Wo die Unternehmen noch Beschäftigte finden

Der Schweiz gehen die Arbeitskräfte aus. Ökonomen der Credit Suisse haben eine «stille Reserve» entdeckt.

Fehlende Betreuungsinstitutionen für Kinder sind der Hauptgrund, warum Frauen dem Arbeitsmarkt ganz oder teilweise fernbleiben: Eine Tagesmutter gibt einem Baby zu essen.

Fehlende Betreuungsinstitutionen für Kinder sind der Hauptgrund, warum Frauen dem Arbeitsmarkt ganz oder teilweise fernbleiben: Eine Tagesmutter gibt einem Baby zu essen. Bild: Keystone

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Die Schweizer Wirtschaft brummt aktuell wie schon lange nicht mehr. In einer am Mittwochmorgen publizierten Studie schreiben die Ökonomen der Credit Suisse von einem «Mini-Boom». Auch das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) spricht in seiner ebenfalls heute veröffentlichten Konjunkturprognose von einem «intakten Aufschwung».

Die Ökonomen des Bundes erwarten für das laufende Jahr ein kräftiges Wachstum von 2,4 Prozent – das deutlich über dem langfristigen Wachstumspotenzial der Schweiz liegen würde. Deutlich zeigt sich dieser Aufschwung auch auf dem Schweizer Arbeitsmarkt.

Die offizielle Arbeitslosenquote liegt saisonbereinigt mit 2,6 Prozent so tief wie seit der Zeit vor der Finanzkrise vor zehn Jahren nicht mehr. Und das gilt für alle Bereiche und auch für alle Altersgruppen, wie Grafiken aus der Studie der Credit Suisse zeigen.

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Die Kehrseite dieses zyklischen Hochs ist ein wachsender Arbeitskräftemangel bei den Unternehmen. Dieser zeigt sich nach Aussage von Personal suchenden Firmen ganz besonders bei Fachkräften, wie eine Umfrage unter 1900 kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) ergab.

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Laut den Ökonomen der Credit Suisse droht ein solcher Mangel, unabhängig von der Konjunkturlage, auch angesichts der Alterung der Gesellschaft. Im Jahr 2040 werde der Anteil der Erwerbspersonen an der Gesamtbevölkerung mit 49 Prozent weniger als die Hälfte ausmachen. Heute liegt dieser Anteil immerhin noch bei 54 Prozent.

Hoffen auf ein schlummerndes Potenzial

Angesichts einer besseren Konjunkturlage und einer gesunkenen Arbeitslosigkeit im europäischen Ausland sind zudem auch Beschäftigte aus dem Ausland weniger bereit, in die Schweiz zu kommen und hier zu arbeiten. Angesichts der Masseneinwanderungsinitiative wären die Möglichkeiten hier auch geringer als früher.

In ihrer Studie untersuchen die Ökonomen der Grossbank daher, wie der Arbeitskräftemangel aus inländischen Reserven behoben werden kann. Im Fokus stehen hier all jene, die grundsätzlich arbeiten wollen, dies aber nicht tun oder nicht in einem Umfang, wie sie das wollen – insgesamt waren das im Jahr 2016 837'000 Personen.

Dazu zählen erstens die 3,7 Prozent an der gesamten Erwerbsbevölkerung gemessenen Erwerbslosen (ihre Zahl ist grösser als jene der auf einem Arbeitsamt gemeldeten Arbeitslosen) und zweitens die 5,2 Prozent Unterbeschäftigten (Teilzeitbeschäftigte, die gerne mehr arbeiten würden).

Drittens zählen aber auch jene Personen dazu, die von den CS-Ökonomen als «stille Reserve» bezeichnet werden, die 2016 aus 267'000 Personen bestand. Das sind einerseits jene 3,2 Prozent, die für eine Arbeit verfügbar sind, aber nicht aktiv nach einer suchen und 1 Prozent Arbeitsuchender, die aus persönlichen Gründen nicht sofort eine Stelle antreten können. Zu diesen Gründen zählen bei Jüngeren die Aus- und Weiterbildung und bei Älteren familiäre Verpflichtungen oder gesundheitliche Hindernisse.

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Weniger im Fokus stehen dagegen die 20,2 Prozent übrige Nichterwerbspersonen, die keine Arbeit suchen, etwa weil sie sich gänzlich der Kinderbetreuung widmen oder pensioniert sind. Die Erwerbsbevölkerung, auf die sich alle Prozentzahlen beziehen, setzt sich aus allen Personen im Alter zwischen 15 und 74 Jahren zusammen. Das hohe Alter wurde laut den Autoren gewählt, um eine realistische Zahl der potenziell noch arbeitsfähigen Personen abzubilden.

Erwerbslosigkeit ist schon auf einem Tiefststand

Gering sind gemäss der Studie die Chancen, die Beschäftigung über eine weitere Reduktion der Erwerbslosigkeit zu steigern, da diese schon jetzt im historischen Vergleich aussergewöhnlich tief ist und auf strukturelle Faktoren wie nicht zu den offenen Stellen passende Qualifikationen zurückgeht.

Ein eingeschränktes Potenzial besteht laut den CS-Ökonomen auch bei den Unterbeschäftigten. Obwohl ein Fünftel aller Teilzeitarbeitenden angeben, mehr arbeiten zu wollen, scheint die Nachfrage danach bei den Arbeitgebern zu fehlen.

Senioren wollen angesichts der Freuden der Pensionierung nur für einen angemessen hohen Lohn wieder arbeiten. 

Vielversprechender sei dagegen der Versuch, die stille Reserve zu mobilisieren, und hier vor allem jene, die gerne mehr arbeiten wollen, aber nicht auf der Suche nach Arbeit sind. Das sind in dieser Gruppe mit einem Anteil von 60 Prozent vor allem Frauen. Aber auch Ältere zählen dazu.

Rund 80'000 ältere Arbeitskräfte im Alter von mehr als 58 wollen gemäss der Studie berufstätig bleiben. Die Mehrheit davon ist aber wegen der Pensionierung nicht mehr aktiv auf der Suche nach einer Arbeit. Bei 40 Prozent der Frauen in dieser Gruppe liegt der Grund für einen Verzicht auf eine Arbeitssuche bei familiären Verpflichtungen im Vergleich zu nur gerade 3 Prozent der Männer. Auch bei den nicht an einer Arbeit interessierten «übrigen Nichterwerbspersonen» sind in 44 Prozent der Fälle familiäre Verpflichtungen der Grund dafür.

Fehlende Betreuungsstrukturen als Hindernis

Das Potenzial bei den Frauen zeigt sich auch daran, dass trotz den Hindernissen durch die Familienbetreuung vier von fünf Müttern einer Arbeit nachgehen – allerdings meist in Teilzeit. Um die Lage zu verbessern, schlagen die Autoren der Studie vor allem eine bessere Infrastruktur bei der Betreuung vor, wie zum Beispiel mehr und bezahlbare Krippenplätze und Tagesschulen, und eine Änderung bei den Steuerregeln, wenn sie doppelverdienende Paare übermässig belasten.

Pessimistisch geben sich Autoren hingegen bei den Älteren. Trotz dem verstärkten Arbeitskräftebedarf würden die Unternehmen hier bei der Anstellung Zurückhaltung üben, was auch an hohen Löhnen und Sozialabgaben liege. Die Senioren selbst würden angesichts der Freuden der Pensionierung nur für einen angemessen hohen Lohn wieder beruflich tätig werden.

Fraglich bleibt schliesslich auch, welche Bedeutung das Thema der fehlenden Arbeitskräfte noch haben wird, wenn die Konjunktur sich wieder abflacht oder die Wirtschaft sogar schwächelt. Denn wenn die Arbeitslosigkeit wieder steigt, besteht die Gefahr, dass die Wirtschaft etwas weniger an all den Massnahmen interessiert ist, möglichst alle Arbeitsfähigen zu integrieren.

Erstellt: 19.06.2018, 15:18 Uhr

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