EU-Markt: Ein Nicht-Mitglied profitiert am meisten – die Schweiz

Zürich, Basel und das Tessin schlagen viel mehr Profit aus dem EU-Handelsraum als Brüssel oder Berlin. Jetzt ist klar, warum.

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Die Schweiz ist nur über die bilateralen Verträge mit dem Europäischen Binnenmarkt verbunden. Und dennoch ist das Land der grösste Gewinner dieses wirtschaftlichen Gebildes. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung.

Pro Jahr liegt der absolute Einkommenszuwachs gemäss der Erhebung in der Schweiz im Durchschnitt pro Kopf bei 2914 Euro. In Deutschland, das insgesamt am meisten vom Binnenmarkt gewinnt, ist der Zuwachs pro Kopf mit 1046 Euro deutlich geringer, und der nördliche Nachbar folgt erst auf dem 12. Platz. Selbst gemessen am relativen Einkommenszuwachs hat die Schweiz einen Spitzenplatz inne. Hier folgt sie mit einem Zuwachs um 4,016 Prozent im Vergleich zu einem Zustand ohne Binnenmarkt an dritter Stelle hinter den EU-Ländern Belgien und Luxemburg.

Die Studie hat jedoch nicht nur die ökonomischen Wirkungen des Binnenmarkts auf Staaten untersucht, sondern diese noch in Regionen aufgesplittet. Auch hier stechen wieder Schweizer Regionen besonders hervor. Von den zehn, die am meisten profitieren, stammen sieben aus der Schweiz. An erster Stelle steht Zürich mit einem absoluten jährlichen Einkommenszuwachs von 3592 Euro, gefolgt vom Tessin, der Nordwestschweiz (mit Basel als grösster Stadt) und der Zentralschweiz. Auf den Rängen sechs bis acht folgen die Region Lémanique mit Genf, Espace Mittelland mit Bern und die Ostschweiz.

Die Werte haben die Forscher erhalten, indem sie für das Jahr 2016 ermittelten, welches Einkommen die Regionen und Länder erwirtschaftet hätten, wenn es den Binnenmarkt nicht gäbe. Diese Berechnungen haben sie auf die Aussenhandelsstrukturen und die Wettbewerbsintensität abgestützt.

So liess sich auch berechnen, wie der Binnenmarkt die Margen, also die Differenz zwischen Verkaufspreisen und Kosten, der Unternehmen beeinflusst. Ein grösserer Wettbewerbsdruck führt zu tieferen Margen, was sich in den Daten auch zeigt. So sind sie für Schweizer Unternehmen 3,57 Prozent tiefer als ohne Binnenmarkt. Auch die Leistungsfähigkeit der jeweiligen Wirtschaft haben die Autoren so berechnet. In der Schweiz ist die Produktivität pro Jahr 3,44 Prozent grösser als ohne Binnenmarkt.

Dass die Schweiz übermässig vom Binnenmarkt profitiert, liegt an ihrer starken Ausrichtung auf den Aussenhandel mit Europa. Beim Aussenhandelsvolumen von Gütern hat die EU einen Anteil von 60 Prozent. Bei den Dienstleistungen beträgt der Anteil rund 50 Prozent. Ganz generell zeigt die Studie, dass kleinere, hochproduktive Länder mit starken Aussenhandelsbeziehungen überproportional Vorteile aus dem Binnenmarkt ziehen.

Die Studie bestätigt den Graben zwischen den Ländern Europas. In Griechenland steigt das Einkommen dank dem Binnenmark pro Jahr siebenmal weniger als in der Schweiz.

Für intensive Handelsbeziehungen und einen starken Wettbewerb ist auch die Nähe zu den Handelspartnern von grosser Bedeutung. Weil die Schweiz zwischen relativ starken Regionen liegt, profitiert sie entsprechend. Das erklärt auch den starken Einkommenszuwachs in Zürich, das an Süddeutschland grenzt, und des Tessins mit der angrenzenden Region Mailand. Umgekehrt profitieren Länder und Regionen mit einer schwächeren Wirtschaftsstruktur und Leistungsfähigkeit, die sich auch weiter weg von den produktiveren befinden, nur wenig vom Binnenmarkt.

Die Studie bestätigt den Graben zwischen den Ländern Europas. In Griechenland zum Beispiel steigt das Einkommen pro Jahr dank dem Binnenmarkt nur um 401 Euro pro Kopf und Jahr und damit mehr als siebenmal weniger als im Nichtmitgliedsland Schweiz. Noch ausgeprägter zeigt sich das Bild nach Regionen. So profitiert auch der Süden Italiens und Spaniens nur unwesentlich vom Binnenmarkt und auch deutlich weniger als der Norden des gleichen Landes. Aber auch in anderen Ländern zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Regionen, die meist dem Muster folgen: Je weiter weg von den Metropolen, desto geringer die ökonomischen Vorteile des Binnenmarktes.

Wie die Autoren der Studie schreiben, entsprechen ihre Schlussfolgerungen weitgehend denen anderer Untersuchungen. Dennoch weisen sie auch auf die Grenzen der Aussagekraft ihrer Zahlen hin. So sagen die angegebenen Durchschnittswerte nichts über die Verteilung der Gewinne durch den Binnenmarkt aus. Es ist also gut möglich, dass selbst in den Gewinnerregionen und -ländern nur eine Minderheit stark profitiert und viele leer ausgehen oder sogar verloren haben. Keine Aussage macht die Studie auch dazu, wie die Innovationsfähigkeit und das Wirtschaftswachstum beeinflusst werden. Ohne Binnenmarkt sind Rezessionen möglicherweise schlimmer als mit diesem.

Möglich ist aber auch, dass die errechneten Vorteile des Binnenmarktes übertrieben sind: Schliesslich würden die Länder ohne Binnenmarkt möglicherweise andere Handelsabkommen abschliessen.

Erstellt: 08.05.2019, 15:44 Uhr

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