Was die Angst auf den Zinsmärkten ausgelöst hat

Gestern sind an den Kapitalmärkten die Renditen überraschend stark hochgeschnellt. Ein führender Investor sieht bereits das Ende der Jahrzehnte dauernden Tiefzinsphase.

Ein zwischenzeitlicher Anleihen-Ausverkauf hat gestern die Märkte verunsichert: Eine Händlerin betrachtet die Marktentwicklung.

Ein zwischenzeitlicher Anleihen-Ausverkauf hat gestern die Märkte verunsichert: Eine Händlerin betrachtet die Marktentwicklung. Bild: Keystone

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Als grösstes wirtschaftliches Risiko für das angelaufene Jahr sehen Ökonomen eine steigende Inflation und höhere Zinsen. Als es gestern an den US-Anleihenmärkten zu einem zwischenzeitlichen Ausverkauf von auf zehn Jahre lautenden US-Staatsanleihen kam, hat das deshalb an den Kapitalmärkten für einige Nervosität gesorgt. Das Zinsniveau eines Landes für eine bestimmte Frist leitet sich gewöhnlich aus der Rendite von Staatsanleihen von dort ab. Die Rendite wiederum verhält sich genau umgekehrt zu den Kursen von Staatsanleihen. Der Anleihenverkauf der US-Staatsanleihen hat deshalb deren Renditen und damit auch das Zinsniveau in den USA ansteigen lassen.

Für Aussenstehende mag der Zinsanstieg noch gering erscheinen. Vom Montag bis zum Mittwoch stieg die Anleihenrendite für die zehnjährigen US-Staatsanleihen von 2,48 auf bis zu 2,6 Prozent. Für die Anleihenmärkte ist das aber eine starke Bewegung in dieser kurzen Zeit. Letztmals hat die Rendite nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten diese Höhe erreicht, als allgemein angenommen wurde, dass der seinerzeit frisch eingesetzte US-Präsident rasch ein beachtliches Stimulierungsprogramm aufsetzen werde. Diese Erwartung hat sich damals zerschlagen.

Die höheren Renditen beziehungsweise das höhere Zinsniveau in den USA wirken sich auf das Zinsniveau weltweit aus. Auch in den anderen grossen Währungsräumen sind die Zinsen leicht angestiegen, selbst in der Schweiz – leicht im negativen Bereich befinden sich hier die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen aber noch immer. Und generell sind sie im historischen Vergleich noch immer überall aussergewöhnlich tief. Höhere Zinsen haben aber auch Folgen für die Aktienbörsen. Vor allem Titel mit hohen Dividenden leiden, da die Anleihenrenditen im Vergleich dazu attraktiver werden. Von Vorteil ist ein höheres Zinsniveau dagegen für Bankaktien. Denn das ermöglicht ihnen unter anderem eine höhere Spanne zwischen Kreditzinsen auf der Ertragsseite und Zinsen für die Einleger auf der Kostenseite. Negativzinsen belasten die Banken ihren Einlegern in der Regel nicht.

Gerüchte um chinesische Zweifel

Für den kurzzeitigen Ausverkauf von Anleihen beziehungsweise den Zinsanstieg werden eine Reihe von Ursachen genannt. Die grösste Bedeutung hatte ein Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg mit Bezug auf chinesische Offizielle, gemäss denen China kein Interesse mehr am Kauf von US-Staatsanleihen habe und diese sogar zu verkaufen gedenke. Mehr als ein Drittel seiner sich auf 3,1 Billionen Dollar belaufenden Devisenreserven hat China in die Schuldenpapiere der USA investiert. Ein deutlicher Abbau dieser Reserven durch China würde das US-Zinsniveau in die Höhe schiessen lassen. Als dann China den Bericht von Bloomberg dementierte, endete der Ausverkauf – und die Renditen und damit das Zinsniveau korrigierten wieder etwas nach unten. Dass die Meldungen überhaupt die Bondmärkte bewegen konnten, steht schon deshalb für eine gewisse Nervosität, weil China schon länger keine US-Staatsanleihen mehr kauft; es baut den Bestand bereits seit Jahren durch Verkäufe ab.

Die Geschichte zeigt, dass auch an den weltweiten Zinsmärkten allein die Erwartungen die Entwicklung bestimmt. Und deshalb sind für einen Zinsanstieg weltweit keine neuen Entscheide der Notenbanken notwendig. Es reicht die Annahme, dass diese ihre Politik ändern werden. So war für den Ausverkauf der Anleihenmärkte auch der Umstand von Bedeutung, dass die Notenbank Japans ihre Käufe von Staatsanleihen des eigenen Staates um 5 Prozent reduziert hat, ohne dass sie eine Änderung ihrer Geldpolitik angekündigt hat.

Bill Gross spricht vom Ende einer Ära

Das starke Wachstum der Weltwirtschaft und die angelaufene Steuerreform in den USA, die das Wachstum noch mehr anheizt, sind wichtige Gründe für die Sorge vor einem stärkeren Inflationsanstieg, als das bisher erwartet wird. Kommt es soweit, würde das die Notenbanken weltweit zwingen, ihre aussergewöhnliche Geldpolitik rascher zu beenden (vor allem die japanische Notenbank und die Europäische Zentralbank), beziehungsweise die Zinsen rascher anzuheben (vor allem die US-Notenbank). Weil die Steuerreform in den USA auch die Staatsverschuldung deutlich ansteigen lässt, rechnen Analysten auch deshalb in Zukunft mit höheren Zinsen.

Für den sogenannten «Anleihen-König» Bill Gross, der mit Pimco das grösste Fondshaus für diese Anlagen erschaffen hat und jetzt für den Fondsanbieter Janus Henderson tätig ist, zeigen die jüngsten Entwicklungen einen fundamentalen Trendwechsel an: den Abschied einer rund dreissig Jahre währenden Aufwärtsbewegung bei den Anleihen, beziehungsweise einer spiegelbildlichen Abwärtsbewegung bei den Zinsen. Sein Fonds setzt daher bereits auf fallende Anleihenkurse oder vielmehr höhere Renditen. Die Einschätzung von Gross zu den Zinsen und den Anleihen teilt auch dessen Konkurrent Jeffrey Gundlach, der Gründer von DoubleLine Capital und ebenfalls ein gewichtiger Anleihen-Grossinvestor.

In Stein gemeisselt ist diese Entwicklung allerdings nicht. Zu oft schon wurde in den letzten Jahren die Zinswende verkündet, ebenso wie eine steigende Inflation. Beides ist bisher nicht eingetroffen. Die Politik der Notenbanken und das aktuelle Wirtschaftswachstum machen steigende Zinsen allerdings wahrscheinlich. Doch noch bleibt ungewiss, wann das sein wird und wie hoch die Zinsen ansteigen werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.01.2018, 17:51 Uhr

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