Wem Draghi mit der Geldschwemme hilft

Die EZB hat mit dem Massenkauf von Staatsanleihen begonnen. 60 Milliarden Euro werden die Währungshüter pro Monat dafür ausgeben. Doch wozu soll das gut sein? Sieben Fragen und Antworten zur Geldflut.

Frühlingsstimmung in Europa? EZB-Chef Mario Draghi in Frankfurt.

Frühlingsstimmung in Europa? EZB-Chef Mario Draghi in Frankfurt. Bild: Keystone

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Seit heute flutet die Europäische Zentralbank (EZB) die Märkte mit unglaublich viel Geld: 1,1 Billionen Euro oder 60 Milliarden Euro pro Monat wollen die Währungshüter bis mindestens Ende September vor allem für Staatsanleihen ausgeben.

Warum startet die EZB umfangreiche Anleihenkäufe?

Die Preisentwicklung im Euroraum bereitet den Notenbankern Sorgen. Im Januar und Februar sind die Konsumentenpreise auf Jahressicht jeweils gesunken. Deshalb befürchtet die EZB eine Deflation, also einen anhaltenden Preisrückgang. Das könnte dazu führen, dass Konsumenten und Unternehmen Anschaffungen in Erwartung weiterer Preissenkungen verschieben und die Wirtschaft erlahmt. Dies will die EZB mit den Käufen verhindern: «Das Programm wird dazu beitragen, die Inflation wieder auf ein Niveau zurückzuführen, das mit dem Ziel der EZB im Einklang steht», heisst es dazu. Die EZB strebt eine Teuerungsrate von knapp zwei Prozent an.

Hat die EZB keine anderen Mittel?

Im Prinzip schon, doch sie hat ihr Pulver weitgehend verschossen. Das gilt vor allem für die Zinsen, mit denen die Geldpolitiker eigentlich die Inflation steuern: Eine Zinssenkung verbilligt Kredite und soll Konjunktur wie Inflation antreiben. Doch die EZB hat den Leitzins schon auf 0,05 Prozent gesenkt, also quasi abgeschafft. «Gäbe es noch Spielraum, so hätte die EZB die Leitzinsen bereits gesenkt. Da diese Möglichkeit aber nicht mehr bestand, war das Programm zum Ankauf von Vermögenswerten das einzige geeignete Instrument, mit dessen Hilfe die EZB ein ähnliches Ergebnis erreichen konnte», erklärt die Euro-Notenbank.

Wie soll das Kaufprogramm funktionieren?

Die EZB kauft Wertpapiere am Sekundärmarkt – also nicht direkt bei Staaten, sondern bei Banken oder Versicherern. So wird Geld ins Finanzsystem geschleust. Die EZB erwartet, dass das Programm den Unternehmen in ganz Europa helfen wird, leichter Zugang zu Krediten zu erhalten. Das werde die Investitionstätigkeit steigern, Arbeitsplätze schaffen und das Wirtschaftswachstum insgesamt stützen. Dafür druckt sich die EZB quasi selbst Geld, die Menge (Quantität) des Zentralbankgeldes nimmt zu, daher der Begriff «Quantitative Lockerung» (Quantitative Easing, QE).

Gibt es Kritik an den Staatsanleihenkäufen?

Jens Weidmann, der Präsident der Deutschen Bundesbank, befürchtet, dass der Reformeifer in Krisenländern nachlassen könnte – schliesslich wird das Schuldenmachen billiger, wenn die EZB als grosse Akteurin auf den Plan tritt. Kritiker werfen der EZB zudem vor, sie finanziere letztlich Staatsschulden mit der Notenpresse. Das mache die Notenbank abhängig von den Staaten und gefährde ihre Unabhängigkeit.

Wie wirkt die Geldflut?

Bislang war sie vor allem ein Schmierstoff für die Aktienmärkte. Da viele andere Geldanlagen wegen der niedrigen Zinsen kaum noch etwas abwerfen, stecken Investoren ihr Geld in Aktien. Die Kurse steigen. Experten warnen, dass dadurch Blasen an den Aktienmärkten entstehen können. Zudem ist zu befürchten, dass Anleger zu Vermögenswerten greifen, die sie bisher wegen deren Risiken gemieden haben. Ähnliches gilt für die Immobilienmärkte. Auch in der Schweiz schichten Anleger ihr Geld auf den Immobilienmarkt um. Wegen der tiefen Hypothekarzinsen tummeln sich hier auch viele neue Eigenheimkäufer, sodass eine Immobilienblase mit den bekannten Folgen für das Finanzsystem entstehen könnte.

Wie reagiert der Euro?

Der Euro verliert wegen der lockeren Geldpolitik gegenüber dem Dollar und dem Schweizer Franken massiv an Wert. Das hilft der Exportwirtschaft im Euroraum: Deren Produkte und vor allem jene aus der Exportgrossmacht Deutschland sind auf den Weltmärkten billiger. Das kann die Konjunktur beflügeln. Kehrseite der Medaille in der Schweiz: Der starke Franken erschwert den Absatz von Ausfuhren, und Feriengäste bleiben aus Preisgründen fern.

Welche Papiere kauft die EZB?

Die EZB will Papiere von Eurostaaten, von internationalen Institutionen wie der Europäischen Investitionsbank (EIB) oder von nationalen Förderbanken kaufen. Bei Staatsanleihen gilt: Gekauft werden nur Papiere von guter Bonität. Anleihen, die von Ratingagenturen als Ramsch gewertet werden, sind aussen vor – es sei denn, das Land befindet sich in einem Sanierungsprogramm der EU und erfüllt alle Sparauflagen. Die Überprüfung des Programms muss abgeschlossen sein. Damit ist im Moment ausgeschlossen, dass die EZB Anleihen Zyperns oder Griechenlands kauft. (kpn/sda)

Erstellt: 09.03.2015, 12:12 Uhr

Skeptischer Bundesbank-Chef

Der Chef der deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, hat am Starttag des grossen Anleihen-Kaufprogramms der Europäischen Zentralbank (EZB) seine Vorbehalte gegenüber diesem geldpolitischen Schritt bekräftigt.

Zwar müssten die Gefahren, die mit einer zu langen Phase zu niedriger Inflationsraten verbunden seien, ernst genommen werden, sagte er in Zürich beim Schweizer Institut für Auslandsforschung. «Aber ist das wirklich ein Grund, jetzt expansiver zu werden? Ich bin skeptisch.»

Der Ankauf von Staatsanleihen im Euro-Raum sei kein Instrument wie jedes andere, sagte Weidmann. Zwar kaufe das Eurosystem aus EZB und nationalen Notenbanken die Papiere auf dem Markt. «Das ist nicht verboten. Aber immerhin wird das Euro-System mit den Käufen zum grössten Gläubiger der Staaten, so dass die Verquickung von Geld- und Fiskalpolitik deutlich zunimmt.»

Da die einzelnen Notenbanken nur Bonds ihrer Länder kauften, erhielten die Staaten die für die Papiere gezahlten Zinsen über die Notenbankgewinne letztlich wieder zurück, sagte Weidmann. «Das kann natürlich Gewöhnungseffekte auslösen.»

Die Folge könne sein, dass die Länder ihre Haushaltskonsolidierung auf die lange Bank schieben. Das wiederum könnte den Druck auf die Geldpolitik erhöhen, die Zinsen länger als nötig niedrig zu halten. Für die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik sei dies aber problematisch, warnte der Bundesbankchef.

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