Wenn ein Job allein nicht ausreicht

Häufig aus Geldnot, manchmal aus Prestige: Über 350'000 Schweizer haben mehr als einen Job.

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Seit über zehn Jahren, also etwa die Hälfte ihres bisherigen Berufslebens, ist Sarah Steinbacher bei zwei Arbeitgebern beschäftigt. Nach ihrer Zweitausbildung im grafischen Bereich hätte die frühere Primarlehrerin gerne Vollzeit gearbeitet. «Aber ich erhielt keine entsprechende Stelle», sagt Steinbacher. Deshalb sah sich die 39-jährige Frau gezwungen, mit ihrer Zweitstelle ein Zusatzeinkommen zu erzielen. Im Hauptberuf arbeitet sie mit einer 60-Prozent-Anstellung als wissenschaftliche Illustratorin an der Universität Zürich. Daneben ist sie im Stundenlohn als Lehrperson bei der Ecap, einem gemeinnützigen Erwachsenenbildungsinstitut, angestellt.

Sarah Steinbacher steht für einen in der Schweiz seit längerem zu beobachtenden Trend. Der Anteil mehrfach Erwerbstätiger, gemessen an der erwerbstätigen Bevölkerung, ist im letzten Vierteljahrhundert von 4 auf 7,6 Prozent gestiegen. Rund 352'000 Arbeitnehmende übten 2017 mehr als eine Beschäftigung aus, wie einem vom Bundesamt für Statistik (BFS) unlängst veröffentlichten Bericht über die Mehrfacherwerbstätigkeit in der Schweiz zu entnehmen ist.

Deutlich mehr Frauenals Männer betroffen

Als Mutter einer einjährigen Tochter ist Steinbacher typisch für eine mehrfache Erwerbstätigkeit: 11,3 Prozent aller erwerbstätigen Frauen mit Kindern unter 15 Jahren befinden sich hierzulande in einer solchen Beschäftigungssituation. Allerdings will Steinbacher ihre Anstellung bei der Ecap Ende August aufgeben, um sich stärker um die Tochter zu kümmern. «Glücklicherweise bin ich in der Lage, dies überhaupt zu tun», sagt die Frau. «In einer späteren Phase möchte ich wieder mehr arbeiten. Wahrscheinlich wird es aber nicht anders gehen, als erneut einen zweiten Job anzunehmen.» In der jetzigen Lage empfindet Steinbacher die Anstellung bei zwei Arbeitgebern indes als Vorteil: «Hätte ich eine 100-Prozent-Stelle und könnte der Arbeitgeber mir keine Teilzeit anbieten, wäre mir der Entscheid schwergefallen.»

In keinem anderen europäischen Land gibt es in puncto Mehrfacherwerbstätigkeit eine so starke Kluft zwischen den Geschlechtern wie in der Schweiz. Mit 10 Prozent ist die Verbreitung bei Frauen fast doppelt so gross wie bei Männern (5,5 Prozent). Gefragt nach den Gründen dafür, nennt Matthias Kuert, Leiter Sozial- und Familienpolitik beim Arbeitnehmerdachverband Travailsuisse, die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf. «Frauen geben als Grund für die mehrfache Erwerbstätigkeit häufig familiäre Pflichten an, dies im Gegensatz zu Männern», sagt Kuert.

Mütter würden sich wegen des wenig verlässlichen familienexternen Betreuungsangebots die Arbeitszeiten so einrichten, dass sie die familiären Verpflichtungen nicht tangierten. «Das führt zur Mehrfachbeschäftigung am Abend, am Wochenende oder am Vormittag, wenn die Kinder in der Schule sind», ergänzt der Arbeitnehmervertreter.

Grafik: Anteil an Mehrfacherwerbstätigen in der erwerbstätigen Bevölkerung Grafik vergrössern

Wie Daniella Lützelschwab, Ressortleiterin Arbeitsmarkt und Arbeitsrecht beim Schweizerischen Arbeitgeberverband, hervorhebt, «ist Mehrfacherwerbstätigkeit nicht mit prekären Arbeitsverhältnissen gleichzusetzen». Lützelschwab verweist auf die Aussage im BFS-Bericht, wonach Erwerbstätige mit hohem Bildungsstand prozentual häufiger mehrere Jobs ausüben als Niedrig- qualifizierte. Dies deute darauf hin, dass solche Arbeitsverhältnisse freiwillig eingegangen würden. Zumindest in diesem Punkt gehen die Ansichten von Leena Schmitter, Mediensprecherin der Gewerkschaft Unia, in eine ähnliche Richtung: Die Digitalisierung lasse ganz neue Arbeitsformen entstehen, und insbesondere in kreativen Wirtschaftszweigen wie Werbung, Grafik oder Webdesign würden mehrere «ungebundene» Beschäftigungen gleichzeitig als prestigeträchtig gelten. «Diese vermeintliche Freiheit erweist sich aber oft als trügerisch», warnt Schmitter. «Denn damit verbunden sind lange Arbeitszeiten, welche die Vereinbarkeit von Berufs- und Familienleben erschweren.»


Video: Volksinitiative gegen Altersdiskriminierung auf dem Arbeitsmarkt

Der 62-jährige Jacques Roux erklärt, warum die Initiative «Berufliche Vorsorge – Arbeit statt Armut» einheitliche BVG-Beiträge fordert und wie es ihm auf dem Arbeitsmarkt ergeht. Video: SDA


Einig sind sich die Sozialpartner auch darin, dass die Digitalisierung ein Treiber der Mehrfachbeschäftigung ist. Doch wie diese Entwicklung einzuschätzen ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. «Digitalisierung ist nicht per se eine Bedrohung, aber sie muss im Interesse der Beschäftigten gestaltet werden», sagt Schmitter. Die Verbreitung von Onlineplattformen mache es leichter, «niederschwellige Beschäftigungsverhältnisse» zu schaffen. «Um so wichtiger ist es», so die Unia-Sprecherin, «dass die Arbeitgeber ihre Pflichten gegenüber den Angestellten wahrnehmen und alle digitalisierten Jobs mit Gesamtarbeitsverträgen reguliert werden.»

«Zunehmendes Bedürfnisin der Bevölkerung»

Travailsuisse-Präsident Adrian Wüthrich argumentiert mit ähnlicher Stossrichtung: Mit der Digitalisierung einher gehe die Tendenz, das wirtschaftliche Risiko von den Arbeitgebern auf die Arbeitnehmenden zu verlagern. «Die Unternehmen wollen möglichst wenige feste Angestellte und verschaffen sich Flexibilität mit Arbeit auf Abruf», so Wüthrich. Die Angestellten bräuchten aber ein genügendes Einkommen, und dies schafften sie zunehmend nur mit mehrfacher Beschäftigung.

Aus Sicht von Daniella Lützelschwab bietet der Trend zu neuen Arbeitsformen hingegen neue Chancen für die Beschäftigten, weshalb er positiv zu werten sei. «Flexibilität bei den Arbeitsbedingungen und die parallele Ausübung mehrerer Tätigkeiten entsprechen einem zunehmenden Bedürfnis in der Bevölkerung», ist die Arbeitgebervertreterin überzeugt.

Sie verkennt indes nicht, dass der Trend hin zu mehreren Jobs auch wirtschaftliche Gründe hat und darum nicht eine gänzlich freiwillige Entscheidung der Beschäftigten ist. Klar erkennbar wird dies an der überdurchschnittlich hohen Verbreitung von mehrfacher Erwerbstätigkeit bei Menschen, die keine abgeschlossene Lehre haben und als Hilfskräfte auf dem Bau, in der Industrie und in Privathaushalten arbeiten. 17,4 Prozent von ihnen arbeiten für mehrere Arbeitgeber, bei den Frauen beträgt dieser Anteil gar 24,1 Prozent.

«Ein völlig neuer Blick auf eine Fragestellung kann sehr hilfreich sein»: Sarah Steinbacher. Bild: Reto Oeschger

Selbst Sarah Steinbacher, die als Zweitausbildung ein Studium in visueller Kommunikation absolviert hat, wäre aus finanziellen Gründen auf eine zweite Anstellung angewiesen, weil sie in ihrer angestammten Tätigkeit als Illustratorin nur Teilzeitangebote erhielt. Steinbacher kann der Mehrfachbeschäftigung durchaus positive Seiten abgewinnen. «Meine beiden völlig unterschiedlichen Arbeiten öffnen mir den Horizont, sie steigern das Verständnis für andere Arbeiten, Menschen und Umstände», sagt die Frau. Auch schätzt sie, dass sie ganz andere Personen zu etwas befragen kann, was mit dem jeweils anderen Job zu tun hat. «Ein völlig neuer Blick auf eine Fragestellung kann sehr hilfreich sein», so Steinbacher.

Erhebliche Nachteilebei der Pensionskasse

In finanzieller Hinsicht sieht sie sich jedoch klar im Nachteil. «Wenn ich vergleiche, was ich mit einer 100-Prozent-Anstellung verdienen würde, bin ich jetzt einiges darunter», stellt Steinbacher fest. Als Nicht-Vollzeitbeschäftigte sei sie aber «weniger verhandlungsstark». Dabei gehe der Aufwand für zwei Jobs über das hinaus, was mit der Addition der beiden Stellenpensen herauskomme. Um nur ein Beispiel zu nennen: «Beide Arbeitgeber wollen, dass man sich weiterbildet und sich mit neuen Abläufen möglichst schnell vertraut macht», sagt Steinbacher. «Das verdoppelt die an mich gestellten Anforderungen.»

Verliererin ist Sarah Steinbacher auch, was ihre Pensionskassenansprüche angeht. Es gab Zeiten, in denen ihr Einkommen beim einen Arbeitgeber zu gering war, um in die Pensionskasse einzahlen zu können. Doch jetzt, da sie in beiden Anstellungen genug verdient, weigern sich die Kassen, den jeweils anderen Lohn zu versichern. Die Folge: «Ich habe zweimal den Koordinationsabzug und dafür einen lächerlich tiefen versicherten Lohn, obwohl ich insgesamt auf fast 100 Stellenprozente komme», ärgert sich Steinbacher.

Aus Sicht von Travailsuisse ist der Gesetzgeber vorab bei der sozialen Absicherung von Mehrfacherwerbstätigen gefordert, etwa in der Altersvorsorge. «Auch für Beschäftigte mit mehreren Jobs muss die Pensionskassenpflicht gelten», fordert Adrian Wüthrich. Die Arbeitgeber, so der Travailsuisse-Präsident, sollten Pensionskassenbeiträge auch bei tieferen Löhnen zahlen müssen. «Andernfalls laufen diese Arbeitnehmende Gefahr, in die Altersarmut abzurutschen.»

Erstellt: 28.07.2018, 10:48 Uhr

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