«Meist ist nackte Gier der Antrieb»

Bundesrichter Niklaus Oberholzer befasst sich seit fast 40 Jahren mit Verbrechern. Er sagt: Betrüger und Betrogene sind oft seelenverwandt.

«Betrüger sind menschlich faszinierend, müssen Charme und Charisma haben», sagt Niklaus Oberholzer. Foto: Daniel Ammann

«Betrüger sind menschlich faszinierend, müssen Charme und Charisma haben», sagt Niklaus Oberholzer. Foto: Daniel Ammann

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Sind Sie schon einmal auf einen Betrüger hereingefallen?
Ja. Es war Fussball-WM, und ich war im Einkaufscenter unterwegs. Der Mann war Brasilianer, und er fragte mich, ob ich ihm hundert Franken ausleihen könne. Er habe kein Portemonnaie dabei, würde mir dann das Geld zu Hause vorbeibringen – zusammen mit einer brasilianischen Fahne. Ich dachte mir schon: Diese Geschichte klingt zu gut.

Trotzdem wollten Sie dem Mann offensichtlich glauben. Warum?
Ich habe viele Erfahrungen mit Betrügern gesammelt, als ich in St. Gallen als Anwalt gearbeitet habe. Diese Leute sind menschlich faszinierend. Ein Dieb, der nachts in ein Haus einsteigt, muss niemand um den Finger wickeln. Aber ein Betrüger muss das Opfer dazu bringen, dass es ihm sein Geld freiwillig in die Hand drückt. Dazu muss er Charme und Charisma ausstrahlen, seinem Gegenüber etwas vorgaukeln können. Erst aus dem Zusammenspiel von Täter und Opfer kann ein Betrug entstehen.

Glauben Betrüger die Geschichten, die sie ihren Opfern auftischen?
Normalerweise gehen die Täter nicht hin und sagen: So, jetzt ziehe ich den Leuten das Geld aus der Tasche. Viel häufiger ist, dass die Betrüger ein gestörtes Verhältnis zur Realität haben. Sie überschätzen sich selbst, mischen vielleicht noch Verschwörungstheorien bei. Im Stile von: Die bösen Banken streichen fette Gewinne ein, jetzt werde ich das auch den Normalsterblichen er­möglichen.

Der Betrüger als Robin Hood?
Genau. Am Anfang scheint es oft sogar zu funktionieren. Aber dann kommt das erste Scheitern – und das Stopfen der Löcher beginnt. Ganz ähnlich wie beim Spieler im Casino: Er verliert, also erhöht er den Einsatz, um den Verlust zu decken. Im Glauben, er könne das verlorene Geld zurückholen.

«Es gibt auch noch einen zweiten Schutzbereich: die Lauterkeit der Wirtschaft, das Vertrauen darauf, dass in der Geschäftswelt grundsätzlich alles mit rechten Dingen zugeht.»

Die Geprellten sind oft weder dumm noch naiv. Unter den 2000 Geschädigten im Fall Behring sind auch Unternehmer und Banker.
Zu konkreten Fällen werde ich mich nicht äussern. Allgemein gesagt: Meist ist nackte Gier der Antrieb.

Opfer und Täter sind sich also gar nicht so unähnlich?
Man sieht nicht selten eine gewisse Verwandtschaft. Der eine skizziert eine unglaublich attraktive Chance, und genau diese Gelegenheit reizt den anderen. Beide sind auf der Suche nach dem schnellen Gewinn. Wenn Sie für Ihr Geld hundertprozentige Sicherheit wollen, dann können Sie es auf ein Sparkonto einzahlen, und dafür bekommen Sie 0,05 Prozent Zins. Aber vielen genügt das eben nicht.

Wie viele der Opfer melden sich?
Wir beobachten häufig, dass die Geschädigten gar keine Anzeige stellen, weil sie nicht offenlegen können, woher ihre Ersparnisse kamen. Als ich noch Staatsanwalt war, habe ich einmal im Portemonnaie einer Betrügerin einen Zettel gefunden – darauf stand, wem sie wie viel aus der Tasche gezogen hatte. Darunter war auch ein Herr, der 1,2 Millionen Franken verloren hatte. Als ich ihn befragte, sagte er: «Ich habe dieser Frau nie Geld gegeben.» Später, als er mein Büro verliess, raunte er mir noch zu: «Meinen Sie, ich will diese 1,2 Millionen nachträglich auch noch versteuern? Weg ist das Geld sowieso.»

Weshalb muss der Staat solche Opfer überhaupt schützen? Man könnte ja auch sagen: Sie sind selber schuld!
Es gibt Betrüger, die gezielt Schwache ausnutzen, die zum Beispiel in Altersheimen auf Beutefang gehen. Solchen Geschädigten muss man natürlich helfen. Und dann gibt es einen zweiten Schutzbereich: die Lauterkeit der Wirtschaft, das Vertrauen darauf, dass in der Geschäftswelt grundsätzlich alles mit rechten Dingen zugeht. Hier gilt: Strafe muss sein. Aber die Frage stellt sich natürlich: Wie sollen Ermittler mit den Geschädigten umgehen?

Wieso ist das so schwierig, wo liegt das Problem?
Ich bin jetzt seit bald 40 Jahren in diesem Metier. Unser Gesetz ist ausgerichtet auf übersichtliche Fälle, auf den Mörder, der ein Opfer erschiesst, auf den Betrüger, der drei Grossmüttern das Geld aus der Tasche zieht. Heute sehen wir aber Betrugsfälle mit Tausenden von Geschädigten. Die Regeln sind immer jedoch für alle Fälle dieselben.

Was sind die Folgen?
Verzögerungen. Die Ermittlungen leiden extrem unter der Verpflichtung der Behörden, all diese Geschädigten in das Verfahren hineinzunehmen. Heute gilt: Der Staatsanwalt muss jeden Geschädigten anschreiben und ihn einladen, seine Rechte wahrzunehmen. Da kommen auch jene Leute mit rein, die gar nicht aktiv Strafanzeige gestellt haben, die einfach in den beschlagnahmten Akten aufgetaucht sind. Die werden dann Teil der ganzen Übung: Sie müssen informiert werden, wenn Einvernahmen stattfinden, sie haben das Recht, Beweisanträge zu stellen. Das ist ein riesiger administrativer Aufwand. Ich habe in St. Gallen einen Fall mit 1400 Geschädigten erlebt. Nur schon der Briefversand war ein Albtraum. Da kamen fünf Prozent der Couverts zurück mit dem Vermerk «Adresse geändert».

Wenn ein Täter erst nach einem Jahrzehnt verurteilt wird, nimmt das niemand mehr ernst.
Meiner Meinung nach ist hier die Politik gefragt. Wenn der Staat seinen Straf­anspruch in Grossfällen mit Tausenden Geprellten durchsetzen will, müsste man die Geschädigten aus dem Strafverfahren ausschliessen.

Das müssen Sie näher erklären.
Bis in die 80er-Jahre waren die Opfer im Strafrecht aus Sicht der Behörden nicht mehr als ein lästiges Beiwerk. Das änderte sich aber mit dem Opferhilfe­gesetz. Man hat begonnen, Geschädigten mehr und mehr Rechte einzuräumen. Dabei dachte man vor allem an die Opfer von Gewalt- oder Sexualdelikten.

Und jetzt merkt man, dass dies nicht in jedem Fall sinnvoll ist?
Ja. Eigentlich geht es hier ja um gescheiterte Verträge: Der Betrüger verspricht etwas, und das Opfer erhofft sich eine Rendite, die nie eintrifft. Wenn der Betrug aufgeflogen ist, will der Betrogene möglichst viel Geld zurück. Dafür gibt es aber bereits ein Mittel: das Betreibungs- und Konkursrecht. Damit können die Geprellten ihr Geld zurückfordern. Man würde sie besser von Anfang an auf diesen Weg verweisen, statt die Strafermittlungen mit den Geschädigten zu überfrachten.

Dazu müsste man allerdings das Gesetz ändern.
Eine ausgefeilte Lösung habe ich nicht bereit. Aber mir scheint die Zeit gekommen, dass sich die Politik damit befasst. Ich hoffe, dass im Gefolge des Behring-Prozesses – unabhängig von dessen Ausgang – eine Diskussion in Gang kommt.

Gibt es weitere Ideen, wie sich verhindern lässt, dass die Justiz zehn Jahre lang mit einem einzelnen Fall ringt?
In der Schweiz gilt der Grundsatz, dass der Staatsanwalt alles untersuchen muss, wovon er erfährt. Aber ist das immer richtig? Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Man hat in einem Fall genug Beweise beisammen, um einen Täter für vier Jahre ins Gefängnis zu bringen. Ist es nun sinnvoll, nochmals so viel Zeit zu investieren, nur damit am Ende viereinhalb Jahre herausschauen? Es gäbe anderes zu tun. Es laufen genügend Kriminelle frei herum.

Sollten Staatsanwälte mit Betrügern Deals schliessen können – im Sinn von Geständnis gegen milde Strafe?
Das gibt es bereits heute unter dem Titel «abgekürztes Verfahren». Nur: Heute müssen alle Geschädigten mit einem solchen Deal einverstanden sein – und Sie können sich vorstellen, dass sich bei hundert Betroffenen immer einer findet, der damit nicht einverstanden ist. Man hatte in der Schweiz nicht den Mut, die Geschädigten in solchen Fällen auszuschliessen. Auch das sollte man diskutieren.

Kurz: Staatsanwälte sollen pragmatischer entscheiden.
Mein Appell geht in erster Linie an die Politik. Wir sollten wegkommen von der Verpflichtung, alles verfolgen zu lassen, was noch irgendwie mit einem Fall zusammenhängt. Die Ermittler soll sich auf den Kern der Sache konzentrieren. Wenn Fälle über zehn Jahre dauern, leidet das Vertrauen der Bevölkerung in die Justiz.

Letzte Frage: Hängt bei Ihnen heute eine brasilianische Fahne zu Hause?
Ich habe weder eine Fahne erhalten noch die hundert Franken wiedergesehen.

Erstellt: 14.06.2016, 22:05 Uhr

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Niklaus Oberholzer hat sich auf Mörder, Betrüger und andere Kriminelle spezialisiert. Der Strafrechtler startete seine Laufbahn als Untersuchungsrichter im Kanton St. Gallen, später arbeitete er als Strafverteidiger und Richter. Heute amtet er als Bundesrichter; gleichzeitig überwacht er die Bundesanwaltschaft als Präsident der entsprechenden Aufsichtsbehörde. Der 62-Jährige ist SP-Mitglied und teilt seine Zeit zwischen der Ostschweiz und Lausanne auf. (ms)

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