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Was misst das BIP überhaupt noch?

Die Mängel dieser Grösse werden immer augenfälliger. Eine Ökonomin fordert deshalb Alternativen.

Was nicht über Marktpreise gemessen wird, fliesst nicht in die Berechnung des BIP ein: Eine junge Frau kauft in einem Supermarkt ein.
Was nicht über Marktpreise gemessen wird, fliesst nicht in die Berechnung des BIP ein: Eine junge Frau kauft in einem Supermarkt ein.
Frank Augstein, Keystone

Das Bruttoinlandprodukt, oder abgekürzt BIP, ist der wohl meistverwendete Begriff aus der Welt der Wirtschaft. Er wird für eine Reihe sehr entscheidender Aussagen verwendet: Das BIP gilt als der wichtigste Massstab für Schaffenskraft einer Volkswirtschaft, für ihren Reichtum oder für die Wohlfahrt. Denn gemessen wird hier, was in einem Land innerhalb eines Jahres hergestellt wird. Auch wenn man die Entwicklung, das Wachstum einer Volkswirtschaft über die Zeit betrachten will, greift man deshalb auf das BIP zurück, indem man schaut, wie es sich von Jahr zu Jahr oder noch viel langfristiger verändert.

Doch schaut man sich diese Grösse etwas genauer an, erkennt man schnell, dass das BIP mit vielen entscheidenden Mängeln behaftet ist. Das ist keine neue Erkenntnis. Man war sich derer sogar schon bewusst, als das Bruttoinlandprodukt erstmals berechnet wurde. Aber die Unzulänglichkeiten haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten deutlich an Gewicht gewonnen. Das ist der Grund, weshalb sich Ökonomen wieder vermehrt über diese Zahl beugen. Und es ist ein Grund dafür, weshalb die Ökonomin Diane Coyle in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift «Finance & Development» des Internationalen Währungsfonds (IWF) dieser Debatte einen Artikel widmet. Coyle hat bereits 2014 ein Buch zur Geschichte des BIP verfasst («GDP A Brief But Affectionate History»).

Das noch verhältnismässig einfachste Problem liegt allein in der Exaktheit der Messung des BIP, da es schwer ist, wirklich alle Produkte und Dienstleistungen, die in einem Jahr in einem Land hergestellt wurden – ohne Doppelzählung durch Vorprodukte – genau zu erfassen. Deshalb werden neben dieser Produktionsberechnung auch zwei alternative Methoden angewandt: Man berechnet erstens alle mit dem BIP erzielten Einkommen und zweitens alle Ausgaben, die in einem Jahr getätigt wurden. Wobei sich auch hier eine Menge Abgrenzungsprobleme ergeben. Für Vergleiche über die Zeit muss ausserdem die Veränderung der Preise herausgerechnet werden aus der Summe der Ausgaben, um auch wirklich nur die Produktionsveränderung zu erhalten. Ohne diese Berücksichtigung der Preisänderungen spricht man von einer nominalen Entwicklung, nach deren Berücksichtigung von einer realen Veränderung, in den meisten Fällen macht nur diese Betrachtung Sinn. Doch alleine die Erfassung der Preisniveauänderungen in einer Volkswirtschaft ist sehr komplex und nie exakt möglich.

Nur der Markt zählt

Doch die Probleme mit dem Bruttoinlandprodukt gehen weit darüber hinaus. So misst das BIP grundsätzlich nur, was einen Marktpreis hat, also über einen Markt offiziell gehandelt wurde. Alles, was privat erstellt und geleistet wird, bleibt unberücksichtigt. Wie Diane Coyle beschreibt, hat das alleine deshalb eine grosse Bedeutung, weil heute viel mehr Frauen in den Arbeitsprozess eingegliedert sind. Wenn sie die Haus- und Erziehungsarbeit bezahlten und gemeldeten Putzleuten bzw. Betreuern überlassen, fliesst das ins BIP ein, sonst nicht.

Eine zunehmende Bedeutung hat das Nichterfassen von nicht offiziell entlohnter Arbeit aber auch im Zusammenhang mit den neuen Technologien. Viele Errungenschaften im Onlinebereich gehen auf freiwillige Leistungen vieler freiwillig und aus Begeisterung und Entdeckergeist zu Hause Arbeitender zurück, die zum Beispiel an einer gratis zugänglichen Open-Source-Software mitwirken. Der Wert dieser wertvollen Produktionen fliesst überhaupt nicht ins BIP ein.

Das BIP soll letztlich die Wohlfahrt messen. Bessere Produkte und Leistungen verbessern diese Wohlfahrt. Wenn solche Produkte aber den gleichen Preis behalten oder sogar günstiger werden, wird das falsch gemessen, nämlich als stagnierendes oder rückläufiges BIP, obwohl tatsächlich eine Steigerung des Wohlstands eingetreten ist.

Erklärung für das Produktivitätsrätsel

In diesem Zusammenhang haben die neuen Internet-Technologien eine noch viel grössere Bedeutung für das BIP. Da nur ihre Preise darin einfliessen, die die nicht im Ausmass der mit ihnen verbundenen Leistungsfähigkeit ansteigen, wird der Beitrag dieser Technologien an die tatsächliche Wertschöpfung unterschätzt. Das liefert auch eine Erklärung dafür, dass die Messung des Produktivitätswachstums in allen entwickelten Volkswirtschaften so enttäuschend ausfällt und als Folge davon das Wirtschaftswachstum insgesamt. Ein Teil davon geht schlicht auf Mängel bei der Erfassung der volkswirtschaftlichen Leistung zurück.

Für den Wohlstand ist laut Diane Coyle schliesslich auch von Bedeutung, wie ein BIP erstellt wird. Wenn zu seiner Steigerung der Kapitalstock einer Volkswirtschaft verbraucht wird, ist diese Entwicklung nicht nachhaltig. Das ist etwa der Fall, wenn bei der Erstellung der Produkte das Umfeld geschädigt wird, der soziale Zusammenhalt in der Gesellschaft oder die vorhandene Infrastruktur. Doch ob das der Fall ist, wird durch das BIP selbst nicht ausgedrückt.

Der Durchschnitt ist niemand

Besonders viel Gewicht hat im Zusammenhang mit der Wohlstandsentwicklung in allen entwickelten Ländern das Thema der wachsenden Ungleichheit. Dieses wirkt sich auch stark auf das Befinden der Menschen in einer Volkswirtschaft aus. Doch auch hierzu liefert das Bruttoinlandprodukt keine Messdaten. Das BIP pro Kopf ist ein reiner Durchschnitt und geht schlicht davon aus, dass jeder Mensch in einem Land den gleichen Anteil hat, auch an dessen Wachstum. Doch ein Wirtschaftswachstum kommt nicht allen zugute. So haben etwa in den USA die Einkommen der Mittelschicht seit Jahrzehnten stagniert,, während jene der Reichsten stark angestiegen sind.

Wie Coyle in ihrem Beitrag schreibt, gibt es für das Bruttoinlandprodukt nach wie vor keine angemessene Alternative, obwohl, wie von ihr beschrieben, die Probleme damit grösser geworden sind. Ein Grund dafür ist die relative Einfachheit und Unparteilichkeit dieser Grösse. Für eine weitergehende und angemessenere Messung der wirtschaftlichen Entwicklung wäre es nicht mehr möglich, nur eine Zahl dafür zu verwenden. Ausserdem ergeben sich schnell umstrittene Einschätzungsfragen: Ist zum Beispiel eine grössere Mobilität ein Faktor, der die Wohlfahrt der Menschen steigert, oder setzt sie mehr unter Druck? Hier dürften die Antworten unterschiedlich ausfallen. Laut Diane Coyle ist dennoch eine Alternative oder zumindest eine Ergänzung zum BIP gefragt, da die jüngsten Entwicklungen dessen Schwächen in einem Ausmass akzentuieren, dass seine Aussagekraft massiv geschwunden ist. Immerhin hätte das Thema deshalb unter den Ökonomen wieder eine viel grössere Bedeutung als auch schon.

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