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Zum Teufel mit der Solidarität

Die Deutschen wollen nicht mehr für die Griechen zahlen, die Bayern nicht für die Berliner und die Zuger nicht für die Jurassier. Eine überdrehte Vorstellung von Leistung droht die Gesellschaft zu zerstören.

Wir zahlen euch zu viel: Bayern in Berlin.
Wir zahlen euch zu viel: Bayern in Berlin.
Keystone

In seinem Buch «Überflieger» geht Malcolm Gladwell der Geschichte des Erfolgs nach. Er zeigt dabei auf, dass stets eine Mischung aus Glück und Leistung zu überdurchschnittlichen Resultaten führt. Diese Mischung kann variieren. Bei einem Lottogewinner ist der Glücksanteil höher als bei Roger Federer. Trotzdem sind selbst die «grössten Helden der Leistung» auf den Zufall angewiesen. Wäre Bill Gates beispielsweise ein paar Jahre früher oder später zur Welt gekommen, und wäre er nicht in eine Schule gegangen, die bereits sehr früh über einen Computer verfügte, wäre er niemals der Gründer von Microsoft und damit zeitweise der reichste Mann der Welt geworden. Oder würden die Beatles heute rocken, dann würden sie wahrscheinlich – wie Tausende von sehr talentierten jungen Bands – dazu verdammt sein, mit einem selbst gebastelten Video auf Youtube die Aufmerksamkeit einer zersplitterten Fangemeinde zu erhaschen.

Leistung absolut und objektiv definieren und messen zu wollen, ist eine Illusion. «Die Menschen, die als Könige vor uns stehen, mögen aussehen, als ob sie alles allein erreicht hätten», stellt Gladwell fest. «Aber tatsächlich profitieren sie unausweichlich von versteckten Vorteilen und kulturellen Umständen, die es ihnen möglich machen, hart zu arbeiten und zu lernen.» Die moderne Gesellschaft ist jedoch geradezu besessen davon, Leistung objektiv zu messen und individuell zu belohnen. Nicht nur Banker, auch Putzfrauen haben inzwischen einen Bonusanteil in ihrem Lohn. Detailhändler werten riesige Datenmengen aus und klassieren Kunden unterschiedlich. Margaret Thatcher scheint recht zu bekommen: So etwas wie eine Gesellschaft gibt es anscheinend nicht mehr.

Leistung muss sich lohnen

Parallel dazu hat sich die Einkommensschere geöffnet. Immer weniger Leute erhalten einen immer grösseren Anteil des Wohlstandskuchens. «Leistung muss sich lohnen», lautet das Totschlag-Argument, mit dem diese Entsolidarisierung der Gesellschaft legitimiert wird. Die Wirtschaftskrise wirkt dabei als Brandbeschleuniger. Deutsche werden nun gegen Griechen ausgespielt. Auch innerhalb der einzelnen Länder bricht der Zusammenhalt auf. So will die CSU nun neuerdings mit einer Verfassungsklage den Länderfinanzausgleich neu regeln. Im Klartext heisst dies: Die Bayern wollen nicht mehr so viel an die Berliner und andere Ausgleichsempfänger bezahlen. In der Schweiz hegt der Kanton Zug ähnliche Pläne und will den Finanzausgleich neu aushandeln.

Gerade das Beispiel von Bayern und der Innerschweizer Steueroasen zeigt, wie hohl die Leistungssprüche sind. Bayern war bis weit in die 1980er-Jahre ein armes Bundesland und profitierte vom Zahlungsausgleich. Dasselbe gilt für Zug und Schwyz, und wie Kollege Tobias Straumann in seinem aktuellen Blog-Beitrag aufzeigt, besteht die «Leistung» des Kantons Schwyz primär darin, nahe von Zürich zu liegen. Dass Zürich heute wiederum eine der reichsten Städte der Welt ist, hat ebenfalls mit viel Glück und Zufall zu tun. Ohne die Umstände des Kalten Krieges wäre die kleine Schweiz niemals zu einem globalen Finanzplatz geworden.

Die Gesellschaft ist keine Fiktion

Trotzdem schreitet die Entsolidarisierung munter voran. Der Steuerwettbewerb nimmt an Intensität zu, selbst wenn die Rechnung nicht mehr aufgeht. Der Kanton St. Gallen ist mit dem Versuch, ein Steuerparadies zu werden, schon in grösste Schwierigkeiten geraten. Bei Luzern zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab. Auch bei Unternehmen hat dieses Leistungsdenken inzwischen fatale Konsequenzen. Kollege Constantin Seibt stellt zu Recht fest, dass die Datenlecks bei den Schweizer Banken nicht auf die Bosheit der Deutschen, sondern auf die mangelnde Loyalität der eigenen Mitarbeiter zurückzuführen sind. Das pervertierte Leistungsdenken wird so zum Bumerang und zu einer tödlichen Gefahr für die Unternehmen.

Wahre «Helden der Leistung» haben einen klaren Blick auf sich selbst. «Ich habe sehr viel Glück gehabt», bekennt Bill Gates freimütig und zieht die Konsequenzen. Er hat den grössten Teil seines Vermögens einer wohltätigen Stiftung vermacht. Margaret Thatcher hingegen lag falsch: Die Gesellschaft ist keine Fiktion, aber eine Gesellschaft kann nur mit Solidarität funktionieren. Wer dies ignoriert, macht beides kaputt: die aussergewöhnlichen Leistungen und die Gesellschaft.

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