Daten von Comparis und gestern schon von Moneyland («Hypozinsen im freien Fall») kostet eine fixe 10-jährige Hypothek nur noch wenig mehr als ein Prozent, eine zweijährige Hypothek nur unwesentlich weniger. Gemäss den Erhebungen sind bei guter Bonität sogar noch tiefere Sätze drin.

Verrückt und gefährlich ist das, weil diese Sätze kaum mehr eine Prämie für die Risiken durch solche Ausleihungen enthalten. Berücksichtigt man die erwartete jährliche Inflation von Rund 0,6 Prozent, dann ist eine Hypothek kaufkraftbereinigt fast gratis. Dass die kurzfristigen Zinssätze sich von den langfristigen Sätzen ebenfalls kaum unterscheiden, impliziert überdies, dass auch in Zukunft keine Inflation oder anderen Risiken erwartet werden – eine Art ewiges Wirtschaftswunderland.

Doch Wirtschaftswunderländer sind nicht von dieser Welt. Wir wissen von früheren extremen Verwerfungen bei den Zinsen, was droht: Ende der 1980er-Jahre führte das in der Schweiz zu einer schweren Immobilienkrise, von der sie sich erst gegen Ende der 1990er-Jahre erholt hat. In den USA war sie wesentlicher Grund für die Finanzkrise, und auch die Eurokrise geht auf viel zu tiefe Zinsen für gefährdete Länder wie Griechenland zurück.

Der Hoffnungsträger rudert zurück

Was diese Entwicklung befeuert, ist kein Geheimnis. Die Notenbanken tun weiterhin alles, um ihre jeweilige Wirtschaft mit Geld zu fluten. Nicht nur in der Schweiz. Erst gestern hat Jerome Powell, Chef des Fed in den USA, dem Kongress – dem Parlament des Landes – wenig verblümt erklärt, dass auch seine Notenbank die Zinsen demnächst wieder senke. Dabei war das Fed noch bis vor kurzem der grosse Hoffnungsträger für ein Zeitalter wieder normaler Zinsbedingungen. Das war gestern.

Der Begriff einer «Normalisierung der Zinsen» für höhere Sätze passt ohnehin immer weniger. Denn nach seit Jahrzehnten tiefen und sinkenden Zinsen müssen wir uns mit dem Gedanken anfreunden, dass dies das neue Normal ist. Laut Ökonomen liegen die sogenannten neutralen Zinssätze – jene, die für eine Vollbeschäftigung nötig sind – ebenfalls so tief wie noch nie. Die sogenannte flache Zinskurve – der Umstand, dass sich die Langfristzinsen von jenen für kurze Fristen nicht nur auf den Immobilienmärkten immer weniger unterscheiden – beinhaltet ebenfalls die Erwartung, dass mit Zinserhöhungen auch in Zukunft niemand rechnet.

Opfer des eigenen Erfolgs

Auch weil die Notenbanken seit der Finanzkrise alles getan haben, um so gut wie alle wirtschaftlichen Verwerfungen zu mildern oder mit Geldspritzen zuzuschütten, sind sie jetzt Gefangene der Erwartung, ja der Forderung, dass sie dies auch weiterhin tun. Kein Wunder, fordert in den USA Präsident Trump unverhohlen rasche Zinssenkungen, damit die Aktienmärkte noch mehr zulegen und die Wirtschaft noch heisser läuft. Denn das fördert seine Wiederwahlchancen. Nicht von der Politik drohe aber die grösste Gefahr für die Unabhängigkeit der Notenbanken, hat kürzlich Ex-Bundesbankchef und UBS-Präsident Axel Weber erklärt, sondern eben von diesen Erwartungen an den Börsen und Kapitalmärkten.

Paradoxerweise stehen die Notenbanken aber auch gerade wegen der wachsenden Risiken, die ihre anhaltende Tiefzinspolitik verursacht, unter Druck, an dieser festzuhalten. Was droht, wenn in der Schweiz die Hypothekarzinsen wider Erwarten steigen und die Immobilienpreise sinken? Was, wenn dann viele Hausbesitzer auf einen Schlag überschuldet sind und grosse inländische Banken massive Abschreiber tätigen müssen? Was, wenn weltweit die vielen Firmen einbrechen, die sich dank den Tiefstzinsen massiv verschuldet haben? Was, wenn wieder eine Bankenkrise droht, weil viele Finanzinstitute wegen ausfallender Kredite und einer tiefen Rentabilität schliessen müssen? Was, wenn Länder plötzlich wieder etwas für ihre Verschuldung bezahlen müssen? Was, wenn Risiko plötzlich wieder einen Preis hat – nachdem so viele davon ausgegangen sind, das sei ewig fast kostenlos zu haben?

Die fehlenden Alternativen

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, eine Art Zentralorgan der weltweiten Notenbanken, hat in ihrem jüngsten Jahresbericht erneut fast schon flehend die Staaten dazu aufgerufen, die Geldpolitik zu entlasten. Es müssten jetzt andere Institutionen die Aufgabe übernehmen, die Weltwirtschaft zu stabilisieren. Doch nichts in der Art zeichnet sich ab. Es gibt ja gerade wegen der Geldpolitik auch keinen Druck dazu.

So ruhen denn die Hoffnungen noch auf dem, was man schwerfällig als «makroprudenzielle Massnahmen» bezeichnet. Sie sollen die negativen Effekte der Tiefstzinsen meistern helfen. Dazu gehören Einschränkungen bei der Vergabe von Krediten oder Hypotheken wie höhere Kapitalpuffer für Banken, mehr Sicherheiten durch Kreditnehmer, eine tiefere Belehnungsgrenze für Hypotheken bei Immobilienkäufen oder kürzere Fristen für die Amortisation der Gelder. Auf Druck der Behörden und um einer entsprechenden Regulierung auszuweichen, hat in der Schweiz die Bankiervereinigung «freiwillige» Schritte in diese Richtung unternommen.

Leider sind auch solche Massnahmen «Pflästerlipolitik». Das heisst, sie gleichen dem notdürftigen Verkleben von Löchern in einem Ballon, in den immer mehr Wasser fliesst. Solange dieser Zufluss nicht gestoppt wird – die Zinsen extrem tief bleiben –, können sie eine drohende Katastrophe bestenfalls hinausschieben, aber nicht verhindern.

Erstellt: 11.07.2019, 16:08 Uhr

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