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«Wir sind berauscht von Wachstum und Schulden»

Der philosophierende Ökonom Tomáš Sedlácek über die Ökonomie als Religion, die manisch-depressive Wirtschaft, fatale Schuldenpolitik und den Fetisch Wachstumskapitalismus.

«Wir mussten feststellen: Papa ist impotent»: Tomáš Sedlácek über die Banken in der Finanzkrise. (Foto: Dieter Seeger)
«Wir mussten feststellen: Papa ist impotent»: Tomáš Sedlácek über die Banken in der Finanzkrise. (Foto: Dieter Seeger)

Herr Sedlácek, in Ihrem neuen Buch «Lilith und die Dämonen des Kapitals» sind Sie in die Rolle eines Psychoanalytikers geschlüpft und haben die Ökonomie auf die Couch gelegt. Welches ist die gefährlichste Störung des modernen Kapitalismus? Das ist die manische Depression. Man spricht über Depressionen, nicht aber über Manien. Dabei können Manien genauso gefährlich sein. Unser Wirtschaftssystem tendiert zu hysterischen Überreaktionen. Aus einem Aufschwung kann schnell eine rasende Manie entstehen. Das haben wir in der Finanzkrise 2007/08 gesehen. In den USA begann die Krise in einer Zeit, in der in der Wirtschaft alles optimal zu laufen schien: hohes Wachstum, niedrige Arbeitslosigkeit, starke Wettbewerbsfähigkeit und hohe Innovationskraft. Und dann kam es zu einem manisch getriebenen Kollaps, befeuert von Privathaushalten, Banken und Regierungen, die viel zu hohe Schulden angehäuft hatten. Dasselbe passierte in europäischen Ländern wie Irland. Unsere westlichen Gesellschaften sind genau das Gegenteil von Dagobert Duck. Dieser ist sparsam und geizig, er lagert ein riesiges Vermögen in einem Geldspeicher. Wir dagegen glauben reich zu sein, sind es aber nicht. Wir sind alle überschuldet.

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