Öl ins Feuer

Das billige Öl schmiert die Wirtschaft und verklebt den Umweltschutz. Und niemand weiss, wann die Preise wieder steigen.

Der billige Rohstoff gefährdet die Natur: Ölpumpe in Sakihr, Bahrain. Foto: Hasan Jamali (AP, Keystone)

Der billige Rohstoff gefährdet die Natur: Ölpumpe in Sakihr, Bahrain. Foto: Hasan Jamali (AP, Keystone)

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Gerade passiert etwas, wovor uns Geografielehrer immer gewarnt haben. Es wird mehr Öl aus dem Boden gepumpt, als die Welt braucht. Öl überschwemmt den Markt.

1956 sagte der amerikanische Geologe Marion King Hubbert voraus, dass die geförderte Menge an Rohöl spätestens ab dem Jahr 2000 stark abnehmen werde, weil die Vorräte zu Ende gingen. Seine Prognose wurde zu Allgemeinwissen, gelehrt in zahllosen Klassenzimmern. Nur, sie ist nicht eingetroffen.

Dank neuer Fördertechniken wie Fracking (das auch als Reaktion auf Hubberts Prognosen entwickelt wurde) haben vor allem die USA ihre Erdölproduktion stark steigern können. Vor Brasilien und Indonesien wurden riesige neue Ölfelder entdeckt. Und auch die Politik hilft mit: Durch die Aufhebung der Sanktionen wird der Iran, der über das viertgrösste Ölvorkommen der Welt verfügt, seinen Output in den nächsten Jahren wohl mehr als verdoppeln. Dazu kommt, dass der Öldurst weniger gross ist als angenommen. Autos, Flugzeuge und Heizungen brauchen nicht mehr so viel Energie wie früher. Und vor allem Chinas Wirtschaft, in den letzten Jahrzehnten ein zuverlässiger Ölverbraucher, wächst langsamer als vorhergesagt.

Derzeit fluten die Opec-Länder den Markt mit Öl, in der Hoffnung, dass die Konkurrenz unter den zerfallenden Preisen einbricht. Doch das könnte dauern. Experten gehen davon aus, dass sich der Preis pro Fass bei 40 bis 50 Dollar einpendeln wird. Andere sagen gar einen Fall auf 20 Dollar voraus. Das wäre der tiefste Wert seit der Ölkrise der 70er-Jahre.

Die Armen profitieren besonders

Dieser Preissturz bewirkt eine gigantische Umverteilung. Weil wir in einer Welt leben, in der fast alles Erdöl enthält, wird fast alles billiger: Kosmetik, PET-Flaschen, Kleider, Medikamente, natürlich auch Benzin, Kerosin und Heizöl. Das Geld fliesst nicht mehr zu den Ölherstellern, es bleibt bei den Verbrauchern. Ein Preisrückgang um 60 Dollar pro Fass, wie gerade geschehen, bedeutet, dass die Konsumenten weltweit zwei Trillionen Dollar (eine Zahl mit zwölf Nullen) im Jahr einsparen. Eine Familie in den USA erhalte so pro Jahr etwa 750Dollar, sagte US-Präsident Barack Obama. Ärmeren Menschen soll das Billigöl besonders nützen. Prozentual geben sie einen grösseren Teil ihres Budgets für Energie aus.

Der kollabierende Ölpreis wirkt wie ein Konjunkturprogramm. Die Menschen haben mehr Geld, kaufen mehr Dinge, die Wirtschaft läuft besser. Laut Voraussagen des Internationalen Währungsfonds soll der tiefe Ölpreis das weltweite Wachstum nächstes Jahr um ein halbes bis ein Prozent hochdrücken.

Doch nicht alle gewinnen: Ländern mit grosser Ölindustrie brechen wichtige Einnahmen weg, Arbeitsplätze verschwinden. Die Wirtschaft Saudiarabiens zum Beispiel hängt zu 90 Prozent vom Öl ab. Verharrt der Fasspreis bei 40 Dollar, könnte das Land laut Schätzungen in vier Jahren seine riesigen Währungsreserven verbrannt haben. Weniger reiche Erdölländer wie Libyen, Nigeria, Venezuela, Russland oder der Irak taumeln schon heute. Beobachter befürchten politische Unruhen. Andere hoffen auf den Sturz autoritärer Regimes, die ihre Bevölkerungen bis- lang mit Ölgeld beschwichtigt haben.

Die Natur verliert

Am härtesten trifft das Billigöl die Natur. Die Menschen werden häufiger fliegen, mehr Auto fahren und mehr Autos kaufen, besonders solche, die viel Benzin verbrauchen. Ausserdem konkurrenziert das Billigöl erneuerbare Energien, die im Preiskampf nicht mehr mithalten können. Investoren ziehen ihr Geld ab. Staaten könnten sich dazu verleiten lassen, Wind- und Solarenergieprojekte aufzugeben. Klimaschützer fürchten, dass der Ölpreis den Pariser Klimagipfel bremst.

Der Milliardär Richard Branson, der viel Geld in grüne Energien gesteckt hat, wirft den Opec-Ländern gar vor, mit ihrer Schwemme gezielt die Cleantech-Branche schwächen zu wollen. Die Direktorin der internationalen Energieagentur fordert, den tiefen Ölpreis mit höheren CO2-Steuern auszugleichen.

Momentan weiss niemand genau, wann der Welt das Erdöl ausgeht. Klimaschützer wünschten, Hubbert hätte recht gehabt.

Erstellt: 21.09.2015, 06:54 Uhr

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