Das Meisterwerk im Genfer Zollfreilager

Geraubt von den Nazis, gefunden in den Panama-Papieren: Der Weg eines 25 Millionen teuren Modigliani zeigt, wie mutmassliche Raubkunst mit Offshorefirmen versteckt wird.

25 Millionen Dollar wert: «Homme assis appuyé sur une canne» (1918) von Amedeo Modigliani. Foto: Christie’s Images, Corbis

25 Millionen Dollar wert: «Homme assis appuyé sur une canne» (1918) von Amedeo Modigliani. Foto: Christie’s Images, Corbis

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Der italienische Maler Amedeo Modi­gliani starb vor knapp einem Jahrhundert als bettelarmer Alkoholiker. Heute er­zielen seine Gemälde bei Auktionen Rekord­preise. «Homme assis appuyé sur une canne» zum Beispiel. Das Porträt wäre heute mindestens 25 Millionen Dollar wert. Derzeit ruht es im Zollfreilager von Genf. Um seinen Besitz entbrannte ein erbitterter Kampf. Geführt wird er von New York über Panama und die Karibik bis nach Genf. Am Anfang stand ein Raubzug der Nazis.

Unterlagen aus dem französischen Staatsarchiv sollen beweisen, dass das berühmte Porträt von Modigliani vor dem Zweiten Weltkrieg einem Mann namens Oscar Stettiner gehörte, einem jüdischen Antiquitätenhändler und Kunstsammler. 1939 floh Stettiner aus Paris, seine Gemäldesammlung liess er zurück. Die Nazis rückten vor und eroberten 1940 die französische Hauptstadt. Sie beschlagnahmten die Sammlung von Stettiner und organisierten eine Zwangsversteigerung. Der Modigliani soll danach gleich mehrfach den Besitzer gewechselt haben. Seine Spur verlor sich.

Nach dem Krieg, 1946, reichte Oscar Stettiner eine Beschwerde in Frankreich ein. Er wollte sein Bild zurück. Doch Stettiner starb zwei Jahre später, bevor seine Klage überhaupt behandelt wurde. Staub legte sich über die Affäre.

Einflussreiche Kunstsammler

60 Jahre später fand das kanadische Unternehmen Mondex Corp die Spur des Enkels von Oscar Stettiner. Der heute 71-jährige Philippe Maestracci in La Force, einem ruhigen 2500-Seelen-Dorf anderthalb Autostunden von Bordeaux entfernt. Mondex hat sich auf die Jagd nach geraubten Werken spezialisiert. Sie will dem Enkel helfen, an das Gemälde zu kommen – für eine Provision natürlich. Und die Kanadier fanden nicht nur den Erben, sondern auch den Modigliani.

2005 tauchte das Meisterwerk plötzlich auf, und zwar in der Galerie Helly Nahmad in New York. Die Galerie gehört dem Sohn des Kunstsammlers David Nahmad. Ist er der Besitzer? Mit dem Sammler betritt jedenfalls ein Schwer­gewicht die Szene. David Nahmad und seine Familien besitzen ein milliardenschweres Vermögen, angehäuft zum grossen Teil durch Kunsthandel. Rund 4500 Werke nennen sie ihr eigen – ­darunter 300 Picassos. Der grösste Teil der Sammlung liegt im Zollfreilager in Genf.

Dieser Schatz ermöglicht es den Nahmads, einen grossen Einfluss auf den Kunstmarkt auszuüben – auch auf mächtige Akteure wie die beiden Auktionshäuser Sotheby’s und Christie’s. «Die Auktionshäuser brauchen die Nahmads wohl mehr als die Nahmads die Auktionshäuser», fasste es das «Forbes»-Maga­zin 2007 zusammen. Familienpatriarch David Nahmad (68) lebt zwischen Monaco, Paris und New York. Er handelte mit Devisen und Rohstoffen, aber die Kunst ist seine Leidenschaft. Sein Sohn und sein Neffe tragen beide den­selben Vornamen: Helly. Beide führen Galerien in London und New York.

Am 28. Oktober 2011 strengte Mondex in New York einen Prozess an gegen die Nahmads im Namen des jüdischen Erben von Oscar Stettiner. Sie wollten das Modigliani-Bild zurück. Es sollte ein Mammutverfahren werden. Vor Gericht sagt Familie Nahmad, dass der Modigliani gar nicht ihnen gehöre, sondern der International Art Center (IAC), einer Offshorefirma.

In der Tat hatte diese IAC das Bild «Homme assis appuyé sur une canne» im Jahr 1996 für 3,2 Millionen Dollar an einer Auktion von Christie’s in London ersteigert. Noch im vergangenen August schrieben die Anwälte der Nahmads an die Richter des Supreme Court von New York: «Niemand sonst auf der Welt (ausser IAC), einschliesslich der Galerie Nahmad, Helly Nahmad oder David Nahmad, besitzt diese Leinwand.» Diese Aussage verschweigt aber offenbar Wesent­liches. Ans Licht kommt das erst heute – dank den Panama-Papieren.

Die Anwaltskanzlei Mossack Fonseca äussert sich zum Hacker-Angriff. Video: Reuters

Tief vergraben in den Akten der Kanzlei Mossack Fonseca (MF) in Panama ­finden sich Dokumente, in denen als Eigen­tümer dieser Offshorefirma IAC die ­Familie Nahmad genannt wird.

Der grosse Bruder von David Nahmad gründete demnach die Firma 1995 in ­Panama. Geholfen hat ihm damals die Schweizerische Bankgesellschaft. David Nahmad und seine beiden Brüder hatten Zugriff auf die Konten der IAC in der Schweiz, und zu Beginn vergab die Firma IAC lediglich Inhaberaktien. So weit die Dokumente. Bei dieser Aktienform gehören eine Gesellschaft und all ihre Besitztümer demjenigen, der diese Aktien als Papiere in seinem Tresor hatte. Wer das war, kann man in der ­Regel nicht feststellen. Inhaberaktien werden bei Offshorefirmen oft zur Verschleierung von Besitzverhältnissen eingesetzt und sind heute in vielen Ländern verboten.

Im Januar 2014 übernahm jedenfalls Patriarch David Nahmad als alleiniger Eigentümer die Firma IAC. Gemäss den Papieren gehört ihm heute also auch der Modigliani. Die Dokumente aus den Panama-Papieren zeigen, welche Mühe man sich aufseiten der Nahmads offenbar gab, dies zu verschleiern. Der New Yorker Staranwalt und der Verteidiger der Nahmads wussten zum Beispiel während des Verfahrens nicht, wer die Dokumente von IAC unterzeichnen soll, die er an das amerikanische Gericht schicken musste. Da durfte der Name David Nahmad natür­lich nicht auftauchen, sonst wäre ja sofort aufgeflogen, dass der Sammler selber hinter IAC steht.

Der New Yorker Anwalt kontaktierte also seinen Genfer Anwaltskollegen, der für IAC zuständig war. «Sagen Sie mir so schnell wie möglich, wer für IAC unterschreiben kann», schrieb er in einer E Mail. Die Schweizer Kanzlei stellte darauf hin den Kontakt zu Mossack Fonseca (MF) her, die bereits vor zwanzig Jahren Mittelsfirma war bei der Gründung von IAC. MF schlug dem New Yorker Anwalt vor, die Dokumente von einem Strohmann in Panama unterzeichnen zu lassen. Das Problem war damit gelöst – und erst noch günstig. Pro unterschriebenes Dokument verlangte MF 32.30 Dollar.

Neben den Offshorefirmen installierten die Nahmads noch einen weiteren Schutzschild: das Genfer Zollfreilager. Trotz der jüngsten Verschärfungen der Gesetze ist es bis heute möglich, dass eine anonyme Offshorefirma im Lager als Mieter auftritt, ohne den tatsächlichen Besitzer der Firma angeben zu müssen. Bei Eröffnung eines Bankkontos durch eine Briefkastenfirma müssen die wirtschaftlich Berechtigten zwingend genannt werden, auch wenn nur geringe Summen auf die Konten kommen. Doch im Zollfreilager ist es immer noch möglich, ein Gemälde im Wert von Dutzenden Millionen Dollar im Namen einer Offshorefirma zu deponieren, und niemand in Genf hat eine Ahnung, wer der tatsächliche Besitzer ist.

Schutzwall beginnt zu bröckeln

Während des Prozesses in Amerika hat Rodolphe Haller, einer der grössten Mieter des Zollfreilagers in Genf, ausgesagt, dass der Modigliani im Namen der International Art Center in seinen Räumlichkeiten war. Wem die Firma gehört, war bei der Aussage kein Thema. Das Unternehmen von Haller, das über 35 000 Werke von 400 Kunden im Lager aufbewahrt, hat auf Anfragen von «SonntagsZeitung» und «Tages-Anzeiger» nicht geantwortet.

Eine Klage von Philippe Maestracci in Sachen Modigliani wurde inzwischen in New York zurückgewiesen. Eine zweite ist hängig. Hier wollen die Kläger die Verbindung zwischen IAC und Familie Nahmad nachweisen. Bisher war das schwierig. Doch mit der Publikation der MF-Dokumente beginnt der Schutzwall von Familie Nahmad zu bröckeln.

Konfrontiert mit den Dokumenten, gemäss denen David Nahmad IAC kontrolliert, sagte der New Yorker Anwalt des Milliardärs nun plötzlich, dass der Name des Besitzers unwichtig sei. Dies, nachdem er bisher jeden Besitz der ­Familie abgestritten hatte. Für ihn sei nun eigentlich die zentrale Frage, ob das bean­standete Bild von Oscar Stettiner wirklich geraubt worden sei. Nahmads Verteidigung bestreitet, dass der Modi­gliani Raubkunst ist.

Die Klärung dieser Frage könnte lang dauern. In den letzten vier Jahren haben sich die Parteien nur darum ­gestritten, wem der Modigliani eigentlich gehört. Die Frage, ob er Raubkunst ist, wurde noch gar nicht angegangen. Wird es Philippe Maestracci also noch zu Lebzeiten schaffen, das gestohlene 25-Millionen-Dollar-Bild seines Grossvaters wieder zu erhalten?

Der Nachfahre des Kunsthändlers lebt noch immer im Haus, in das sein Grossvater während des Krieges flüchtete. Er will im Hintergrund bleiben und beantwortete nur ein paar Fragen an der Haustür. «Ich wusste, dass mein Grossvater ein Gemälde besass, aber wir sprachen nur sehr wenig über familiäre Dinge», sagt er bei einem Besuch mit einer schwachen, hohen Stimme. «Ich habe ihn nie von Modigliani sprechen hören. Als Mondex mich bat, ein Ver­fahren zu starten, sagte ich: Ja, warum nicht?»

Mondex, das kanadische Unter­nehmen, das den Rechtsstreit finanziert, will die Details zum Vertrag mit dem ­Enkel nicht nennen. Die Firma sagt, sie wolle ein Unrecht aufdecken. Kenner weisen aber darauf hin, dass eine ansehnliche Summe für Mondex herausspringen dürfte, falls sie gewinnt. In solchen Fällen erreicht die Provision oft ein Drittel des Bildwertes. In diesem Fall ­wären das rund 8 Millionen Dollar für Mondex.

Philippe Maestracci nimmt es inkauf, dass er womöglich in dem ganzen Fall instrumentalisiert wird. Ihm geht es um etwas anders: «Ich mache es für die Erinnerung an meinen Grossvater.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.04.2016, 19:41 Uhr

David Nahmad, Kunsthändler und mutmasslicher Besitzer des ­Modigliani. Foto: PD

Verstopfte Briefkästen

Flut von Kunstkatalogen

Derart viele Sammler führen heute Offshorefirmen, dass dies offenbar zu postalischen Problemen bei Providern wie Mossack Fonseca führt. Kataloge von Auktionshäusern werden nämlich noch immer auf Papier gedruckt, die Wälzer sind oft bis zu zwei Kilogramm schwer. Weil die Kanzlei in Panama so viele Briefkastenfirmen im Namen von reichen Sammlern führt, ist sie auch die Adresse für den Versand all dieser Kataloge. So werden die Zentrale von Mossack Fonseca in Panama und die Tochterfirmen etwa in Genf offenbar regelmässig mit kiloweise Katalog-Material eingedeckt, was die Briefkästen überlastet.

Im Dezember 2009 wurde es dem Genfer Büro von Mossack Fonseca schliesslich zu bunt. Es schrieb an die Mutterfirma: «Wir wären Ihnen verbunden, wenn Sie uns die Kataloge für unsere Kunden von Christie’s und Sotheby’s nicht mehr zusenden würden.» (ahe)

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