Er führte Briefkastenfirmen trotz Verdacht auf Kinderhandel

Wegen Kinderhandel angeklagt, wegen Vergewaltigung von Waisenkindern verurteilt: Der Amerikaner Andrew M. Was die Panama-Papiere nun über ihn enthüllen und was für Spuren in die Schweiz führen.

Ein «Wunder», wenn die Mädchen überhaupt schon 16 Jahre jung gewesen wären. (Illustration: Benjamin Güdel)

Ein «Wunder», wenn die Mädchen überhaupt schon 16 Jahre jung gewesen wären. (Illustration: Benjamin Güdel)

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Die Lektüre der Internetseite verlangt starke Nerven. Sie heisst Berenika, benannt nach einer Prinzessin. Vordergründig wurden hier junge Prostituierte in legalem Alter für ein Bordell in Moskau angeboten. Doch die Bilder zeigen Mädchen, die höchstens 14 Jahre alt sein können.

«152 cm, 38 Kilo, Körbchengrösse A», wurde neben einem besonders kindlichen Foto geworben. Alle seien 18 bis 20 Jahre alt. Doch im Forum der Seite beschrieben die Kunden, es sei «ein Wunder», wenn sie 16 seien. Einer sagte, er habe mit seinen 95 Kilo ein Mädchen fast erdrückt, so klein sei es gewesen. Stundenpreis für ein Kind: 60 Dollar.

Stundenpreis für ein Kind: 60 Dollar. 

Die Seite richtete sich nicht nur an Russen. Sie warb auch auf Englisch um Sextouristen. Die Kundschaft werde diskret von einem Chauffeur direkt vom Hotel abgeholt, wirbt die Seite. Das Ganze habe «Europäischen Standard», die Mädchen seien «gesund» und würden «jede Woche getestet». Um die Sextouristen zu beruhigen, steht auch: «Wir haben Besitzer aus dem Westen, die den Betrieb professionell führen.»

Panama-Papiere als neues Puzzleteil

Das Bordell wurde von den Behörden 2004 stillgelegt, die Betreiber erhielten bis zu zehn Jahre Gefängnis wegen Kinderhandels. Die russischen Strafverfolger sagten später auch, wer nach ihrer Auffassung hinter der «westlichen Führung» stehe: Ein Mann namens Andrew M., wohnhaft in den USA. «Er war der Organisator», sagt Alexei Rodin, einer der Ermittler. Und er sei geflohen.

Wohin das Geld floss, das die Bande mit Sexarbeit der Kinder verdiente, ist nicht vollständig geklärt. Doch seit einer Woche gibt es ein neues Puzzleteil in der Affäre – dank den Panama-Papieren.

So bewarb «Berenika» die jungen Mädchen.

Erst diese Woche wird bekannt, dass Andrew M. die ganze Zeit eine versteckte Briefkastenfirma in der Karibik besass, in deren Namen auch geheime Konten liefen, die kaum nachverfolgt werden können. Eingerichtet wurde die Offshorefirma schon in den Neunzigern für M., und zwar von Mossack Fonseca, kurz MF, der Kanzlei in Panama, deren Daten seit einer Woche offenliegen und Staatsoberhäupter und politische Führer weltweit in Schwierigkeiten bringen.

Von allen fragwürdigen Aktivitäten von MF-Firmen zeigt kaum ein Beispiel die Probleme des Offshoregeschäftes so drastisch wie der Fall des US-Amerikaners.

Mossack Fonseca liess M. gewähren

Dank den Panama-Papieren lässt sich verfolgen, wie M. bereits im März 1995 – damals erst 25 Jahre alt – via MF eine Briefkastenfirma namens Ifex Global Ltd. errichtete, und zwar auf den Britischen Jungferninseln, kurz BVI. Was genau er bezweckte, ist nicht klar, auf jeden Fall wollte er versteckte Konten einrichten. Das berichtete ein Bankmanager auf den BVI in einem Fax, der in den Panama-Papieren liegt.

Demnach ist M. am 5. Mai 1995 mit einem russischen Freund ohne Termin in eine Bank auf der BVI-Insel Tortola geschritten und hat ultimativ und auf der Stelle ein geheimes Konto für Ifex verlangt, auf das er gleich Tausende Dollar deponieren wollte. «Und dies, ohne dass wir ihn als Bank überprüfen konnten», schreibt der Banker. Der Manager bezeichnete dieses Verhalten als «extrem verdächtig». Und meldete das in diesen Worten per Fax an Ramon Fonseca, eine der Spitzen von MF. Fonseca liess M. jedoch trotz der Warnung gewähren. MF verlangte offenbar auch nach dem Zwischenfall keinen Pass von M.

M. wurde mit Hollywoodstars an VIP-Partys fotografiert

Die Offshorefirma blieb bestehen, und in der Folge konnte M. weltweit Bankkonten für die geheime Firma eröffnen. Er tat dies zum Beispiel in Norwegen, wie Bankauszüge zeigen.

Sieben Jahre später, im Jahr 2002, wurde M. erstmals in den USA bekannt. Er startete eine Benefizaktion für Kinder in Russland, die Opfer von terroristischen Anschlägen wurden. Er wurde als Kinderwohltäter gefeiert. Der russische Botschafter in den USA dankte ihm öffentlich. M. wurde mit Hollywoodstars an VIP-Partys fotografiert. Gemäss einer späteren US-Klageschririft gegen M. soll er zur gleichen Zeit, im Jahr 2003, zusammen mit einem Russen «Pläne für ein Geschäft» entwickelt haben, um «minderjährige Mädchen» über die Internetseite Berenika zu vermitteln.

«Der Angeklagte Andrew M. investierte Geld in dieses Geschäft und verlangte einen Prozentanteil der Profite aus den kommerziellen sexuellen Kontakten der minderjährigen Mädchen», heisst es in dem Gerichtsdokument. Heute mit dem Fall konfrontiert, sagt M.: «Alle Anschuldigungen, ich sei in den Kinderhandel verwickelt, sind absolut und komplett falsch. Das sind durchwegs sorgfältig gefälschte Vorwürfe der russischen Behörden, die einzig dazu dienten, meinen Ruf zu zerstören.»

M. sieht sich als Opfer von Putin

M. sagt, er habe schwere Vorwürfe an die russische Regierung gerichtet nach seinen Hilfsaktionen für russische Terroropfer und sei deshalb ins Visier von Putin geraten. «Das Ganze ist ein Racheakt für diese Aktivitäten.» Er bestreitet auch, dass seine Offshorefirma Geld kriminellen Ursprungs erhielt. Nachdem die Kinderhändler 2004 der Polizei in Russland ins Netz gegangen waren, kam M. dort ins Visier der Behörden. Doch erst vier Jahre später, im Dezember 2008, wurde er in den USA verhaftet. In der Anklage steht, M. habe ein Geschäft mit Kinderprostitution geplant, als Beweismittel erwähnt die Anklage Material auf dem beschlagnahmten Computer von M.

Unter anderem habe er Mitarbeiter, die für die Internetseite Berenika arbeiteten, unter «VIP» gespeichert. Angeklagt wurde er in den USA aber auch, weil er sich selber an den Kindern vergriffen habe. «Zwischen Dezember 2003 und Ende Januar 2004 ‹rekrutierte› der Angeklagte Andrew M. minderjährige Mädchen im Alter unter 15 Jahren aus einem Waisenhaus in St. Petersburg», so die Anklageschrift. «Er hatte sexuelle Kontakte mit M. S., E. K. und J. N., alle unter 15 Jahre alt.»

«Nach dieser Vergewaltigung tat mir alles weh»

Staatsanwältin Michelle Morgan-Kelly beschreibt bei einem Treffen die Hintergründe: «Die Mädchen waren Siebtklässler und hatten keinerlei Erfahrung als Prostituierte. Sie waren alle noch Jungfrauen, weil Herr M. das so verlangte», erzählt sie. «Dreimal sass M. in seinem Auto ausserhalb des Waisenhauses und hat gewartet, bis ihm eine der 13-Jährigen zugeführt wurde.» Die Mädchen seien besonders verwundbar gewesen, sagt Morgan-Kelly. «Sie hatten keine Eltern, keine Familie, niemanden, der auf sie aufpasste.»

Sie waren alle noch Jungfrauen, weil Herr M. das so verlangte»Staatsanwältin Michelle Morgan-Kelly

Eines der Mädchen beschrieb in ihrer Zeugeneinvernahme, wie sie von M. behandelt wurde. «Nach dieser Vergewaltigung tat mir alles weh. Es tat weh zu laufen.» Eine Beamtin vom US-Departement für Homeland-Securiy, die in dem Fall ermittelte und mit den Opfern und Betroffenen in Russland gesprochen hatte, beschrieb vor Gericht, wie die Zeugin bei der Einvernahme nur auf den Boden schaute und konstant weinte. Die Zeugin sagte, sie sei am Tag von M.s Übergriff 14 geworden.

MF hätte die Behörden wohl informieren müssen

Die Anklage gegen M. wegen Kinderhandels wurde weltweit medial verbreitet. MF hätte dies alarmieren müssen, denn für sie bestand damit die Gefahr, in einen Geldwäschereifall verwickelt zu werden. Auch wenn M. später nicht für Kinderhandel verurteilt wurde. Sollten MF oder andere Beteiligte Hinweise haben, dass Geld unbekannter Herkunft auf verborgenen Konten von Ifex Global Ltd. landete, müssten sie dies sofort den Behörden melden. Der Grund: Sollte sich herausstellen, dass über die Offshorefirma Geld verschoben wurde, das mit Kinderprostitution in Russland verdient wurde, riskieren die beteiligten Banken und auch MF, dass sie wegen Mittäterschaft ins Visier der Behörden kommen.

Doch bei MF hatte man nach 13 Jahren Kundenbeziehung mit M. offenbar noch immer keinen Pass von M. Am 5. Januar 2009, noch während der Verhandlung gegen M. in den USA, erhielt das MF-Büro auf den Britischen Jungferninseln (BVI) einen Brief der örtlichen Finanzaufsichtsbehörde. Sie wollten Namen, Adresse und Bankkonten des Mannes hinter der Firma Ifex Global Ltd. wissen. Der Grund: «Untersuchung wegen Geldwäsche.»

Er bekannte sich schuldig für drei Vergewaltigungen

Es war zu diesem Zeitpunkt bereits die zweite Anfrage der BVI-Ermittler wegen M.s geheimer Firma. Ein Jahr zuvor hatten sie von MF bereits den Namen des Besitzers von Ifex verlangt, ebenfalls wegen Verdachtes auf Straftaten. Bis zu diesem Zeitpunkt antwortete MF den Ermittlern nie selber. Erst in diesem Januar 2009 fragte MF bei ihren Geschäftspartnern in den USA nach, die M. kannten, und erhielten schliesslich die Kopie eines Führerausweises von M., der aber zu der Zeit seit über drei Jahren abgelaufen war.

Doch auch jetzt, als sie ein Bild und den Namen des international bekannten Angeklagten in den Händen hielten, dessen Prozess gerade stattfand, meldete bei MF niemand den Behörden, dass er eine Offshore- firma auf den BVI besass. Auf Anfrage bestätigte die Staatsanwältin in den USA, dass sie damals nichts wussten von versteckten Offshorefirmen und dem Geld, das dort lag.

Andrew M. bekannte sich für drei Vergewaltigungen schuldig

«Bei der Suche nach Geld sind wir komplett abhängig von der Hilfe der ausländischen Regierungen und der Institutionen, die dieses Geld verwalten», sagt Staatsanwältin Morgan-Kelly. «Die Konten können überall liegen, in Deutschland, der Schweiz, Zypern, wo auch immer.» Es sei eine «herkulische Aufgabe», das Geld zu finden, betont die Ermittlerin, «es geht nur, wenn die Finanzinstitute im Ausland Informationen liefern».

Im April 2009 ging Andrew M. einen sogenannten Schuldhandel mit der US-Anklage ein. Er bekannte sich vor dem US-Gericht schuldig für drei Vergewaltigungen von Minderjährigen, dafür wurden die Anklagen wegen Kinderhandels fallen gelassen. «Ich bestreite die Tatbestände nicht, zu denen ich mich bekannte», sagt M. heute. Der Richter verurteilte ihn später zur Maximalstrafe von acht Jahren Gefängnis für die Verbrechen, die er gestand. Der Fall schlug auch international hohe Wellen.

Die russische und die US-Regierung äusserten sich über die erfolgreiche Zusammenarbeit. M.s Fall lief erneut über die grossen internationalen TV-Stationen – doch MF reagierte offenbar immer noch nicht.

«Die Firma von M. hat ja nicht von dessen Pädophilie profitiert»

Erst am 7. Juli 2014, 19 Jahre nach der Errichtung der Firma Ifex und sechs Jahre nach der Verurteilung von Andrew M., erkennt ein MF-Mitarbeiter, dass M. der Besitzer einer ihrer Firmen ist und im Gefängnis sitzt. Er schlägt sofort Alarm. Insbesondere schreibt er, M. sei angeklagt gewesen, einen Kinderprostitutionsring zu betreiben, also ein Geschäft gemacht zu haben, bei dem illegales Geld auch auf den Konten der MF-Firma landen könnte. Der Fall wird nun erstmals intern debattiert. Die Chefin der MF-Compliance schreibt in einer E-Mail: «Ich glaube, wir müssen diesen Fall nicht den Behörden melden, die Firma ist ja in nichts Illegales verwickelt.»

Andrew M. kam vor wenigen Wochen frei.

Schliesslich entscheidet eine Direktorin von MF, man müsse den Fall nicht weiterverfolgen, «die Firma von M. hat ja nicht von dessen Pädophilie profitiert», schreibt sie. MF unternahm gemäss den Akten, die sich in den Panama-Papieren verfolgen lassen, nichts. MF hat auf mehrfache Anfragen nach Ifex nicht reagiert. M. konnte seine Offshorefirma auch aus dem Gefängnis führen. Vor wenigen Wochen kam er frei. Gemäss den Registern auf den BVI war Ifex im März immer noch aktiv.

Mitarbeit: Will Fitzgibbon, Laura Juncadella, Alisa Kustikova, Alcione Gonzales

Erschienen in der SonntagsZeitung, 10.04.2016

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.04.2016, 12:16 Uhr

Rätselhafte Spuren in die Schweiz

Mossack Fonseca (MF) nennt als Geschäftsadresse der Offshorefirma des verurteilten Amerikaners.

Andrew M. ein Haus an der Gotthardstrasse in Meggen LU. Ein Blick in die Panama-Papiere verrät, dass noch 587 weitere MF-Briefkastenfirmen die Adresse an jener Panoramastrasse am Vierwaldstättersee führen. Es gibt sogar Firmen aus Niue, 2400 Kilometer nordöstlich von Neuseeland im tiefsten Pazifik, mit ­Adresse in Meggen.

Man findet Firmen darunter, die bereits im Jahr 1984 gegründet wurden. Die jüngste Meggen-Firma entstand am 7. Januar 2014.

Die einzige Gemeinsamkeit: Gemäss MF-Register kam der Auftrag für die Gründung aller dieser Firmen vom Offshoredienstleister USA Corporate Services aus New York. In der Tat hat auch M. seine Offshorefirma im Jahr 1995 über diesen Dienstleister bestellt.

Auf Anfrage sagt John P. Gordon, seit den 90er-Jahren Präsident und Gründer von USA Corporate ­Services, er habe «keine Ahnung», warum alle Firmen, die er seit den 80er-Jahren bei MF bestellte, eine ­Adresse in Meggen führen. Niemand in seinem Betrieb habe das Recht, solche Firmenadressen aufzusetzen, ausser ihm. «Und ich habe es sicher nicht getan.» Er glaubt, MF stecke dahinter, doch MF hat auf mehr-fache Anfragen nicht reagiert.

Wer auch immer die Adressen vermerkte, in der Schweiz weiss kein Mensch davon. Im Handelsregister ist keine der 588 Firmen je eingetragen worden. Das Haus an der Gotthardstrasse ist ein Neubau. Bei einem Besuch stellt sich heraus, dass die Bewohner auch nie Post erhalten für solche Firmen und keine Adressen dieser Firmen am Briefkasten gesehen haben.

Die meisten Meggen-Firmen wurden allerdings registriert, bevor der Neubau errichtet wurde. Vorher stand auf dem Grundstück ein Landhaus, das von einem ausländischen Banker und seiner Familie bewohnt wurde.
Doch auch der Sohn des Bankers weiss nichts von den Adressen. Er schliesst aus, dass sein Vater ein Abkommen mit einem Anbieter aus Übersee hatte.

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