Kurssturz: Jetzt bloss nicht voreilig in neue Aktien investieren

Jahrelang ging die «Buy the Dip»-Strategie bestens auf. Nun ist jedoch Vorsicht angebracht, Notenbanken ziehen sich zurück.

Die Baisse kann Anleger zu Euphorie verleiten, doch Vorsicht: Der Anaplan-CEO geht mit seinem Unternehmen an die Börse. Foto: Reuters / Brendan McDermid

Die Baisse kann Anleger zu Euphorie verleiten, doch Vorsicht: Der Anaplan-CEO geht mit seinem Unternehmen an die Börse. Foto: Reuters / Brendan McDermid

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Es ist wie ein Reflex: Jedes Mal, wenn es an den Börsen scheppert, ist von Kaufgelegenheiten und Buy the Dip die Rede. Buy the Dip bedeutet auf gut Deutsch, nach einem Kurstaucher zu kaufen. Es ist eine populäre Handelsstrategie unter Börsianern und basiert auf der Annahme, dass der Bullenmarkt weitergeht. Auch in den Oktoberturbulenzen reagierten Investoren mit Kaufaufträgen, was eine Gegenbewegung ermöglichte.

Die Buy-the-Dip-Strategie hat in den letzten zehn Jahren bestens funktioniert. Die Anleger konnten sich auf die Notenbanken verlassen, die mit offenen Geldschleusen die Hausse unterstützten.

Jetzt aber gibt es Anzeichen, dass die Sache nicht mehr so einfach ist. Die Zentralbanken sind auf dem Rückzug: Seit einem Jahr schrumpft die Bilanz der US-Notenbank, weil sie ihren Anleihenbestand reduziert. Die Europäische Zentralbank will ihre Anleihenkäufe zum Jahresende beenden. Insgesamt geht die Bilanzsumme der fünf grossen Notenbanken ab diesem Jahr zurück. Die Liquidität wird entzogen, die die Finanzmärkte über Jahre genährt hatte.

Mit der Ruhe ist es vorbei

Dass sich die Kurse nach einem Knick nicht mehr gleich schnell erholen wie auch schon, zeigt eine Untersuchung der Analysten der Bank of America Merrill Lynch über die letzten sechs Jahre. Als Dip haben sie einen Kursrückgang im S&P 500 von mindestens 5 Prozent in zehn Tagen definiert. Nach dem Kauf wurden die Index-Futures zwanzig Tage gehalten oder so lang, bis der Kurssturz wettgemacht war. Zwischen 2014 und 2017 war diese Strategie einer einfachen Kaufen- und-Halten-Strategie überlegen. Der Einbruch wegen der US-Präsidentschaftswahlen zum Beispiel war in nur einem Tag Geschichte, es war die schnellste Erholung seit Aufzeichnung. Nur nach den Kursstürzen am 21. August und am 15. Dezember 2015 war die Strategie erfolglos. Bis das im Absturz verlorene Terrain zurückerobert war, dauerte es 52 und 88 Tage.

2017 ging als korrekturfreies Börsenjahr in die Geschichte ein. Doch mit dieser Ruhe ist es vorbei: Dieses Jahr gab es an der US-Börse bereits vier Dips nach der BofA-Definition, zwei im ersten Quartal und zwei im Oktober. Im Crash vom Februar hat sich Buy the Dip zum ersten Mal seit 2015 nicht bewährt. Zwanzig Tage nach Absturz am 5. Februar notierte der Index noch tiefer. Bis das Hoch von Ende Januar wieder erreicht war, dauerte es über 140 Tage.

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Etwas mehr Glück hatten Trader, die den zweiten Sturz im März zum Einstieg nutzten: Nach zwanzig Tagen stand der Markt 1 Prozent höher. Bis der ganze Einbruch wettgemacht war, vergingen aber ebenfalls über sechzig Tage. Für die letzten Dips im Oktober ist das definitive Urteil noch ausstehend: Fest steht, dass der Index in den zwanzig Tagen nach dem ersten Kurssturz am 10. Oktober leicht gestiegen ist, heute aber tiefer notiert. Bis zum Septemberhoch fehlen noch 7 Prozent. Wiederum hat es sich gelohnt, den zweiten Absacker abzuwarten. Wer am 25. Oktober den S&P 500 gekauft hat, hat bisher eine Rendite von 3 Prozent erzielt.

Eine alternative, aber ebenso häufige Definition eines Dip ist ein Tagesverlust von 5 Prozent oder mehr auf Indexebene. Die diesjährigen Kursstürze werden mit dieser Definition aber ausgeschlossen. Selbst im Ausverkauf am 10. Oktober beschränkte sich das Tagesminus im S&P 500 auf 3,3 Prozent.

Durchschnittliche Rendite nach Kurssturz

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Seit 1998 gab es immerhin fünfzehn Tage, an denen die US-Börse 5 Prozent oder mehr verloren hat. Einen Monat nach dem Schock notierte der Index im Schnitt praktisch unverändert. In den zwölf Monaten nach dem Fall legten US-Aktien im Mittel jedoch über 20 Prozent zu. Wer den Tiefpunkt nicht erwischt und erst am Tag nach dem Crash investiert hat (Buy after the Dip), musste sich mit 2,5 Prozentpunkten weniger begnügen.

USA: Die grössten Kursstürze seit 1998

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Der Swiss Market Index (SMI) verzeichnete seit 1998 achtzehn Tagesstürze von 5 Prozent und mehr – den letzten im Januar 2015. Im Schnitt lag der Index zwanzig Handelstage später 5,4 Prozent über dem Tief, nach einem Jahr 4,8 Prozent. Am Schweizer Markt war die Strategie auf ein Jahr hinaus deutlich weniger profitabel als in den USA, dafür zahlte sich die kurze Haltedauer aus.

Schweiz: Die grössten Kursstürze seit 1998

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Die meisten der Fälle, bei denen sich der Einstieg gelohnt hat, stammen aus der Zeit der Finanzkrise 2008/09. Damals eilten die Notenbanken zu Hilfe und pumpten Liquidität ins System, während China ein riesiges Konjunkturpaket schnürte. Solche Massnahmen stehen heute nicht zur Debatte. Dazu müsste erst sehr viel mehr schiefgehen und müssten die Kurse deutlich tiefer fallen. Das heisst: Die Statistik spricht zwar für die Buy-the-Dip-Strategie – aber nur, wenn der Dip genug gross ist, dass auch die Notenbanken in Panik verfallen.

Erstellt: 15.11.2018, 16:29 Uhr

So lässt sich die Buy-the-Dip-Strategie optimieren

Tagesverluste von 5 Prozent und mehr kommen auf Indexebene nicht oft vor. Bei Einzeltiteln sind selbst Abstürze von 10 Prozent und mehr keine Seltenheit. Ende Oktober brachen zum Beispiel die Aktien des Sanitärtechnikers Geberit nach enttäuschenden Quartalszahlen 10 Prozent ein.

Wenige Tage zuvor hatte es bereits den Autozulieferer Autoneum und den Vakuumventilhersteller VAT erwischt. Heute notieren die Kurse wieder höher. Die Strategie, Aktien nach Kursstürzen zu kaufen (Buy the Dip), hätte auch in diesem Fall nicht schlecht funktioniert. Dass dies kein Zufall, sondern die Regel ist, bestätigt eine Analyse von S&P Global Market Intelligence, dem Forschungsarm des Indexanbieters S&P Global.

8700 Kursstürze analysiert

Gegenstand der Untersuchung waren alle tausend Titel im US-Aktienindex Russell 1000 und ihre täglichen Kurse im Zeitraum von 2002 bis 2017. Die Strategie, die Aktien zu kaufen, die an einem Tag relativ zum breiten Markt 10 Prozent oder mehr verloren, war über alle analysierten Zeiträume dem Index überlegen. Nach dreissig Tagen betrug die durchschnittliche Überrendite 5 Prozentpunkte, nach einem Jahr 28.

Insgesamt 8700 solcher Kursstürze zählten die Analysten. Viele ereigneten sich nach Bekanntgabe von schlechten Zahlen oder einer Gewinnwarnung. Doch laut S&P Global bleibt das Ergebnis das gleiche, wenn Kursstürze infolge Quartalszahlen oder Gewinnwarnungen ausgeschlossen werden.

Mit zusätzlichen Filterkriterien lässt sich das Ergebnis der Buy-the-Dip-Strategie verbessern: Wenn sich die Aktien im Aufwärtstrend befinden, kommen sie nach einem Sturz häufiger wieder auf die Beine. Günstig bewertete Papiere finden nach einem Absturz ebenfalls eher wieder auf die Erfolgsschiene. Positiv wirkt sich auch ein grosser Anteil institutioneller Investoren in einem Titel aus.

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