Mehr Lohn für alle – ist das gerechtfertigt?

Nach mageren Jahren fordern die Gewerkschaften eine deutliche Lohnerhöhung. Wie überzeugend sind ihre Argumente? Ein Faktencheck.

Stagnierende Löhne trotz besserer Konjunktur? Plakat in Zürich. (6. Juli 2017)

Stagnierende Löhne trotz besserer Konjunktur? Plakat in Zürich. (6. Juli 2017) Bild: Ennio Leanza/Keystone

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Lohnerhöhungen von bis zu zwei Prozent: Mit dieser Forderung ist heute der Gewerkschaftsdachverband Travailsuisse an die Öffentlichkeit gegangen. Die Organisation umfasst unter anderem die Verbände Syna, Hotel & Gastro Union und Transfair. Wie schon der Schweizerische Gewerkschaftsbund, der bereits Mitte Juli mit seiner Forderung vorgeprescht ist, verlangt auch Travailsuisse eine deutliche Lohnerhöhung.

Beide Spitzenverbände begründen ihre Forderung ähnlich. Sie fordern eine generelle Lohnerhöhung für alle. Sie führen die besseren wirtschaftlichen Aussichten ins Feld, die wieder steigende Teuerung, eine steigende Arbeitsproduktivität und das sich abzeichnende Ende des Frankenschocks, das sich auch in besseren Exportzahlen niederschlägt. Und beide verweisen darauf, dass die Löhne in den letzten Jahren stagniert hätten. Was ist von diesen Argumenten zu halten? Gehen wir sie durch:

1. Argument: Die Löhne stagnierten über Jahre

Schaut man nur auf die Nominallöhne, dann zeigt sich hier tatsächlich eine deutliche Stagnation im laufenden Jahrzehnt. Die Nominallöhne sind die ausbezahlten Löhne. Sie lassen die Entwicklung der Inflation und damit der Kaufkraft des Geldes ausser Acht. Im laufenden Jahrzehnt haben die Nominallöhne gemäss Daten des Bundesamts für Statistik im Durchschnitt pro Jahr nur gerade um 0,7 Prozent zugenommen. Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrzehnts war das noch eine Zunahme um 1,7 Prozent, von 1990 bis zur Jahrtausendwende sogar ein Anstieg um 2,4 Prozent.

Betrachtet man aber die Reallöhne, die auch die Inflation berücksichtigen und damit die Entwicklung der Kaufkraft der Löhne zeigen, dann sieht das Bild für die Beschäftigten im Durchschnitt in den letzten Jahren deutlich besser aus. Seit dem Jahr 2010 haben in dieser Betrachtung die Reallöhne im Durchschnitt um 1 Prozent zugelegt und damit deutlich stärker als in jedem Jahrzehnt seit 1980.

Der Grund dafür liegt in der krisen- und frankenbedingt extrem tiefen und auch negativen Teuerung. Sinkt das Preisniveau, kann man sich auch mit einem gleichbleibenden Lohn mehr kaufen. Die Lohnentwicklung der vergangenen Jahre ist daher kein schlagendes Argument, um Lohnerhöhungen zu fordern.

Umfrage

Ist die Forderung von bis zu zwei Prozent mehr Lohn gerechtfertigt?






2. Argument: Der Frankenschock ist vorbei, die Wirtschaft brummt

Die Aussichten für die Schweizer Wirtschaft sehen tatsächlich wieder besser aus als in den vergangenen Jahren und auch die Entwicklung des Frankenkurses ist aus Konjunktursicht erfreulich. Wie jüngste Prognosen zeigen, ist vor allem der Aussenhandel einer der wichtigsten Treiber für einen weiteren Aufwärtstrieb in der Schweizer Wirtschaft. Begründet ist er aber mehr noch als in der Abschwächung des Frankens im Aufschwung der Weltwirtschaft beziehungsweise in den wichtigsten Absatzregionen für Schweizer Produkte und Dienstleistungen. Die bessere Konjunkturlage rechtfertigt tatsächlich höhere Löhne. Dies umso mehr, als das Argument weniger Gewicht erhält, dass die Beschäftigten angesichts des Preisdrucks durch einen zu teuren Franken sich mit ihren Forderungen zurückhalten sollen, um keine Arbeitsplätze zu gefährden.

3. Argument: Die steigende Teuerung

Seit dem Jahr 2011 war die Teuerung in der Schweiz im Jahresdurchschnitt nie mehr positiv, meist sogar negativ, das heisst, das Preisniveau ging zurück. Auch die jüngste Messung des Bundesamts für Statistik von gestern zeigt ein um 0,3 Prozent gesunkenes Preisniveau im Monatsvergleich vom Juli zum Juni dieses Jahres. Immerhin war die Teuerung allerdings im Jahresvergleich zum Juli 2016 mit einem Anstieg von 0,3 Prozent wieder positiv. Auch gemäss den Prognostikern soll die Teuerung in Zukunft positiv, aber auf tiefem Niveau verbleiben. Die Nationalbank rechnet zum Beispiel mit einem Preisanstieg von 0,3 Prozent in diesem und auch im nächsten Jahr. Das Staatssekretariat für Wirtschaft geht von 0,5 Prozent im laufenden und 0,2 im nächsten Jahr aus. Wenn die Löhne in diesem Ausmass steigen, haben die Beschäftigten erst gerade ihre Kaufkraft erhalten, der Reallohnanstieg wäre also gleich null. Eine wieder positive Teuerung spricht klar für höhere Löhne.

4. Argument: Die Produktivität wächst

Das Wachstum der Produktivität, der Arbeitsproduktivität im Besonderen, ist ein wichtiges ökonomisches Argument für steigende Löhne. Wenn Löhne weniger steigen als die Arbeitsproduktivität, sinkt der Anteil der Beschäftigten an den Produktionserlösen zugunsten der Kapitaleigner. In den entwickelten Volkswirtschaften lassen sich weltweit zwei Entwicklungen beobachten: Das Wachstum der Produktivität ist seit mehr als zehn Jahren äusserst gering, und der Anteil der Beschäftigten am Gesamtprodukt fällt zulasten der Kapitaleigner. In der Schweiz war die letzte Entwicklung dank der extrem tiefen und negativen Teuerung wie erwähnt in den letzten Jahren weniger ausgeprägt. Ein ausgesprochen tiefes Produktivitätswachstum zeigte sich aber auch hier. Gemäss der letzten Schätzung durch das Bundesamt für Statistik für das Jahr 2015 ging die Arbeitsproduktivität sogar um 1,4 Prozent zurück. Sollte die Produktivität weiter sehr tief bleiben, spricht das gegen deutliche Lohnerhöhungen. Jeder positive Anstieg rechtfertigt aber einen entsprechenden Lohnanstieg über das Niveau der Teuerung hinaus. Sollte der Gewerkschaftsbund richtig liegen und die Produktivität steigt tatsächlich um 1,5 Prozent (was überraschend hoch wäre), dann liesse sich auch eine Lohnerhöhung um 2 Prozent rechtfertigen.

5. Argument: Es braucht den generellen Druck

Bei allen Überlegungen zur bisherigen Lohnentwicklung, zur Inflation und damit auch zur Entwicklung der Reallöhne (die die Entwicklung der Kaufkraft abbilden), handelt es sich um Entwicklungen eines Durchschnitts. Es ist möglich, dass diese Entwicklungen für fast niemanden zutrafen. Einzelne haben stärkere oder tiefere Lohnsteigerungen gesehen, sahen sich tieferen oder höheren Preisentwicklungen für ihren Bedarf gegenüber und damit auch einer grösseren oder tieferen Reallohnentwicklung. Auch die Unternehmen sind je nach Wettbewerbssituation unterschiedlich in der Lage zu Lohnerhöhungen. Das spricht für sich genommen gegen generelle Lohnabschlüsse über alle Beschäftigten und Branchen hinaus. Dennoch machen generelle Vorgaben und ein gewerkschaftlicher Druck Sinn. Die internationale Entwicklung zeigt, dass die Möglichkeiten der Beschäftigten, Löhne durchsetzen zu können, immer mehr schwinden, genauso ihr Anteil an der Gesamtproduktivität. Dem setzen generelle Forderungen, getragen von starken Organisationen der Beschäftigten, etwas entgegen. Generelle Vorgaben bedeuten aber nicht, dass jeder Lohnabschluss gleich aussieht oder gleich aussehen soll. Am Ende spielen immer die konkreten Umstände in die Lohnentscheidung hinein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2017, 15:05 Uhr

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