«Wir waren alle überrascht, welch hohe Wellen die Studie warf»

KOF-Leiter Jan-Egbert Sturm zur Interpretation der Energiewende-Studie durch Economiesuisse.

Auf Unabhängigkeit bedacht: KOF-Leiter Jan-Egbert Sturm.

Auf Unabhängigkeit bedacht: KOF-Leiter Jan-Egbert Sturm. Bild: Dominique Meienberg

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Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) hat kürzlich eine Studie herausgegeben, aus der hervorgeht, dass das Bruttoinlandprodukt (BIP) der Schweiz um bis zu ein Viertel zurückgehen könnte, wenn die Schweiz aus der Atomenergie aussteigt und es keine technologischen Fortschritte geben würde. Die von der Economiesuisse gesponserte Studie hat zu Protesten geführt und wurde von den Gegnern als unseriös bezeichnet. Damit ist auch die Glaubwürdigkeit der KOF infrage gestellt.

Die ETH hat in letzter Zeit diverse Studien zu den ökonomischen Auswirkungen des Atomausstiegs gemacht. Sie kommen allerdings zu sehr unterschiedlichen Schlüssen.
Es wurden andere Studien gemacht, ja. Aber im Prinzip sind alle Studien komplementär, sie ergänzen sich gegenseitig. Peter Egger, der Verfasser der angesprochenen Studie, und ich sind nicht der Meinung, dass sich die Studien widersprechen.

Sie sagen, bei anderen Annahmen komme einfach anderes heraus.
Ja. In der Ökonomie werden Annahmen getroffen, die so gut wie möglich zu den gestellten Forschungsfragen passen. Unterschiedliche Annahmen sind notwendig, da der Untersuchungsgegenstand ein ganz anderer ist. Zum Beispiel wird in der Studie von Peter Egger die CO2-Besteuerung quantifiziert, und es werden Preis- und Mengeneffekte der Energiepolitik im Ausland berücksichtigt. Es geht hier um die Quantifikation der Effekte, wenn diskutierte Massnahmen sofort eingeführt werden würden. Diese Fragestellung wird so in keiner anderen Studie untersucht. Unterschiedliche Fragestellungen erfordern unterschiedliche Annahmen; so ist das in der Wissenschaft.

Dann frage ich mich aber: Was sind diese Studien wert? Was lernen wir aus dieser KOF-Studie?
In diesem spezifischen Fall lernen wir beispielsweise daraus, dass anscheinend die Notwendigkeit zur internationalen Kooperation nicht so gross ist, wie man gedacht hat. Das fand ich persönlich sehr interessant. Weiter habe ich gelernt, dass wir einen Produktivitätszuwachs von ungefähr einem halben Prozent pro Jahr bräuchten, um den Atomausstieg samt CO2-Reduktion gut bewältigen zu können. Das sind nützliche Aussagen, mit denen auch die Politik etwas anfangen kann.

Wenn Sie jetzt aber von Economiesuisse hören, dass die aus derselben Studie ableitet, dass wegen des Atomausstiegs ein Viertel des BIP wegbricht, was denken Sie sich da?
Wie manche Auftraggeber, aber auch andere, die nicht Auftraggeber sind, die Schlussfolgerungen unserer Studien in die Politik rüberbringen, ist vielleicht nicht immer so, wie wir es selber machen würden. Wir versuchen, so gut es geht, die Dinge objektiv darzustellen. Die genannte Studie findet aber in der Tat, dass der maximale kumulierte Effekt aller beleuchteten Massnahmen gemeinsam, von denen der Nuklearausstieg nur einer ist, bei sofortigen Einführungen zu einem Wertschöpfungsverlust von etwa einem Viertel führen könnte. Ich bin überzeugt, wenn Sie einen cleveren Ökonomen darauf ansetzen würden, könnte der Ihnen diese Studie quasi umgekehrt auslegen, indem er andere Akzente setzt.

Ich bin Ökonom, ich hab die Papiere gelesen. Es gibt ein ausführliches Arbeitspapier auf Englisch und eine Zusammenfassung auf Deutsch. Die KOF ist bei beiden Autorin, doch das eine ist eine Studie, das andere Propaganda. Da steht, wenn man die AKW abstellt, die CO2-Ziele einhalten will und die Steuer erhebt, die im Arbeitspapier infrage gestellt wird, bricht die Wirtschaft um ein Viertel ein.
Im Worst-Case-Szenario entsteht der grösste Effekt nicht über das Ausscheiden der AKW, sondern durch die Einführung einer hohen CO2-Steuer. Es steht im Working Paper nicht, dass man die Steuer am besten nicht erhebt, sondern dass für das Erreichen des CO2-Ziels eine niedrigere als die diskutierte nötig wäre. Aber wenn Sie über Details der Studie reden wollen, dann sollten Sie mit Peter Egger reden. Als Autor kennt er die Studie viel besser als ich.

Mir ist auch aufgefallen, dass im Arbeitspapier nicht steht, dass die Economiesuisse den Auftrag zur Studie gegeben hat.
Normalerweise sollte das in der Fussnote stehen. Vielleicht ging das vergessen. Warum, kann ich nicht beurteilen. Aber das ist eine Kleinigkeit.

Eine Kleinigkeit?
Ja, das ist eigentlich eine Kleinigkeit. Bevor das Papier endgültig in einer international anerkannten Zeitschrift erscheint, wird es noch ausreichend Zeit geben, kleinere Korrekturen durchzuführen. Wichtig ist, dass in der Studie steht, wer Auftraggeber war, und das ist der Fall. Das Arbeitspapier ist ein rein akademisches Papier. Doch ich gebe Ihnen recht, ich würde eine Fussnote drunterschreiben.

Wie war Ihre Reaktion, als die Studie veröffentlicht wurde?
Wir waren alle etwas überrascht, welch hohe Wellen die Studie warf. Wir haben anscheinend eine Wahrnehmungsstufe überschritten. Daraus werden wir nun unsere Schlüsse ziehen.

Wie? Sitzen Sie mit der Führung der ETH zusammen– oder machen Sie das innerhalb der KOF?
Meistens machen wir das KOF intern. In diesem Fall werden aber auch andere Personen an der ETH eingebunden, weil – Sie sehen das richtig – es auch andere Akademiker an der ETH gibt, die sich mit dem Thema beschäftigen. Wir klären ab, wo Dissens besteht und wo nicht. Und wie wir in der Zukunft bestimmte Kommunikationssituationen vermeiden oder verbessern können. Grundsätzlich nehmen wir nach jeder Studie und jeder Art von Öffentlichkeitsarbeit eine Evaluation vor.

Ich nehme an, Sie haben gerne Echo auf Ihre Forschung. Aber das Echo, das Sie in diesem Fall gehabt haben, wünschen Sie sich wahrscheinlich nicht unbedingt, oder?
Man kann sich nicht aussuchen, wie etwas letztlich aufgenommen wird. Sie als Journalist kennen das wahrscheinlich: Man schreibt etwas, und es kommt ganz anders rüber, als die Absicht war. Beim nächsten Mal ist man dann schlauer.

Aber ist man nicht verantwortlich dafür, was mit den Forschungsergebnissen angestellt wird?
Doch. Und wir versuchen zu lernen, wie wir das nächste Mal besser kommunizieren können. Doch ich kann die Uhr nicht zurückdrehen. Das kann ich auch nicht, wenn wir eine Wachstumsprognose veröffentlichen und die Wirtschaft sich dann doch anders entwickelt. Da kann ich auch nicht sagen «Ach, im Nachhinein hätten wir doch ...».

Ist es nicht generell ein Problem, wenn Dritte Studien finanzieren?
Je eher die Auftraggeber aus Bereichen kommen, die politisch eine Rolle spielen und öffentlichkeitswirksam sein möchten, desto grösser ist die Möglichkeit, dass eine Studie aktiviert wird. Das muss gar nicht immer nur negativ sein. Auf der anderen Seite wollen wir als öffentliches Institut nicht aus dem Elfenbeinturm heraus mit einer Verzögerung von bis zu zehn Jahren irgendwelche historischen Aspekte bewältigen. Wir wollen nahe an Wirtschaft und Gesellschaft sein. Diese Nähe kriegt man auch über diese Art von Studien. Der Druck auf die Institute und die Wissenschaft im Allgemeinen wird immer stärker, auch Drittmittel zu akquirieren. Und diese Drittmittel stammen aus sehr unterschiedlichen Töpfen. Teilweise aus öffentlichen, vom Nationalfonds oder von Bundesämtern, aber auch von privaten Verbänden, grösseren und kleineren Unternehmen.

Sehen Sie Ihre Unabhängigkeit gefährdet?
Wir sind so bedacht auf unsere Unabhängigkeit, dass ich da keine Probleme sehe. Ich sage jedem potenziellen Auftraggeber im ersten Gespräch zwei Sachen. Erstens: Die Antwort auf die Fragestellung sollte nicht offensichtlich oder von vornherein bekannt sein. Zweitens: Was auch immer wir herausfinden, es wird veröffentlicht.

Würden Sie sich Einfluss darauf wünschen, wie ein Auftraggeber die Studie nachher verwendet?
Idealerweise ja. Aber wir haben nicht einmal Einfluss darauf, wie die Medien damit umgehen. Wir können nur versuchen, unsere Forschungsaufträge unabhängig wahrzunehmen.

Aber für die Glaubwürdigkeit der KOF ist es nicht förderlich, wenn aus Ihren Resultaten so etwas gemacht wird.
Wir haben für die SP, für die Unia, für Economiesuisse, für Swisscom, für Pharmasuisse und für alle möglichen Organisationen schon Projekte durchgeführt. Man kann uns nicht vorwerfen, dass wir nur von einer Seite Aufträge annehmen. Und wir versuchen, so gut es geht, damit umzugehen. Manchmal gelingt es besser, manchmal weniger gut.

Auf die Kritik folgte eine Replik der KOF. Da steht plötzlich, der Atomausstieg wäre kostenlos machbar.
So legen wir unsere eigene Studie aus. Die Replik ist eine Richtigstellung von in der Öffentlichkeit gemachten Aussagen. Im englischen Arbeitspapier, in der deutschen Zusammenfassung und in der Präsentation von Peter Egger vor den Medien wurde immer dasselbe gesagt: Alle Massnahmen zusammen haben grosse Effekte; der relative Anteil des Nuklearausstiegs ist nicht der grösste. Das heisst nicht, dass der Nuklearausstieg kostenlos ist; er ist kostenlos in einem Szenario, aber nicht in jedem.

Erstellt: 11.02.2013, 11:31 Uhr

ETH
Disput wegen KOF-Studie

An der ETH hat die Studie zur Energiewende der KOF, der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, einen Disput ausgelöst. Fünf Professoren, die sich mit der Machbarkeit der Energiewende über die Plattform des Energy Science Center seit 2006 intensiv und interdisziplinär auseinandergesetzt haben, nahmen in einem Autorenbeitrag auf der ETH-Website Stellung zur KOF-Studie.

Die Professoren Göran Andersson, Lucas Bretschger, Konstantinos Boulouchos, Volker Hoffmann und Massimo Filippini schreiben, im Auftrag des ETH-Präsidenten habe im April 2011 eine ETH-interne Arbeitsgruppe von Forschenden aus fünf Departementen der Ingenieur-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften mit der Erarbeitung einer Studie zur Energiezukunft der Schweiz begonnen. Das Ergebnis lag im November 2011 im Detail vor. Nach über anderthalb Jahren Erfahrungen mit den Resultaten der Studie sei heute klar, dass die Kernaussagen des Berichts Bestand haben und belastbar sind: «Die Energiewende ist unter sinnvoll gesetzten Rahmenbedingungen technologisch möglich
und wirtschaftlich verkraftbar.» (TA)

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