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Die Profiteure der sinkenden Renten

Die Altersreform senkt den Umwandlungssatz. Ein Fallbeispiel zeigt, wie Firmen davon profitieren.

Die Altersreform 2020 spiegelt sich bei Arbeitnehmern und Arbeitgebern unterschiedlich.
Die Altersreform 2020 spiegelt sich bei Arbeitnehmern und Arbeitgebern unterschiedlich.
Jason Reed, Reuters

Pensionskassenexperten beraten nicht nur Pensionskassen. Häufig bestellen Arbeitgeber separate Gutachten, die zeigen, wie das Risiko gesenkt und Kosten und Profite optimiert werden könnten. Zwei Experten der Zürcher Firma Libera, Kate Kristovic und Dietmar Praehauser, haben an einem Fallbeispiel gezeigt, wie stark Unternehmen belastet werden oder profitieren, wenn sich Leistungsversprechen ändern.

Im konkreten Fall berechnete Libera eine Senkung des Rentenversprechens. Dieses wird mit dem Umwandlungssatz definiert, im Fallbeispiel um minus 0,5 Prozentpunkte. Die versprochene Rente für jeden Angestellten sinkt damit zum Beispiel von 1700 Franken auf 1575 Franken monatlich. Gleichzeitig reduzieren sich für den Arbeitgeber die Kosten, die Firma wird profitabler und die Verpflichtung (Schuld) der Firma gegenüber der Pensionskasse wird reduziert. Für die Aktionäre des Unternehmens entsteht ein Mehrwert von 10 Millionen.

Mehrkosten für 35- bis 54-Jährige

Dieser Zusammenhang ist unbestritten. «Mit einem tieferen Umwandlungssatz werden die künftigen Rentenverpflichtungen reduziert», sagt die Expertin des Gewerkschaftsbundes, Doris Bianchi. «Bei Firmen, die nach internationalen Rechnungslegungsnormen bilanzieren, schlägt sich der beschriebene Mechanismus auch in der Bilanz und Betriebsrechnung des Arbeitgebers nieder», sagt Vizedirektorin Colette Nova vom Bundesamt für Sozialversicherungen. Die Aussage des Fallbeispiels, dass tiefere Rentenversprechen zu höheren Firmengewinnen führen, gilt also grundsätzlich.

In 200 Sekunden die Altersreform verstanden. (Video: Lea Koch und Michael Treuthardt Gann)

Mit der Altersreform 2020, über die das Volk am 24. September abstimmt, ist eine solche Senkung des Rentenversprechens in der obligatorischen beruflichen Vorsorge vorgesehen. Bei einem Ja zur Vorlage sinkt der Umwandlungssatz um 0,8 Prozentpunkte. Wie weit profitieren Unternehmen und Aktionäre also von dieser Reform in der zweiten Säule? Generelle Berechnungen gibt es nicht. Die Stellungnahmen sind derzeit von abstimmungstaktischen Überlegungen dominiert. Die Befürworter der Reform betonen, dass nicht nur der Rentenumwandlungssatz sinkt, sondern dass die Arbeitgeber auch verpflichtet werden, mehr Sparbeiträge zu leisten. Das stimmt für den Bereich der obligatorischen zweiten Säule für Löhne bis 7000 Franken. Für Berufstätige im Alter 35 bis 54 werden deutlich mehr Beiträge fällig. Und für Teilzeitangestellte mit sehr tiefen Löhnen (weniger als 2000 Franken monatlich) sind die Beiträge viel höher. Beides erhöht für Unternehmen die Kosten und senkt die Gewinne, wie die Berechnungen der Libera im Fallbeispiel zeigen.

Die Sparbeiträge steigen allerdings nicht im selben Umfang, wie die Pensionskassenrenten sinken. Deshalb schlägt die Reform eine höhere AHV-Rente vor. Sie soll den Rentenverlust aus Pensionskassenguthaben ausgleichen.

Grosser Einfluss auf Firmen

Dass Firmen die Reform mitfinanzieren, stimmt aber nicht generell für Angestellte mit Löhnen über 7000 Franken. Darüber – im sogenannten überobligatorischen Bereich – ist das Gesetz weich, die Rentenversprechen und die Höhe der Sparbeiträge sind dem Entscheid der Verantwortlichen der rund 2000 Pensionskassen überlassen. Es kommt auf die Arbeitgeber an, die im Stiftungsrat mitbestimmen. Die meisten Kassen haben die Rentenumwandlungssätze im freiwilligen Teil stark gesenkt, einige innert zwei, drei Jahren um 1 bis 2 Prozentpunkte – also doppelt bis vierfach so viel wie im Fallbeispiel.

Mit welchen Folgen? «Bei einem Angestellten, der im Jahr über 100 000 Franken verdient, kann die Einbusse bis zu einem Viertel betragen. So kann die Monatsrente zum Beispiel von 4000 auf 3000 Franken sinken», sagt Pensionskassenexperte Werner C. Hug. Zur gleichen Zeit sanken die Verpflichtungen dieser Arbeitgeber gegenüber ihren Pensionskassen, die Profite stiegen an.

Mangels Daten ist unklar, wie häufig die Rentenverluste kompensiert wurden. Eine Studie des Bundesamts für ­Sozialversicherungen vor drei Jahren ­befand, dass «der Standard wesentliche Spuren in der finanziellen Berichterstattung» der Firmen hinterlassen hat. Zwar wurde eine «systematische Verschiebung des Kräftegleichgewichts im Stiftungsrat» verneint, aber Tochterfirmen ausländischer Firmen kamen unter Druck: «Einzelfälle führten dazu, dass die Vorsorgesituation zugunsten des Arbeitgebers ‹optimiert› wurde, um den Konzernvorgaben gerecht zu werden.» Die Autoren sprachen von «einem trojanischen Pferd», das in die berufliche Vorsorge eingeführt wurde. Doris Bianchi vom Gewerkschaftsbund sagt: «Nur wenige Pensionskassen kompensierten Rentenverluste im überobligatorischen Teil der beruflichen Vorsorge vollständig durch höhere Sparbeiträge» und ­fordert, dass die Arbeitgeber sich «im vollen Ausmass des tieferen Risikos am Erhalt des Leistungsniveaus» beteiligen müssten.

Der Direktor des Pensionskassenverbandes ASIP, Hanspeter Konrad, sagt, dies sei der Fall: «Häufig sehen Pensionskassen begleitende Massnahmen vor: Höhere Sparbeiträge, einen höheren Versicherungsumfang (weniger Koordinationsabzug) oder die Verteilung von zuvor gebildeten Rückstellungen zur Abfederung» der Rentenverluste. Konrad sagt, die genaue Berechnung der Gewinne und Verluste wie im Fallbeispiel habe «in zahlreichen Fälle das Gegenteil» bewirkt. «Nachdem die Arbeitgeber von möglichen Gewinnen erfahren ­haben, waren sie bereit, einen Teil des Ertrages an die Arbeitnehmer in Form einer Einmaleinlage in die Pensionskasse weiterzugeben.»

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