Liebesbotschaft an den Arbeitgeber

Man soll sich mit der Firma identifizieren können, die einem den Lohn zahlt. Aber nicht zu sehr.

Dass auch SBB-Angestellte nicht zaubern können, wussten wir schon. Dass es gefährlich sein kann, sich zu sehr mit seinem Arbeitgeber zu identifizieren, noch nicht. Standbild aus dem Video «Stob Bashin SBB» von Bahnangestellten. Foto: Screenshot

Dass auch SBB-Angestellte nicht zaubern können, wussten wir schon. Dass es gefährlich sein kann, sich zu sehr mit seinem Arbeitgeber zu identifizieren, noch nicht. Standbild aus dem Video «Stob Bashin SBB» von Bahnangestellten. Foto: Screenshot

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Die Aktion war gut gemeint: Eine Gruppe von SBB-Angstellten hielt es nicht mehr aus, dass ihr Konzern wegen Verspätungen und Pannen seit Monaten am Pranger steht. Mit dem eigens konzipierten Videoclip «Stop Bashing SBB» wollten die Mitarbeitenden dagegenhalten.

Als ich den Song zum ersten Mal hörte, schwankte ich ­zwischen «Jöö, irgendwie herzig, diese Solidarität» und «Oh mein Gott, wie peinlich». «Jeder Moment tut unendlich weh», trällert Protagonistin Claudia in dem ­Video, und man merkt: Sie meint es ernst. Kritik an den SBB empfindet die Zug­begleiterin offenbar als Kritik an sich selbst.

Übermässige Identifikation kann auch negative Auswirkungen haben

Was mich zur Frage bringt, warum ich im Verlauf meines Berufslebens nie fähig war, ein so starkes Gefühl für einen meiner Arbeitgeber zu entwickeln. Habe ich Bindungsängste, leide sozusagen an einem Corporate-Bonding-Problem? SBB-Chef Andreas Meyer kann sich ja eigentlich glücklich schätzen, dass er es – trotz seines umstrittenen Führungsstils – mit so passionierten Mitarbeitenden zu tun hat. Dass ein hoher Identifikationsgrad einen positiven Impact auf den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens hat, weiss man seit längerem.

Gleichzeitig haben US-Forscherinnen unlängst nachgewiesen, dass eine derartige «Amour fou» mit dem Arbeitgeber auch negative Auswirkungen haben kann. Eben zum Beispiel, dass sich Ange­stellte regelrecht für die Firma schämen, wenn diese in einen Skandal verwickelt ist. Oder dass sie wegen ihrer hohen Identifikation Veränderungen rasch als ­Bedrohung empfinden.

Auch den Chef sollte man nicht allzu sehr mögen

Ein übermässiges emotionales Commitment, wie es die SBB-Mitarbeitenden an den Tag legen, scheint in der Schweiz auch eher die Ausnahme zu sein als die ­Regel. Laut dem letzten Gallup-Engagement-Index haben hierzulande nur gerade 13 Prozent eine hohe Bindung an ihr Unternehmen. 76 Prozent hängen nur ­minim am Arbeitgeber. Dies ist sogar der höchste Wert im deutschsprachigen Raum. Mit ­anderen Worten: Die Arbeitenden in der Schweiz haben eine ge­sunde Distanz zu ihrer Firma. Darum haben wir vermutlich damals, als die UBS in ihrer grössten Krise steckte und geprügelt wurde, keine Banker gesehen, die das taumelnde Finanzinstitut auf ­Youtube verteidigten.

Stop bashing Tamedia? Wird von mir nie zu hören sein, auch wenn ich gern hier bin. Ich iden­tifizierte mich in der Vergangenheit eher mit dem Chef als mit der Firma. Auch das ist übrigens gefährlich. Wenn der Typ geht, hat man ­richtigen Liebeskummer.



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Erstellt: 16.11.2019, 19:08 Uhr

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