Wenn sich kaum ein Arbeitsloser meldet

Unternehmen müssen seit einem Jahr offene Stellen in Berufen mit hoher Arbeitslosenquote melden. Wie erfolgreich ist diese Stellenmeldepflicht?

Die Meldepflicht gilt für Berufe, bei denen es viele arbeitslose Schweizer gibt – wie etwa in der Gastronomie. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Die Meldepflicht gilt für Berufe, bei denen es viele arbeitslose Schweizer gibt – wie etwa in der Gastronomie. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Seit Sommer 2018 müssen ­offene Stellen bei Berufen mit besonders hohen Arbeitslosenquoten den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) ­gemeldet werden. Im ersten Jahr übermittelte die Wirtschaft rund 200'000 Stellen. Die RAV schlugen den Arbeitgebern danach 195'000 Stellensuchende für diese Jobs vor. Ergebnis: 4846 Stellen konnten so besetzt werden.

Bei knapp der Hälfte der von Unternehmen gemeldeten ­Stellenmachten die RAV keine ­Vorschläge. Dies hält das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) im gestern vorgelegten ersten Vollzugsbericht zur Stellenmeldepflicht fest.

Die Massnahme wurde vom Parlament zur Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative der SVP eingeführt, die 2014 vom Volk angenommen wurde. Die Initiative sah eigentlich Kontingente und einen Inländervorrang vor. Die Stellenmeldepflicht wurde von FDP und SP vorgeschlagen, um die Initiative ohne Verstoss gegen das Abkommen über die Personenfreizügigkeit umzu­setzen. Und so funktionierts: In den fünf Tagen nach der Meldung der offenen Stelle beim RAV haben nur gemeldete ­Arbeitslose und die RAV-Mitarbeiter Zugriff auf die Informationen. Arbeitslose im Inland sollen so eine bessere Chance auf eine neue Stelle bekommen. Und die Auswirkungen der Personenfreizügigkeit auf den Arbeitsmarkt sollen gelindert werden. Das Interesse ist indessen durchzogen. Laut Seco nutzt nur rund ein Viertel der Stellensuchenden das dafür eingerichtete Job-Portal, um nach geeigneten Stellen zu suchen. Und davon wiederum sucht nur die Hälfte dieser Personen regelmässig nach neuen Stellen.

16'000 Stellen pro Monat

Das Seco will diesen Anteil erhöhen, indem es das Portal vereinfacht und attraktiver macht. Man könne sich auch vorstellen, die Anmeldung zur Pflicht zu machen, sagte Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit im Seco. Nach Ablauf der fünf Tage können die Stellen öffentlich ausgeschrieben werden, wodurch auch Bewerber aus dem Ausland zum Zug kommen können.

Eine Analyse über die Wirksamkeit der Meldepflicht sei das noch nicht, betonte Zürcher. Sowohl die Arbeitslosigkeit wie auch die Zuwanderung seien seit Juli 2018 rückläufig, aber dies könne nicht einfach auf die Meldepflicht zurückgeführt werden.

Im Schnitt werden pro Monat 16'000 Stellen gemeldet. Ursprünglich hatte man mit einer kleineren Zahl gerechnet. Die Mehrheit der Stellen entfällt auf die Gastronomie und den Bau. Die Jobs sind meist unbefristet, und der Beschäftigungsgrad beträgt überwiegend 80 oder 100 Prozent. Die Firmen haben im ersten Jahr nicht nur die Stellen gemeldet, die sie von Gesetzes wegen melden müssen, sondern auch deutlich mehr übrige Stellen. Die Zunahme der gemeldeten ­Arbeitsmöglichkeiten zeige, dass die Massnahme in der Wirtschaft auf Akzeptanz stosse, so Zürcher. Die Einführung der Meldepflicht sei erfolgreich. Die zusätzlichen Kosten bei den RAV machen 17 Millionen ­Franken aus.

Ab 2020 wird die Schwelle, ab der eine Stelle gemeldet werden muss, von 8 auf 5Prozent Arbeitslosigkeit in einem Beruf gesenkt. Da gleichzeitig die Einteilung der Berufe verfeinert wird, erwartet das Seco nicht mehr Meldungen, sondern eher leicht weniger. Gut ein Fünftel der Arbeitslosen und 6,4 Prozent der Erwerbstätigen werden in Berufen tätig sein, in denen die Meldepflicht gilt.

Erstellt: 01.11.2019, 22:11 Uhr

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