Die OECD-Schelte überzeugt nicht

Schwächen in den Wirtschaftsstrukturen sollen der Grund für ein zu geringes Produktivitätswachstum der Schweiz sein. Die Daten sagen etwas anderes.

Überall zeigt sich das Computer- und Roboterzeitalter, nur nicht in den Produktivitätsstatistiken: Ein an der ETH Zürich entwickelter Roboter an der Arbeit.

Überall zeigt sich das Computer- und Roboterzeitalter, nur nicht in den Produktivitätsstatistiken: Ein an der ETH Zürich entwickelter Roboter an der Arbeit. Bild: Keystone

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Das Wachstum der Schweizer Wirtschaft ist enttäuschend, und ohne Gegenmassnahmen wird das wohl auch in nächster Zukunft so bleiben. Das ist die Kernbotschaft der OECD in ihrem gestern publizierten Wirtschafts-Länderbericht zur Schweiz. Der Bericht der Wirtschaftsorganisation der reichen Länder erscheint rund alle zwei Jahre.

Für das laufende Jahr erwartet die OECD, wie auch die Konjunkturstelle der ETH (KOF), nur gerade ein Wachstum des Bruttoninlandprodukts (BIP) von 0,8 Prozent, was deutlich unter dem schon in den Vorjahren wenigen Erreichten liegen würde. Pro Kopf wird das BIP im laufenden Jahr gemäss OECD sogar um 0,3 Prozent schrumpfen. Für die Folgejahre gehen die Ökonomen der Organisation ebenfalls von einem aussergewöhnlich tiefen Wachstum aus – einem tieferen, als sie inländische Prognostiker wie etwa von der KOF erwarten.

Als Grund für die schwache Entwicklung orten die Ökonomen der OECD eine aussergewöhnlich geringe Zunahme der Arbeitsproduktivität. Diese zeigt an, wie viel die Beschäftigten in der Schweiz pro Stunde in Geld gemessen produzieren. Die Produktivität ist daher ein wichtiges Mass für die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft. Vor allem für das langfristige, nicht durch Nachfrageschwankungen getriebene Wachstum der Volkswirtschaft pro Kopf ist die Produktivitätsentwicklung entscheidend. Sie kann uns nicht egal sein.

Wie gut sind unsere Wirtschaftsstrukturen?

Das Wachstum der Produktivität hängt von einer Reihe von Faktoren ab. Der wichtigste ist der technologische Fortschritt. Von Bedeutung ist daher unter anderem, wie viel in einer Volkswirtschaft in Forschung und Entwicklung investiert wird. Wichtig sind aber auch Investitionen in produktives Kapital. Dazu kommen weiter auch alle Faktoren, die Druck erzeugen, damit die effizientesten Produktionsmethoden auch angewendet werden, wie eine hohe Wettbewerbsintensität und geringe bürokratische Hürden. Die Verfügbarkeit von qualifizierten Beschäftigten sowie gute und flexible Bildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten und ein anpassungsfähiger Arbeitsmarkt ermöglichen zudem, dass neue und produktivere Prozesse unproduktive ersetzen.

Hat also die Schweiz ein ausgesprochenes Problem mit der Produktivität, dann kann das an fundamentalen institutionellen Mängeln in den Schweizer Wirtschaftssstrukturen liegen – und dann besteht dringender Handlungsbedarf. So argumentieren auch die Ökonomen der OECD in ihrem Länderbericht. Und sie sind nicht die einzigen. Mittlerweile exisitiert eine ganze Literatur zum Befund der neuen Schweizer Produktivitätswachstums-Schwäche.

Die Debatte erinnert an jene der ersten Hälfte der 2000er-Jahre, als eine Reihe von Ökonomen – teilweise unterfüttert mit sogenannten Weissbüchern – für die Schweiz ebenfalls eine fundamentale Wachstumsschwäche ausgemacht haben, was sie auf fehlerhafte Strukturen wie zu wenig Wettbewerb und zu viel Staatseinfluss zurückgeführt haben. Selbst Irland sei wirtschaftlich schon stärker als die Schweiz, hiess es damals. Dass die irische Wirtschaft vor allem wegen einer massiven Immobilienblase stark wuchs, deren Platzen nach der Finanzkrise das Land tief in die Krise gestürzt hat, blieb weitgehend unbeachtet. Zum Verstummen gebracht hat die Wachstumskrisen-Debatte damals vor allem der Umstand, dass gerade auf ihrem Höhepunkt das Wachstum in der Schweiz bis zur Krise wieder kräftig angezogen hat.

Der internationale Zusammenhang

Wie damals deutet auch heute vieles darauf hin, dass die Produktivitäts- bzw. Wachstumsschwäche der Schweiz nicht hauptsächlich auf Probleme der inländischen Wirtschaftsstrukturen zurückgeht. So hat alleine die Aufwertung des Frankens in den letzten Jahren laut Berechnungen der KOF überproportional auf die Ausgaben für Forschung und Entwicklung gedrückt. Schliesslich ist das Wachstum der Produktivität nicht nur in der Schweiz aussergewöhnlich schwach, sondern in allen entwickelten Ländern. Diese internationale Entwicklung steht ohnehin in einem krassen Widerspruch zur in intellektuellen Kreisen beliebten Schreckensvorstellung, wonach Roboter und die neuen digitalen Technologien demnächst alle Jobs übernehmen. Das verleitete den Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Solow zur berühmten Aussage, das Computerzeitalter sei überall zu sehen, nur nicht in den Produktivitätsstatistiken.

Ausgerechnet der OECD-Bericht selbst liefert gleich eine ganze Reihe von Daten, die in argem Widerspruch zur Erklärung von mangelhaften schweizerischen Wirtschaftsstrukturen für die hiesige Produktivitätsschwäche stehen. Wie er zeigt, ist die Schweiz top in einer ganzen Reihe von internationalen Strukturvergleichen und führend im Bereich von Forschung und Entwicklung. Und wenn man statt des Wachstums der Produktivität deren Niveau international vergleicht, schneidet die Schweiz nach wie vor ebenfalls aussergewöhnlich gut ab.

Kein Grund für fundamentale Zweifel

Die Messung der Arbeitsproduktivität ist zudem alles andere als unumstritten. Ein Beispiel dafür ist, dass die Berufslehre in der Schweiz die gemessenen Arbeitsstunden aufbläht, während der Produktionsausstoss der Lehrlinge noch relativ gering ist. Das führt zu schlechteren Produktivitätszahlen, obwohl die höhere Arbeitsbeteiligung und die praxisnahe Bildung für das Land von grossem Vorteil sind.

Verbesserungspotenzial in den Details hat die Schweizer Wirtschaft immer. Unbestritten ist auch, dass das international eingebrochene Wachstum der Produktivität ein Rätsel bleibt und langfristig ein Problem darstellt. Aber für eine grundlegende Skepsis an den Schweizer Wirtschaftsstrukturen besteht kein Anlass. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.11.2017, 19:02 Uhr

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