Kreuzfahrt durch die Alpen

Ein neuer Tunnel durch die Grimsel soll das grösste Schmalspurnetz der Welt schaffen. Touristiker sind vom 600-Millionen-Bau begeistert – die erhofften Bundesgelder dürften aber nicht fliessen.

850 Kilometer Schmalspurbahn: Die bestehenden Netze im Genferseegebiet und dem Berneroberland sollen mit dem Grimseltunnel mit den Strecken im Wallis und Graubünden verbunden werden (Karte: Marc Fehr).


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Die Idee eines Tunnels vom Berner Oberland ins Wallis wurde bereits vor 150 Jahren zum ersten Mal begraben. Damals sprach sich der Berner Grossrat für den Bau des Gotthardtunnels anstelle einer Grimselbahn aus. Nun unternehmen die Kantone Bern und Wallis und der Stromnetzbetreiber Swissgrid unter der Führung der Grimselbahn AG einen neuen Anlauf: Bis 2025 soll ein 22 Kilometer langer Tunnel von Meiringen BE nach Oberwald VS führen. Damit würden die bestehenden Schmalspurnetze vom Genfersee bis ins Engadin erstmals verbunden, mit 850 Kilometern Gesamtlänge. Es wäre laut den Initianten das grösste Schmalspurnetz der Welt, ein «Pionierprojekt einer ganzen Generation», wie es der Walliser Staatsrat Jean-Michel Cina an der heutigen Pressekonferenz bezeichnete.

Synergien zwischen Bahn- und Strominfrastruktur: So wirbt Swissgrid für den Grimseltunnel (Video: Youtube/Swissgrid AG).

Der neue Grimseltunnel soll rund 580 Millionen Franken kosten. Massgeblich daran beteiligen soll sich der Netzbetreiber Swissgrid, der sein Übertragungsnetz bis 2025 ausbauen muss. Anstatt die Stromleitungen wie bisher oberirdisch über die Grimsel zu führen, sollen die Kabel durch den Tunnel verlegt werden. Damit würden sowohl Swissgrid wie auch die Initianten der Grimselbahn AG massiv Kosten sparen, da der entstehende Tunnel die Infrastruktur für zwei Systeme gleichzeitig bieten könnte. Gesamthaft könnten so 121 Strommasten und 22 Kilometer Stromleitung abgebaut werden.

Von Montreux nach St. Moritz

Gerade für den Tourismus im Alpenbogen sei das Projekt eine «riesige Chance», sagte die Berner Regierungsrätin Barbara Egger-Jenzer. Eine Machbarkeitsstudie der Universität St. Gallen geht für die Grimselbahn von jährlich rund 400'000 Passagieren und einer Wertschöpfung von 5 Millionen Franken aus. Wichtiger als die Strecke an sich dürfte die Verbindung der verschiedenen Schmalspurnetze in der Region Genf und dem Berner Oberland mit den Tourismusgebieten im Wallis und Graubünden sein. «Für uns ist eine solche Verbindung ein absoluter Segen», sagt Miriam Keller, Geschäftsführerin von Graubünden Ferien. Die Schweiz sei bekannt für ihre alpinen Bahnverbindungen, gerade der Glacier Express habe mittlerweile internationale Bekanntschaft erreicht. «Ein Ausbau wäre eine innovative und nachhaltige Investition», sagt Keller.

Könnte theoretisch durch den Grimseltunnel bis nach Montreux fahren: Der Glacier Express in der Nähe von Andermatt (Bild: Keystone).

Die Panoramastrecke zwischen Zermatt und Davos oder St. Moritz könnte mit dem Tourismuszentrum Interlaken verbunden werden und wäre theoretisch bis an den Genfersee verlängerbar. Von einer «Kreuzfahrt durch die Alpen» spricht daher Fernando Lehner, Chef der Matterhorn-Gotthard-Bahn (MGB), an deren Netz die Grimselbahn in Oberwald VS anschliessen würde. Er sieht touristisches Potenzial in der neuen Verbindung und leistet in der Projektphase technische Unterstützung. Stefan Otz erhofft sich ebenfalls wirtschaftliche Impulse für den Schweizer Tourismus. «Ein solches Bahnnetz wäre weltweit einzigartig», sagt der Tourismus-Direktor von Interlaken. Im alpinen Raum sei ein zusammenhängendes Schienennetz, wie es mit der Grimselbahn entstehen würde, ein Alleinstellungsmerkmal. Gerade für Gäste aus dem chinesischen und arabischen Raum sei eine Verbindung von Interlaken nach Zermatt oder St. Moritz durch die Alpen attraktiv. «Ich bin überzeugt, dass ein zusätzliches Angebot in dieser Reiseform auf Nachfrage stossen würde.»

Kampf um Bundesgelder

Die Finanzierung des 580-Millionen-Baus sollen sich die Grimselbahn AG und Swissgrid anteilsmässig teilen. Die Strominfrastruktur übernimmt der Netzbetreiber, die Mittel für die Bahnführung sollen aus den Bahninfrastrukturfonds (BIF) stammen. Wie die 580 Millionen aufgeteilt werden, ist noch unklar. Bei den bereits gesprochenen BIF-Geldern für den Ausbauschritt bis 2025 ist das Projekt aber nicht dabei, heisst es beim Bundesamt für Verkehr (BAV). Und selbst die Frist für den Ausbauschritt bis 2030 haben die Kantone Bern und Wallis verpasst. Sie haben daher eine Anfrage eingereicht, um den Grimseltunnel noch nachträglich in die Finanzierungsrunde 2030 aufzunehmen.

Doch die Chancen auf Bundesgelder stehen schlecht: Einerseits dürften Ausbauprojekte in den überlasteten Verkehrsknoten einer Verbindung von Haslital und Goms vorgezogen werden. «Der Grimseltunnel steht in grosser Konkurrenz zu anderen Grossprojekten», sagt BAV-Sprecherin Olivia Ebinger. Andererseits haben die Kantone Bern und Wallis für den Ausbauschritt 2030 unter anderem bereits den Ausbau des Lötschbergbasistunnels beantragt, konkurrieren die Grimselbahn also auch selber.

Peter Teuscher, der Kopf hinter dem Projekt, gibt sich kämpferisch: «Es ist uns klar, dass die Latte für Bundesgelder hoch liegt», sagt der Verwaltungsratspräsident der Grimselbahn AG. Der Grimseltunnel sei durch die Kombination von Bahn- und Strominfrastruktur ein Sonderfall. Er hoffe daher auf die Unterstützung der Energie- und Tourismuslobby, denn: «Letztlich befindet das Parlament darüber, welche Projekte Mittel aus dem Infrastrukturfonds erhalten.»

Und wenn keine Bundesgelder fliessen? «Über private Investoren haben wir noch nicht gesprochen», sagt Teuscher, der als Ingenieur den Bau des Lötschbergtunnels leitete. «Wir hoffen darauf, dass die Parlamentarier den Nutzen für die Region einsehen.» Im Vergleich zu anderen Infrastrukturprojekten seien die Kosten zudem nicht so hoch. Auch für MGB-Chef Lehner ist es noch zu früh, um über eine mögliche Beteiligung an der Grimselbahn zu sprechen. «Erst müssen die Machbarkeit und der Nutzen vertieft abgeklärt und die Antwort des Bundes abgewartet werden.» Tourismusdirektor Otz ist optimistischer, gerade im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit Swissgrid. «Mit dem Netzbetreiber ist schon ein starker Partner an Bord. Sollte man die Begeisterung für diese Vision entfachen können, sehe ich gute Chancen, dass das Projekt auch umgesetzt wird.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 04.02.2016, 14:02 Uhr)

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