Warum die Schweiz stärker von China abhängig ist als gedacht

Die Exporte ins Reich der Mitte sind überschaubar. Doch ein chinesischer Wachstumseinbruch würde die Schweizer Wirtschaft hart treffen.

Eine chinesische Uhrenverkäuferin in Interlaken. Foto: Keystone/Peter Klaunzer

Eine chinesische Uhrenverkäuferin in Interlaken. Foto: Keystone/Peter Klaunzer

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Ein Konjunkturforscher nach dem anderen senkt derzeit die Wachstumsprognosen für die Schweizer Wirtschaft. Heute war die Reihe an den Ökonomen der Credit Suisse, die im laufenden Jahr von einer Steigerung des realen Bruttoinlandprodukts um immer noch vergleichsweise optimistische 1,5 (bisher: 1,7) Prozent ausgehen. Als eines unter vielen Risiken nennen sie China – insbesondere dann, wenn der schwelende Handelskonflikt mit den USA eskalieren sollte.

Doch selbst für den Fall einer gütlichen Einigung zwischen den beiden weltgrössten Volkswirtschaften dürften die von China ausgehenden Wachstumsimpulse in den kommenden Jahren fühlbar geringer ausfallen. Neben dem verlangsamten Bevölkerungszuwachs verweisen Beobachter auf den dramatisch gestiegenen Schuldenstand: Beides zusammen könnte das fernöstliche Riesenreich in ähnlicher Weise zurückbinden, wie das Japan in den 1980er-Jahren widerfahren war.

Überschaubares Exportvolumen nach China

Die Credit Suisse ist in ihrer heute veröffentlichten vierteljährlichen «Monitor»-Ausgabe der Frage nachgegangen, wie stark ein chinesischer Wachstumseinbruch auf die heimische Wirtschaft durchschlagen würde. Um den Befund vorwegzunehmen: Wir wären merklich stärker betroffen, als die Exportstatistiken vordergründig vermuten lassen. So exportieren Schweizer Unternehmen wertmässig immer noch fast doppelt so viele Güter in die benachbarten deutschen Bundesländer Baden-Württemberg und Bayern als nach China. Weitet man den Blick auf Deutschland insgesamt aus, ist das Exportvolumen in den wichtigsten Schweizer Absatzmarkt fast viermal so gross.

Der chinesische Markt rangiert in der hiesigen «Export-Hitparade» auf Platz fünf – mit einem letztjährigen Güterstrom im Volumen von 12 Milliarden Franken. Unsere Firmen nehmen damit jeden 20. Exportfranken im Reich der Mitte ein; unter Einschluss von Hongkong steigt der Anteil an den Gesamtausfuhren auf nach wie vor wenig beeindruckende 8 Prozent.

Das Exportvolumen ist also nicht nur überschaubar, zugleich sind die Schweizer Ausfuhren nach China auch weitaus mehr «immun» gegenüber Konjunkturausschlägen in Fernost als deutsche, amerikanische oder japanische. Das hängt mit der Struktur der heimischen China-Exporte zusammen: Knapp die Hälfte entfällt auf die Branchen Pharma, Chemie und Medizinaltechnik, die sich in der Vergangenheit weitgehend unabhängig von Chinas konjunktureller Verfassung entwickelt haben. Falls China nächstens einen Schnupfen bekommt, dürfte das Fieberthermometer in Deutschlands oder Japans Wirtschaft also deutlich höher steigen als hierzulande.

Uhrenverkäufe abhängig von chinesischen Touristen

Wir sollten uns aber deswegen nicht allzu sorglos in Sicherheit wiegen, wie die Credit-Suisse-Experten betonen. Denn die andere Hälfte der Schweizer Ausfuhren nach China ist sehr wohl abhängig vom dortigen Geschäftsgang. Das gilt in besonderem Masse für die Lebensmittelindustrie, aber auch für zwei weitere Schwergewichte unter den heimischen Exportbranchen, nämlich die Uhren- sowie die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie.

Der Uhrensektor macht auf exemplarische Weise deutlich, dass für die Abschätzung der wirtschaftlichen Bremsspuren, die von einem China-Schock herrühren, die länderspezifischen Exportzahlen viel zu kurz greifen. Denn laut Credit Suisse gehe «wertmässig nicht einmal jede zehnte exportierte Uhr direkt nach China». Vielmehr kaufen die Chinesen die Zeitmesser made in Switzerland eben auch in Hongkong – oder als Touristen in der Schweiz selber und in den Nachbarländern. Wenn immer sich das chinesische Reiseverhalten ändert – sei es aus wirtschaftlichen Gründen oder wegen der Sicherheitslage –, die Uhrenhersteller bekommen es zu spüren.

Deutschland-Effekt im Autosektor

Die indirekten Auswirkungen eines konjunkturellen Sturmtiefs über China auf die Schweizer Wirtschaft sind natürlich noch viel weitreichender. Was Wunder bei einem Markt, der in den vergangenen 20 Jahren etwa ein Viertel zum Wachstum der Weltwirtschaft beigesteuert hat. Die Credit-Suisse-Experten illustrieren diese Rückkopplungseffekte am Beispiel Deutschlands. Dass die Exporte unseres nördlichen Nachbarn recht empfindlich auf die wirtschaftliche Befindlichkeit der Chinesen reagieren, wissen wir bereits. Zugleich gilt: Die Schweizer Ausfuhren nach Deutschland ihrerseits sind stark abhängig vom Pulsschlag der dortigen Wirtschaft; ausgenommen davon sind einzig die Pharmaauslieferungen.

Für die Autoren liegt daher die Vermutung nahe, dass «die Schweizer Exporte nach Deutschland von der Entwicklung in China beeinflusst werden». Tatsächlich, so heisst es weiter, würden rund 20 Prozent der heimischen Ausfuhren an deutsche Kunden von diesen weiter exportiert, unter anderem nach China. Besonders ausgeprägt ist diese indirekte Abhängigkeit bei hiesigen Autozulieferern. Sie erklärt, weshalb die Aktien von Schweizer Firmen mit Engagements im Autosektor eine gewisse Parallelität «mit der Konjunktur und dem Aktienmarkt in China aufweisen», wie die Ökonomen der Grossbank festhalten.

Erstellt: 19.03.2019, 21:08 Uhr

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