Zombie-Konzerne und Junk-Bonds

UBS-Chef Ermotti warnt vor einer gefährlichen Situation an den Kapitalmärkten. Wir erklären, was er damit meint.

Die Lage an den Kapitalmärkten verdüstert sich dramatisch, weil Unternehmen verstärkt billiges Geld aufnehmen und die Verschuldung damit steigt. Foto: Reuters

Die Lage an den Kapitalmärkten verdüstert sich dramatisch, weil Unternehmen verstärkt billiges Geld aufnehmen und die Verschuldung damit steigt. Foto: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg warnte UBS-Chef Sergio Ermotti davor, die immer expansivere Geldpolitik könne zu Blasen an den Kapitalmärkten führen. Ermotti ist nicht bekannt als Freund der aktuellen Geldpolitik. Wie allen Bankern sind ihm die Negativzinsen ein Dorn im Auge. Wie auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, die den Notenbanken gehört, bestätigt, drückt diese Politik auf die Profitabilität der Banken.

Doch die Warnung Ermottis muss ernst genommen werden. Tatsächlich führen die extrem tiefen bis negativen Leitzinsen auf den Kapitalmärkten zu Übertreibungen, die bei einer nächsten Korrektur eine Krise auslösen können.

«Eine sehr gefährliche Entwicklung»: UBS-Chef Sergio Ermotti äussert sich zur aktuellen Geldpolitik der Zentralbanken. (Video: Bloomberg)

Wie extrem die Lage an den Kapitalmärkten bereits ist, zeigen zum einen die Renditen von Staatsanleihen. In der Schweiz notierten die Renditen der Bundesanleihen (Eidgenossen) mit einer Laufzeit von 10 Jahren gestern bei Minus 0,6 Prozent und damit dreimal tiefer als zu Jahresbeginn, als sie bei Minus 0,2 Prozent lagen. Das bedeutet, dass Investoren, die die Anleihen über die ganze Laufzeit halten, dem Bund nicht nur Geld leihen, sondern ihm dafür auch noch 0,6 Prozent jährlich bezahlen, statt einen Zins dafür zu erhalten.

Sinkende Anleihenrenditen sind das Spiegelbild steigender Anleihenkurse und damit das Ergebnis einer steigenden Nachfrage danach. Gekauft werden sie vor allem in der Annahme, dass die Kurse weiter steigen, sodass sie mit Gewinn weiterverkauft werden können.

Tiefzins für griechische Staatsanleihen

Ein ähnliches Bild wie in der Schweiz zeigt sich auch bei den Staatsanleihen Deutschlands, die bis zu einer Laufzeit von 20 Jahren unter null rentieren. Bei beiden Ländern besteht aber immerhin kein Zweifel, ob sie ihre Schulden begleichen können. Anders sieht es zum Beispiel im Falle Griechenlands aus, das noch vor wenigen Jahren vor einem Staatsbankrott stand, wie so oft in der Geschichte des Landes. Trotz einer Staatsverschuldung von mehr als 180 Prozent gemessen am jährlichen Wirtschaftsausstoss bezahlt das Land zurzeit weniger als 2 Prozent auf seinen zehnjährigen Staatsanleihen. Vor vier Jahren waren es noch knapp 15 Prozent.

Gemäss Bloomberg rentieren selbst in Europa bereits 14 Anleihen von Firmen mit einem «Junk-Rating».

Kapitalströme in riskantere Anlagen sind nur die Folge der tiefen und negativen Renditen bzw. Zinsen für sichere Anlagen. So sinken auch die Zinsen von Staatsanleihen in anderen europäischen Schwellenländern Richtung null oder darunter. Das gleiche Bild zeigt sich bei riskanten Unternehmensanleihen. Gemäss Bloomberg rentieren selbst in Europa bereits 14 Anleihen von Firmen mit einem «Junk-Rating», die also von Ratingagenturen als ausfallgefährdet taxiert werden, im negativen Bereich. Die Financial Times nennt als Beispiele dafür die finnische Nokia und die französische Altice. Die Gesamtsumme von Anleihen mit negativer Rendite beläuft sich auf 12 Milliarden Dollar.

Warnsignale für die immer höheren Risiken, die auf den Kapitalmärkten auf dem Hintergrund der Tiefzinspolitik eingegangen werden, liefert auch der Markt für so genannte Leveraged Loans. Das sind Ausleihungen an bereits hoch verschuldete Unternehmen, die dann meist gebündelt und an Investoren verkauft werden. Laut der BIZ beläuft sich die dafür ausstehende Summe bereits auf 1,3 Billionen Dollar.

Schon mehrfach hat die Organisation wie auch der Internationale Währungsfonds vor den Risiken in diesem Bereich gewarnt. Wie die BIZ in ihrem jüngsten Jahresbericht ebenfalls festhielt, ist die Verschuldung der Unternehmen ohnehin auf gefährlich hohe Werte angestiegen. 6 Prozent aller kotierten Firmen (ohne die Banken) sind «Zombies», das heisst, dass sie nur dank den extrem tiefen Zinsen überhaupt noch überlebensfähig sind. Laut BIZ lag dieser Anteil seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr so hoch.

6 Prozent aller kotierten Firmen (ohne die Banken) sind «Zombies».

Die hohen, an den Kapitalmärkten eingegangenen Risiken drohen letztlich für die Notenbanken zur Falle zu werden. Denn eine Normalisierung der Zinsen könnte zu massiven Anpassungen der Preise für die eingegangenen Risiken führen – und damit zu massiven Verlusten. Axel Weber, UBS-Präsident und Ex-Notenbanker bei der Deutschen Bundesbank, sagte in diesem Zusammenhang vor kurzem, die Unabhängigkeit der Notenbanken sei weniger durch die Politik als vielmehr durch die Erwartungen an den Kapitalmärkten gefährdet.

Die Reihenfolge von Ursache und Wirkung der Geldpolitik droht sich zu verkehren: Nicht mehr die Leitzinsen treiben das Risikoverhalten an, sondern das Risikoverhalten wird zu einem weiteren Motiv für die Notenbanken, die Zinsen ja nicht zu erhöhen.

Erstellt: 25.07.2019, 15:22 Uhr

EZB-Chef kündigt neuen Schub für Wirtschaft an

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat neue Massnahmen zur Stützung der Konjunktur in Aussicht gestellt. Wie EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstag nach der Sitzung der Notenbankchefs in Frankfurt am Main sagte, leidet die Wirtschaft unter den andauernden Handelskonflikten und auch die Inflationserwartung ging zurück. Deshalb will die EZB eine Anpassung der Leitzinsen sowie weitere Massnahmen wie ein Anleihenkaufprogramm prüfen.

Vor allem in Industrieländern werde die Situation «schlimmer und schlimmer», sagte Draghi. Neben dem schon mehr als ein Jahr andauernden Handelskonflikt zwischen den USA und China, zunehmenden geopolitischen Spannungen und der Möglichkeit eines harten Brexit litten die exportgetriebenen Wirtschaftszweige auch unter der schwachen Entwicklung auf dem chinesischen Markt.

Die Teuerung der Konsumentenpreise in der Eurozone lag im Juni bei 1,3 Prozent und damit weit entfernt vom EZB-Ziel von knapp unter zwei Prozent. Deshalb seien weitere geldpolitische Anreize nötig, um das Wirtschaftswachstum in der Eurozone anzukurbeln, sagte Draghi.

Leitsätze bleiben stabil

Den Leitzins beliess die EZB bei 0,0 Prozent. Lagern Banken ihr Geld kurzfristig bei der EZB ein, statt es an Unternehmen zu verleihen, zahlen sie weiterhin einen Strafzins von 0,4 Prozent. Hier könnte es künftig aber ein abgestuftes System geben, in dem die Banken umso mehr zahlen müssen, je mehr Geld sie horten. Bei kurzfristigen Kapitalspritzen und sogenannten Übernachtkrediten werden wie bisher 0,25 Prozent Zinsen fällig.

Auf diesem Niveau - «oder niedriger» - sollen die Leitzinsen mindestens bis zur ersten Jahreshälfte 2020 bleiben. Mit diesem Zusatz gab Draghi den Finanzmärkten einen Hinweis auf mögliche Zinssenkungen bei der nächsten Ratssitzung im September.

Während eine Leitzinssenkung die Banken kurzfristig dazu zwingen soll, mehr Geld in Form von Krediten in die Wirtschaft zu pumpen, könnte ein neues Anleihenkaufprogramm laut Draghi die Inflationsrate langfristiger stützen. Das letzte Kaufprogramm war Ende vergangenen Jahres ausgelaufen. Binnen vier Jahren hatte die EZB die Märkte für Anleihen von Staaten und Unternehmen mit rund 2,6 Billionen Euro geflutet. Die Rückflüsse aus diesem Programm will die Zentralbank auf unabsehbare Zeit reinvestieren. (afp)

Artikel zum Thema

Ermotti warnt vor «gefährlicher Entwicklung»

Der UBS-Chef schaut mit Sorge auf die Politik der Notenbanken. Und weist auf das Risiko von Spekulationsblasen hin. Mehr...

Negativzinsen sind brandgefährlich

Kommentar Der künstliche Boom wird sich irgendwann als Strohfeuer entpuppen. Mehr...

Wo negative Hypo-Zinsen bereits Realität sind

Minus 0,3 Prozent fürs Ausleihen von Eigenheim-Geld: In Dänemark steht die Zins-Welt Kopf. Und das Land hat eine Reihe von Gemeinsamkeiten mit der Schweiz. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Spielvergnügen: Kinder spielen in einem 20'000 Quadratmeter grossen und zwei Kilometer langen Maislabyrinth bei «Urba Kids» in Orbe, Waadt. (22. August 2019)
(Bild: Laurent Gillieron) Mehr...