Wo die Panama Papers Mächtigen gefährlich werden

Die Enthüllungen haben einen Reigen von Skandalen rund um die Welt ausgelöst. Wir geben einen Überblick.

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684 Namen in der Türkei, 1984 Personen in Südafrika, 26'463 Anschriften in China: Seit letzter Woche ist die Datenbank der Panama Papers öffentlich zugänglich. Die Steuerbehörden in aller Welt untersuchen das Material. Welche Konsequenzen das für die Entdeckten hat, wird die Öffentlichkeit kaum erfahren. Aber auch Geheimdienste, Anwälte, Journalisten durchkämmen die Daten. Eine neue Flut von Enthüllungen über Prominente, Geschäftsleute und Unternehmen ist absehbar. Kleinigkeiten sind schon bekannt geworden, etwa, dass Schauspielerin Emma Watson über eine Tarnfirma eine Wohnung in London besitzt.

Bisher hatten sich die Untersuchungen der Panama Papers auf «Peps» konzentriert – politisch exponierte Personen, also Politiker, deren Angehörige, Freunde und Verbündete aus mehr als 40 Ländern. Die spektakulärsten Fälle machten Schlag­zeilen rund um die Welt: der Premierminister von Island, Sigmundur Davíð Gunnlaugsson, der zurücktrat; der Fifa-Richter Juan Pedro Damiani, der zurücktrat; der russische Präsident Wladimir Putin, dessen engste Freunde Milliarden verschoben. In den gut sechs Wochen, seit die Panama Papers bekannt sind, hat es aber auch Enthüllungen gegeben, über die jenseits der Grenzen des betroffenen Landes kaum berichtet wurde.

Angola
Mit Öl geschmiert

Manuel Vicente, Vizepräsident von Angola. Foto: Reuters

Angola gehört zu den Ländern der Welt, in denen die Verteilung des Reichtums besonders krass ist. Die Oberschicht lebt im Überfluss, Millionen Arme am Rande des Existenzminimums. Luanda, die Hauptstadt, ist teurer als Zürich – selbst einfachste Dinge des täglichen Lebens müssen aus Übersee importiert werden. Grundlage für den Reichtum ist Erdöl vor der Küste des afrikanischen Landes – und die Panama Papers belegen, wie die Herrschenden sich ihren Anteil an den Milliardengeschäften sichern. Im Zentrum steht Manuel Vicente, früher Chef des staatlichen Erdölkonzerns Sonangol, heute Vizepräsident. Da laufen Dutzende Millionen durch Strohfirmen in Panama, den britischen Kanalinseln oder in der Karibik, über Konten der UBS oder der portugiesischen Bank Espirito Santo. Da wird einem amerikanischen Konzern vorgeschrieben, seine Bohrrechte mit Firmen zu teilen, die vorher völlig unbekannt waren und deren Besitzer sich nicht eindeutig benennen lassen. Aber alle wissen: Profiteure sind die Familie des langjährigen Diktators Jose Eduardo dos Santos, Generäle seiner Sicherheits­kräfte, Mitglieder der Elite. Wer Kritik übt, wird mundtot gemacht.


Aserbeidschan
So reich ist der Präsident

Monarch oder Präsident? Ilham Alijew bei US-Aussenminister John Kerry. Quelle: BBC Azeri/Youtube

Ilham Alijew lässt sich regelmässig zum Präsidenten von Aserbeidschan wählen. Was sich ganz passabel demokratisch anhört, ist tatsächlich eine Monarchie, in der die königliche Familie alle Macht und allen Reichtum für sich beansprucht. Das nehmen die Menschen in dem an Erdöl reichen Land an der Küste des Kaspischen Meeres mit einem resignierten Schulterzucken zur Kenntnis. Doch auch sie waren jetzt überrascht, wie umfangreich dieser Reichtum ist. Was Alijew, seiner Frau, den drei Kindern und ihren Verbündeten alles gehört, haben die Panama Papers aufgedeckt. Über verschachtelte Firmen in Panama, Grossbritannien und der Schweiz kontrolliert der Clan Gold-, Silber- und Kupferbergwerke, Telecom-, Erdöl- und Baukonzerne. Der Sohn des Präsidenten wurde schon als Sechsjähriger zum Teilhaber gemacht. Recherchen decken immer neue Immobilien auf, in denen die Alijews sich vergnügen, etwa in London, Dubai oder Moskau. Die Enthüllungen haben an der Macht der Alijews allerdings nicht rütteln können. Aserbeidschan versteht sich bestens mit der Türkei und ist ein Verbündeter der USA.


Armenien
Die Geschäfte des Generals

Der Jurist als Generalmajor: Mihran Poghosyan. Foto: ru.wikipedia.org

Generalmajor, oberster Befehlshaber des Justizvollzugs in Armenien: Mihran Poghosyan ist mit seinen 40 Jahren ein Überflieger, ein offensichtlich brillanter Jurist und Manager. Ebenso beein­druckend sind allerdings die verdeckten Geschäfte, für die er sein Amt genutzt hat. Ein kompliziertes Netzwerk von Briefkastenfirmen haben Journalisten in Armenien in der Datenbank der Panama Papers entdeckt. Die genauen Eigentümer der Firmen wurden durch einen Mechanismus verschleiert, der vielerorts längst verboten ist: Inhaberaktien weisen die Person, die das entsprechende Zertifikat vorlegt, als Inhaber aus; Namen werden nirgendwo festgehalten. Über diese Firmen wickelten Poghosyan und seine Verwandten unter anderem lukrative Immobiliengeschäfte ab – auch im Auftrag der Behörde, deren Chef er war. Hinzu kommen Beteiligungen an einer Supermarktkette, an Importgeschäften, an Telecom- und Bauaufträgen. Anfangs meinte Poghosyan, die Enthüllungen seien irrelevant; er sei ja als Geschäftsmann bekannt. Doch der Druck wurde zu gross. Dass sein Name in einem Atemzug mit Ilham Alijew, dem Präsidenten von Armeniens Erzfeind Aserbeidschan, genannt werde, sei unerträglich, sagte er. Das schade seinem Land. Der General legte seine Ämter nieder. Ob seine Geschäfte untersucht werden, blieb offen.


Malta
Der Minister und der Briefkasten

Gelassen im Interview: Konrad Mizzi. Quelle: Malta Independent/Youtube

Selbstbewusst trat Joseph Muscat letzte Woche vor die versammelten Regierungsvertreter aus aller Welt beim Antikorruptionsgipfel in London und versprach eine neue Offenheit. Malta werde sich am Informationsaustausch der EU über die wahren Eigentümer von Briefkastenfirmen beteiligen und auch den eigenen Bürgern verbieten, ihre Reich­tümer in Steueroasen zu verstecken, sagte der Premierminister. Nur am Rande liess Muscat durch­blicken, dass seine eigene Regierung durch die Enthüllungen der Panama Papers ins Zwielicht geraten ist. Der Stabschef des Premiers, Keith Schembri, hatte Energieminister Konrad Mizzi geholfen, eine Offshorefirma zu gründen. Was genau dahinterstand, wurde nicht bekannt. Tausende gingen im kleinen Malta auf die Strasse, um gegen die Regierung zu protestieren, und die Opposition versuchte, Muscat mit einem Misstrauensvotum zu stürzen: Immerhin war dies die einzige Regierung eines EU-Landes, aus deren Reihen ein Minister in den Enthüllungen auftauchte. Muscat bleibt im Amt – und relativiert das Vergehen seiner Parteifreunde. «Korruption findet sich nicht nur unter Politikern», sagte der Premierminister in London. «Sie betrifft auch Sport und die Wirtschaft, die Justiz und sogar internationale Hilfsorganisationen.» Zudem sei Malta als internationales Finanzzentrum wichtig. Das bestätigt die Datenbank der Panama Papers: 49 Anwaltsbüros auf Malta verdienen ihr Geld mit Offshorekonstrukten, sie gründeten mehr als 700 Tarnfirmen.


Pakistan
Nawa Sherif

Im Verdacht der Günstlingswirtschaft: Nawaz Sharif. Foto: Reuters

Kinder sind eine Freude, aber sie machen auch Sorgen. Zum Beispiel dem Premierminister von Pakistan, Nawaz Sharif. Drei seiner vier Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, tauchen als Begünstigte von Scheinfirmen in den Panama Papers auf, es geht auch um lukrative Immobilien in London. Da kommt der Verdacht auf Korruption und Günstlingswirtschaft auf – was in Pakistan niemanden überrascht, aber trotzdem für Entrüstung sorgt. ­Familie Sharif gehört zu den reichsten Pakistans: Das Vermögen des Premiers wird auf mehr als eine Milliarde Dollar geschätzt – aus Zucker- und Stahlgeschäften. Doch die Sharifs sind eine der führenden politischen Dynastien des Landes. Von Bereicherung auf Kosten des Staates war immer wieder die Rede, bewiesen wurde nie etwas. Dieses Mal reagierte der Regierungschef offensiv: Er forderte die Bildung einer Untersuchungskommission und werde zurücktreten, wenn ihm Verfehlungen bewiesen werden könnten. Dumm nur, dass der angefragte Richter den Auftrag ablehnte: Die Kompetenzen der Untersuchung müssten genauer definiert werden, sonst sei das Ganze eine Scheinübung.


Brasilien
Auch der Neue ist nicht sauber

Alles bestens in Brasilien! Aber ist Michel Temer wirklich besser als die eben abgesetzte Präsidentin Dilma Roussef? Foto: Reuters

Das grösste Land Südamerikas hat seine Präsidentin in die Wüste geschickt, wegen angeblicher Korruption. Am 12. Mai wurde Dilma Rousseff vom Senat für sechs Monate von ihrem Amt suspendiert. Ihr werden Verstösse bei der Führung der Staats­finanzen vorgeworfen. Nun hat Vizepräsident ­Michel Temer die Geschäfte übernommen – aber ein Saubermann ist auch er nicht. Zwar taucht sein Name nicht in den Panama Papers auf. Dafür der seines engen Verbündeten Eduardo Cunha, Präsident der unteren Parlamentskammer – und viele weitere Politiker seiner Partei. Die «Süddeutsche Zeitung», die die Daten der Panama Papers weltweit verbreitet hat, spricht von einem «Skandal der gesamten politischen und wirtschaftlichen Führungs­riege Brasiliens»: die systematische Plünde­rung des staatlichen Erdölkonzerns Petrobras. Die Namen von 57 Personen, die in den Skandal verwickelt sind, werden in den Dokumenten genannt; es geht um 107 Tarnfirmen, die über die Anwalts­kanzlei Mossack Fonseca in Panama gegründet wurden. Die Spur der Korruption führt ­direkt in die Schweiz. Die Bundesanwaltschaft hat eine Sondergruppe mit Ermittlungen beauftragt und bisher etwa 800 Millionen Franken auf Schweizer Konten blockiert. Auch gegen Schweizer Banken sollen Verfahren eröffnet werden.


China
Gebunkerte Millionen

Prominente Tochter im Zwielicht: Li Xiaolin. Foto: Reuters

China boomt – und damit auch das Offshoregeschäft von Mossack Fonseca, jener Kanzlei in Panama, die in aller Welt Tarnfirmen verkauft. Dabei müssten auch diese Anwälte sich an die Regel halten, dass politisch exponierte Personen besonders geprüft werden. Bei zahlreichen Chinesen tat ­Mossack Fonseca das nicht. So zeigen die Panama Papers, dass der Schwager des chinesischen Präsidenten, der schon seit Jahren für seine undurchsichtigen Geschäfte berüchtigt ist, auch über Panama Firmennetze zur Verschleierung der wahren Eigentümer aufbaute. Prominenteste Kundin der Kanzlei ist allerdings Li Xiaolin, die Tochter des ehemaligen Premierministers Li Peng und eine millionen­schwere Unternehmerin. Dass die «Prinzlinge», die protegierten Nachfahren der kommunistischen Topkader, grossen Reichtum besitzen und Millionen im Ausland bunkern, soll in China niemand wissen. Entsprechende Berichte werden von der Zensur unterdrückt. Selbst im vergleichsweise freien Hongkong, wo die Zeitung «Ming Pao» über die Enthüllungen berichtete, ist Pekings Macht gross: Der für die Recherchen zuständige Redaktor wurde entlassen.


Guinea
1249 Prozent Profit

Es war der «Deal des Jahrhunderts». Im Dezember 2008 lag Lansana Conté im Sterben, der Diktator von Guinea. Nur Tage vor seinem Tod traf er eine letzte Entscheidung: Er enteignete die Schürfrechte an der Simandou-Mine und übertrug sie dem israelischen Diamantenmilliardär Beny Steinmetz. Dieser wurde damit der Besitzer des vielleicht grössten Eisenerzvorkommens der Welt – für 0 Dollar. (Nur unter der Auflage, später 165 Millionen in die Erschliessung des Gebiets zu investieren.) Was der Deal wert war, zeigte sich schnell: Steinmetz verkaufte die Hälfte der Rechte an den Minenkonzern Vale – für 2,5 Milliarden Dollar. Dann kam 2010 eine neue Regierung in Guinea an die Macht. Und fand heraus, was Steinmetz’ entscheidendes Investment gewesen war: 4 Millionen Dollar an Mamadie Touré, vierte und Lieblingsfrau des sterbenden Diktators. 4 Millionen Dollar – mit 1249 Prozent Profit. Die neue Regierung machte den Deal rückgängig – seither klagen alle gegen alle. In den Panama-Papieren fand man nun das vielleicht entscheidende Puzzleteil: Die Firma, über die – mit Umweg über zwei weitere Firmen – die Bestechungsgelder von der Steinmetz-Gruppe an die Lieblingsfrau geflossen waren, hat ihren Sitz in der Schweiz.

Erstellt: 18.05.2016, 00:11 Uhr

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