Nur zusammen sind sie stark

Ohne Kooperation verlieren die europäischen Autokonzerne den Anschluss an die Zukunft.

Im Scheinwerferlicht: Ein Roboterauto der Google-Tochter Waymo an einer Messe in Las Vegas im Januar 2019. Foto: Steve Marcus (Reuters)

Im Scheinwerferlicht: Ein Roboterauto der Google-Tochter Waymo an einer Messe in Las Vegas im Januar 2019. Foto: Steve Marcus (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn dann Roboterautos auf der Strasse sein werden, wird das jeder Mensch spüren. Der Verkehr wird sicherer, weil Maschinen weniger Fehler machen. Es wird viel weniger Jobs geben, weil ganz am Ende der technischen Entwicklung keine Fahrer mehr benötigt werden in Bussen und Bahnen. Und die Autohersteller bekommen ein Problem: Wagen werden oft nur noch genutzt und nicht mehr gekauft.

Es ist nun nicht zu erwarten, dass die Autos bereits übermorgen ganz von selbst fahren auf allen Strassen. Eher in 20 oder 30 Jahren, denn etliche technische, regulatorische oder auch kulturelle Unwägbarkeiten tun sich immer wieder auf, gebündelt in der Kernfrage: Wie werden Menschen und Maschinen miteinander zurechtkommen?

Aber irgendwann werden Autos komplett allein pilotieren, ob man das gutheisst oder nicht. Das wird eine Revolution sein, viel gravierender, als es der Wechsel zu elektrischen Antrieben ist. Deswegen ist es wichtig und richtig, dass die deutsche Autoindustrie derzeit diskutiert, ihre Kräfte zu bündeln. Soll der Automobilstandort Europa führend und sollen dazu möglichst viele Jobs erhalten bleiben, braucht es eine europäische Roboterautoallianz.

Die neuen Firmen programmieren und bauen rascher, als es Konzerne wie BMW, Daimler und Volkswagen gewohnt sind.

Die Weichen für die Zukunft werden schon jetzt gestellt. Den Weg in die Zukunft bereiten immer ausgefuchstere Assistenzsysteme, die den Autofahrer unterstützen. Wer dabei die Standards setzt, wer etwa festlegen kann, welche Sensoren – die Augen und Ohren des Autos – nötig sind, welche Grundlogiken die künstliche Intelligenz haben soll, der wird für lange Zeit das Geschäft bestimmen.

Derzeit sieht es so aus, als hätten Hightechfirmen aus den USA und aus China die Nase vorn: Google, Alibaba oder Baidu haben über ihre bisherigen Produkte, Handys oder Suchmaschinen, bereits den Zugang zu Hunderten Millionen Kunden. Und sie haben extrem viel Kapital zur Verfügung. Konkret dürfte die Google-Tochter Waymo vorne liegen im weltweiten Roboterautorennen; die Amerikaner haben gerade auch den Bau einer Roboterautofabrik angekündigt. Das dürfte ein wenig aufgeblasen sein, aber doch ist es so: Diese neuen Firmen programmieren und bauen rascher, als es Konzerne wie BMW, Daimler und Volkswagen gewohnt sind – in deren Autos übrigens dennoch zehnmal so viele Programmierzeilen stecken wie in einem Smartphone.

Mindestens einige deutsch Automanager – etwa Harald Krüger von BMW, Dieter Zetsche von Daimler oder Herbert Diess von Volkswagen – versuchen deshalb Bürokratie in ihren Firmen abzubauen, versuchen Geld zu sparen beim Alten, damit es fürs Neue zur Verfügung steht. Volkswagen strukturiert sich zudem um, trennt künftig die Entwicklung von Hardware und Software.

Video – So funktioniert ein autonomes Fahrzeug

Wer in dieser Branche klar denkt, hat längst erkannt, dass jedes Unternehmen für sich genommen zu klein und schwach ist, um die neuen Technologien alleine zu entwickeln. Vor zwei Jahren erwarben die grossen deutschen Autokonzerne gemeinsam den digitalen Kartendienst Here; die Kosten von knapp drei Milliarden Euro teilten sie sich. Das sind alles richtige Entwicklungen und Entscheidungen. Doch das reicht nicht. Allein mit Karten und mehr Software fährt ein deutsches oder europäisches Roboterauto noch nicht nach vorn. Insofern ist es höchste Zeit, dass weitere Verabredungen getroffen werden, derzeit angestiftet von Volkswagen.

Natürlich: Das klingt schnell nach verdächtigen Absprachen. Die europäischen Kartellwächter werden jedenfalls aufmerksam hinsehen – und sie sollen es auch. Doch Sondierungen und gegebenenfalls transparent angemeldete Verabredungen zu unterbinden, wäre so fahrlässig von den Wettbewerbsbehörden wie deren derzeitige Einwände gegen die Zusammenarbeit von Alstom und Siemens bei den Eisenbahnen. Hier wie dort muss man die ganze Welt in den Blick zu nehmen, um zu beurteilen, wo ein Monopol entsteht.

Selbst bei einer deutschen oder europäischen Roboterautoallianz ist nicht gesichert, dass der Kontinent so relevant bleibt in der Industrie wie bislang. Ohne eine solche Allianz scheint es unvorstellbar, den Platz zu halten. Und das hat auch Folgen für die Schweizer Zulieferer.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 03.02.2019, 17:39 Uhr

Artikel zum Thema

Anwohner attackieren selbstfahrende Autos

Mit Messern und Steinen gehen Anwohner im US-Bundesstaat Arizona auf autonom fahrende Autos los. Mehr...

Die Frau oder den Mann überfahren?

Selbstfahrende Autos müssen im Notfall über Leben und Tod entscheiden. Wen würden Sie in solchen Situationen schonen bzw. opfern? Wagen Sie unsere – zugegeben – etwas makabren Simulationen. Mehr...

«So eine Industrie kann schnell abstürzen»

Interview Volkswagen-Chef Herbert Diess hält Diesel-Fahrverbote in deutschen Städten für unnötig. Dafür hat er grosse Sympathie für Öko-Aktivisten, die gegen Braunkohlekraftwerke kämpfen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Leuchtende Präsidentengattinnen: Melandia Trump und Akie Abe besuchen zusammen das Museum der digitalen Künste in Tokyo (26. Mai 2019).
(Bild: Koji Sasahara) Mehr...