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Die Chronologie der Panama Papers

Mails von panischen Anwälten, Razzien, Elektroschocker für Journalisten. Die Chronologie der Panama Papers aus der Perspektive der betroffenen Kanzlei.

8. April 2016: Vermummte Polizeibeamte führen die Angestellten des Büros hinaus. Bild: Oscar Rivera/EPA/Keystone
8. April 2016: Vermummte Polizeibeamte führen die Angestellten des Büros hinaus. Bild: Oscar Rivera/EPA/Keystone

Anfang März 2016

Bei Mossack Fonseca (MF) in Panama bricht die Hölle los: Ihre Daten sind weg.

Der isländische Ministerpräsident Sigmundur Davíð Gunnlaugsson hatte eine Briefkastenfirma auf den Britischen Jungferninseln erworben. Foto: EPA
Der isländische Ministerpräsident Sigmundur Davíð Gunnlaugsson hatte eine Briefkastenfirma auf den Britischen Jungferninseln erworben. Foto: EPA

Die panamaische Kanzlei erfährt, dass ihre ganzen Daten bei Journalisten des International Consortium of Investigative Journalists ICIJ sind, darunter auch beim Recherchedesk von Tamedia. MF erhält lange Fragenkataloge. Warum haben sie Offshorefirmen gegründet für Putins Freund und Dutzende andere Politiker – ja sogar für einen Kinderschänder, der angeblich ein Bordell mit Minderjährigen in Moskau betrieb?

Mails aus dem neuen Leck zeigen jetzt: Die Kanzlei war von den meisten Fällen selber überrascht. MF hatte bei 70 bis 75 Prozent ihrer Firmen auf den Britischen Jungferninseln, den Seychellen und Panama schlicht keine Ahnung, wer die Besitzer sind. Jahrzehntelang hatte man Offshorefirmen gegründet, ohne nachzufragen.

Kurz nach den ersten Journalistenanfragen verkündet MFs Aufsicht in einer Priority-Mail, man nehme keine politisch exponierten Personen mehr als Kunden an. Die Massnahme hätte man Jahre zuvor durchführen müssen. So hatte die Kanzlei bereits Firmen von Diktatorensöhnen, Sanktionierten, Premierministern oder kremlnahe Oligarchen in den Büchern. Bloss wussten sie eben nicht genau, welche das sind. Nach der ersten Panik wird MF klar: Jetzt müssen wir sofort herausfinden, wem unsere Firmen eigentlich gehören.

10. März 2016

MF verlangt, dass sechs Journalisten in Panama festgehalten werden.

Inzwischen sind Journalisten des ICIJ in Panama eingetroffen. Sie stellen vor Ort Fragen und filmen die Kanzlei. MF schreibt sofort an das Büro des Generalstaatsanwalts von Panama, man solle bitte umgehend gegen sechs Journalisten aus Frankreich, Dänemark, Australien, Deutschland und den USA ein Verfahren einleiten und sie «sofort verhören». Die Journalisten dürften auf keinen Fall das Hotel Hilton verlassen und sollen in Panama festgehalten werden. Passiert ist natürlich nichts. Für den eigenen Umgang mit Journalisten erliess MF aber schon mal eine Weisung. Im Falle von aggressivem Verhalten solle der Elektroschocker eingesetzt werden.

Ende März 2016

Panik bei den Kunden von MF. Die Firma mutiert zum Entschuldigungsautomaten.

Die Kanzlei geht nun auf die Hunderte von Anwälten, Treuhändern und Banken zu, die für ihre jeweiligen Kunden bei MF in Panama Offshorefirmen bestellten. Sie wollen wissen, wer die wahren Besitzer sind. Die Kontaktierten reagieren entsetzt. Eine Schweizer Vermögensverwalterin schreibt wütend nach Panama: «DER KUNDE IST VERSCHWUNDEN! ICH KANN IHN NICHT MEHR FINDEN !!!!!!!» Auch ein Kollege von ihr aus Florida benützt nur noch Grossbuchstaben für seine Mails an MF: «WIR SCHAUEN HIER AUS WIE DIE VERDAMMTEN AMATEURE!» Das Ganze sei ja wohl eine «Mickey-Mouse-Operation».

In ungezählten Antworten entschuldigen sich MF-Mitarbeiter für die entstandenen Probleme. Die Firma mutiert zu einem Entschuldigungsautomaten. Auch MFs Kunden erhalten Fragen von Journalisten des ICIJ. «Dieser französische Journalist will einen Artikel publizieren», schreibt eine Schweizer Vermögensverwalterin nach Panama. «Das ist inakzeptabel!!» MF versuchte sie am Telefon zu beruhigen – aber die Artikel lassen sich jetzt nicht mehr aufhalten.

3. April 2016, 20 Uhr

Der Panama-Papers-Sturm bricht los. Die Geschichten drehen weltweit.

Ein Kameramann filmt vor dem Mossack-Fonseca-Gebäude. Bild: AP Photo
Ein Kameramann filmt vor dem Mossack-Fonseca-Gebäude. Bild: AP Photo

376 Journalisten aus 76 Ländern lancieren ihre Geschichten rund um die Firmen von MF. Tagelang dominieren die Panama Papers die Nachrichtenlage. Obama und Putin nehmen Stellung, auch Sprecher der UNO, der OECD, der EU, ja des Vatikan. Es kommt zu Massendemonstrationen in mehreren Ländern. Der isländische Premier tritt zurück, der Europäische Fussballverband Uefa wird durchsucht, eine Panama-Papers-Story jagt die nächste. Am Ende werden weltweit mehr als 5000 einzelne Geschichten aus den Daten hervorgegangen sein. 5000-mal ist MF in der Schusslinie.

April und Mai 2016

Die Schadensbegrenzungen laufen weltweit. MF ist im Auge des Taifuns.

MF versuchte, eine Gegen-PR-Strategie aufzubauen. Sie verweisen Kunden auf einen Zeitungskommentar der «Caribbean News Now», der die Panama Papers als Angriff von «linken Regierungen» bezeichnet. Doch das hilft nicht. Die Kunden steigen MF jetzt aufs Dach. Der Anwalt von Nigerias mächtigem Senatspräsidenten, der auch in den Daten ist, steigt ins Flugzeug und verlangt gleich persönlich in Panama Antworten.

Derweil versucht die Kanzlei weiter Spuren zu verwischen. Etwa bei den Offshorefirmen, die von der Familie des argentinischen Präsidenten kontrolliert wurden. MF schlägt einem Buchhalter in Uruguay vor, er solle doch Dokumente von Hand zurückdatieren, damit es so aussehe, als hätte die Kanzlei seit langem gewusst, dass Argentiniens Präsidentenfamilie dahintersteckt. Der Mann sagte dankend ab, mit der Begründung, ein Schriftenexperte würde das sofort erkennen.

Frühling bis Herbst 2016

Die Behörden greifen ein: Verfahren in 79 Ländern.

In den Panama Papers tauchte auch der Name von Petro Poroschenko auf. Bild: Reuters
In den Panama Papers tauchte auch der Name von Petro Poroschenko auf. Bild: Reuters

Nach dem Mediensturm werden bald die ersten MF-Büros durchsucht. Erst in Peru und in Ecuador, dann auch das Hauptquartier in Panama. 27 Stunden durchwühlen die Ermittler die Kanzlei. Bereits im April wollen die Behörden der Seychellen wissen, wer hinter 5379 Firmen von MF steht. In Panama hat man grösstenteils keine Ahnung. Die Behörden kommen zum Schluss, die Kanzlei habe sechs Geldwäschereigesetze gebrochen. Ende 2016 laufen bereits 150 Verfahren in 79 Ländern. Weltweit haben Steuerbehörden bis heute über 500 Millionen Dollar eingetrieben.

Weil MF gegenüber den Behörden nicht bestätigen kann, wem die Offshorefirmen wirklich gehören, kommen jetzt auch die bislang geheimen Besitzer in Bedrängnis. Sie müssen den Ermittlern teils selber beweisen, dass die Firmen ihnen gehören. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko etwa legt eine Stromrechnung als Beweis vor. Anwälte des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate schickten einen passwortgeschützten Brief mit Angaben zu dessen Identität. Er droht sonst die Kontrolle zu verlieren über Offshorefirmen, die Immobilien in Grossbritannien halten.

Ende 2016

So schnell wie möglich weg: Die Kunden verlassen das sinkende Schiff.

Die Kunden von MF haben im Laufe des Jahres 2016 nur einen Wunsch: so schnell wie möglich wegzukommen von dieser Firma, die inzwischen weltweit als Synonym einer kriminellen Parallelwelt gilt. Einer schreibt, MF solle bitte aufhören, nach Besitzern zu fragen. Die Kanzlei solle doch auf der Homepage des ICIJ nachschauen, wenn sie wissen wolle, wem die Firmen gehören.

Viele berichten von Ermittlungen gegen sich und von lästigen Journalisten. Ein weiterer schreibt merklich aufgebracht, dank MF müssten Kunden jetzt Einkommenssteuern bezahlen. Die meisten verabschieden sich. Einer greift wieder zu den Grossbuchstaben: «IHRE FIRMA IST NICHT ZUVERLÄSSIG UND GLAUBWÜRDIG---------BYE BYE!»

Februar 2017

Das Ende: Die Chefs kommen ins Gefängnis.

Panamas Generalstaatsanwältin nennt die Kanzlei jetzt «eine kriminelle Organisation, die sich darauf spezialisiert hat, Vermögen von zweifelhafter Herkunft zu verstecken». Die beiden Gründer, Jürgen Mossack und Ramon Fonseca, werden festgenommen und der Geldwäscherei beschuldigt. Sie sitzen mehrere Monate in Haft, bevor sie auf Kaution freikommen.

Auf Anfrage sagt die Staatsanwaltschaft heute, im Fall MF würden 71 Personen beschuldigt, 72 Rechtshilfeersuchen seien eingegangen, sieben Personen befänden sich in Untersuchungshaft. Die Kanzlei selber wird derzeit abgewickelt. In einer Mail an einen der aufgebrachten Kunden in der Schweiz schrieb MF, man könne ja zu andern Anbietern wechseln. In der Tat bieten heute nach wie vor Hunderte Firmen dieselben Dienste an wie MF.

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