Wer hat Angst vor China?

Chinesische Investoren drängen auf den europäischen Markt. Ökonomen haben 92 Übernahmen untersucht – die Ergebnisse erstaunen.

Am zweiten Forum für die chinesische Seidenstrasse (Belt and Road Initiative) wird auch für Militärgüter geworben: Modell einer Rakete in einem Kongresszentrum in Peking (23. April 2019).

Am zweiten Forum für die chinesische Seidenstrasse (Belt and Road Initiative) wird auch für Militärgüter geworben: Modell einer Rakete in einem Kongresszentrum in Peking (23. April 2019). Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Europäer streiten über den richtigen Umgang mit der wachsenden Rolle Chinas in der Weltwirtschaft. In Deutschland und Frankreich überlegen die Regierungen konkret, wie sie ihre Industrie besser schützen können: gegen zunehmende Konkurrenz aus Fernost sowie den Ausverkauf wichtiger Wirtschaftszweige. In Südeuropa, den jungen EU-Mitgliedsstaaten im Osten sowie den Ländern des Balkans rücken die Regierungen und chinesische Investoren dagegen immer enger zusammen. Sie bringen Chinas Infrastruktur- und Handelsstrategie der neuen Seidenstrasse (Belt and Road Initiative, BRI) voran, die Staatspräsident Xi Jinping bereits 2013 ausgerufen hatte.

Ereignisse der jüngsten Zeit verstärken Befürchtungen, die sich um den Aufstieg der autoritären Volksrepublik ranken. Ökonomen versuchen aber, die aufkommenden Ängste in der europäischen Politik und Wirtschaft zu entkräften, dass Chinas Staatsführung mit unfairen Mitteln die Expansion forciert. «Unter dem Strich könnte die BRI die Globalisierung vorantreiben und den internationalen Handel intensivieren», schreibt Volkswirt Matthias Krieger von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) in einer Studie.

Im März schloss sich Italien als erster der sieben führenden Industriestaaten der Initiative an. Ministerpräsident Giuseppe Conte und Xi vereinbarten chinesische Investitionen in den Häfen von Triest und Genua, es ging auch um den Export italienischer Orangen. Griechenland, wo Chinas Staatskonzern Cosco Shipping den Hafen von Piräus zur Drehscheibe für den Containerverkehr ausbaut, wurde vorige Woche auf dem «16+1»-Gipfel in Dubrovnik in den Kreis der Staaten aus Mittelosteuropa aufgenommen, die seit Jahren auf chinesische Gelder für Infrastrukturprojekte setzen.

Die Strategie der neuen Seidenstrasse soll es China erleichtern, Exporte schneller nach Europa und Afrika zu verschicken sowie Wertschöpfungsketten aufzubauen. Chinesische Unternehmen investieren entlang der Routen Milliarden in Häfen, Bahnstrecken, Strassen, Brücken, Flughäfen, Energie- und Kommunikationsnetze. Im Norden führen die Strecken über Land («Road») und im Süden über das Meer («Belt»). Vom Aufschwung entlang der Seidenstrasse erhofft sich Peking neue Märkte für seine Unternehmen und die unterentwickelten westlichen Binnenprovinzen, heisst es in der LBBW-Studie. Die Bauphase solle zudem überdimensionierten chinesischen Industriesektoren wie Bau, Stahl oder Aluminium helfen, ihre Kapazitäten besser auszulasten.

Am 26. und 27. April findet das zweite Belt and Road Forum in Peking statt, für das bereits 40 Regierungs- und Staatschefs zugesagt haben, darunter auch Bundespräsident Ueli Maurer. Die Schweiz und China wollen beim Staatsbesuch Maurers ein Memorandum of Understanding (MoU) zur Kooperation in Drittmärkten unterzeichnen, die in Verbindung mit der Belt and Road Initiative stehen.

Viele westliche Unternehmen, auch aus der Schweiz, investieren schon seit Jahren entlang der Routen. Beispiele aus der Schweiz sind Sika, Nestlé oder der Industriekonzern ABB, der Generatoren für Kraftwerke im Nahen Osten liefert. Auch die Schweizer Finanzindustrie, Rückversicherer wie Swiss Re oder die Grossbanken erhoffen sich neue Geschäfte durch die Seidenstrasse.

Grosse Verunsicherung lösen in Europa konkrete Übernahmen der Chinesen aus. Die öffentliche Datenbank China Global Investment Tracker der beiden US-Denkfabriken The American Enterprise Institute und The Heritage Foundation listet seit 2005 weltweit Investitionen und Infrastrukturprojekte in der Summe von 1940 Milliarden Dollar auf. Allein 1110 Milliarden Dollar kamen seit Ende 2013 dazu, als Xi das Projekt der Seidenstrasse ausgerufen hatte: Das meiste, fast ein Drittel, floss nach Europa, noch vor Asien. In den fünf Jahren bis 2018 machten Chinas Auslandausgaben weltweit im Schnitt rund 220 Milliarden Dollar pro Jahr aus, was mehr als 1 Prozent der EU-Wirtschaftsleistung entspricht.

Hinter dem Rückgang in Europa von 113 Milliarden auf 48 Milliarden Dollar im Jahr 2018 steckt jedoch kein Strategiewechsel, sondern Grossübernahmen wie Syngenta aus dem Jahr 2017. Nur 6 Prozent der chinesischen Milliarden sind seit 2014 nach Mittelosteuropa geflossen; an erster Stelle steht Grossbritannien, gefolgt von der Schweiz und dann mit Abstand Deutschland, Russland und Italien.

Wenig profitable Unternehmen

Ökonomen bringen etwas Licht in die Übernahmen der Chinesen. Der Chef des Münchner IFO-Instituts, Clemens Fuest, untersuchte jüngst in einer Studie mit Kollegen grenzüberschreitende Übernahmen von Chinesen in 92 Ländern von 2002 bis 2018. Die Ökonomen stellten fest, dass die Investoren aus Fernost vor allem auf grössere und wenig profitable Unternehmen abzielten, die zudem auch noch höher verschuldet sind. Dabei zahlen die Chinesen geringere Preise als bei Transaktionen mit anderen Investoren.

«Die Tatsache, dass chinesische Investoren günstiger einkaufen, spricht gegen die verbreitete These, dass chinesische Unternehmen mit staatlichen Subventionen andere Investoren systematisch überbieten und aus dem Markt drängen», schreiben die Forscher.

Grosse Aufregung gab es jüngst wegen der Beteiligung des chinesischen Telecomriesen Huawei am Netzausbau der fünften Generation (5G) in Europa. Dies ist ein Beispiel der Aversionen in Brüssel, Berlin und anderen Hauptstädten, das den Ökonomen des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) auffällt. Reaktionen der USA und der EU auf Chinas aufstrebende Macht deuten darauf hin, dass sich der Westen mit der aufkommenden neuen Weltordnung nicht wohlfühlt, sagt WIIW-Forscher Peter Havlik.

«Die westlichen Bemühungen, chinesische Investitionen einzuschränken, scheinen entweder ein schlecht verkleideter Versuch zu sein, den Aufstieg Chinas einzudämmen, oder teilweise ein aufkommender Paradigmenwechsel in Richtung Protektionismus», warnt Havlik. Umgekehrt wäre es mehr als naheliegend, den Chinesen räumlich entgegenzukommen, fordert das Institut. In einer Studie schlagen sie daher eine «europäische Seidenstrasse» vor, die industrielle Zentren im Westen mit den bevölkerungsreichen, weniger entwickelten Gebieten im Osten Europas verbindet. (Finanz und Wirtschaft)

Erstellt: 24.04.2019, 17:21 Uhr

Artikel zum Thema

Die Ruhe im Handelskrieg trügt

Aussagen von US-Regierungsvertretern lassen eine baldige Lösung im Streit zwischen China und den USA erwarten. Nachhaltig dürfte diese aber kaum sein. Mehr...

«China sieht die Schweiz als Einfallstor»

Vor Ueli Maurers China-Besuch warnt SP-Politiker Fabian Molina: Die Schweiz dürfe Chinas Expansion nicht länger ignorieren, sagt er im Interview. Mehr...

«Die Gefahr sind Roboter, die deinen Job übernehmen»

Interview Star-Historiker Yuval Noah Harari sagt im Gespräch, warum künstliche Intelligenz gefährlich ist und wo China den Westen überholt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Es sammelt sich nur der Staub in ihnen: Frauen zerschmettern in Indien Töpfe aus Ton, um gegen den Mangel an Trinkwasser zu protestieren. (16. Mai 2019)
(Bild: Amit Dave) Mehr...