Papier boomt – dank Onlinehandel, Babys und Pensionierten

Trotz Digitalisierung nimmt der Verbrauch von Papier und Karton zu. Jetzt kommt es zu Engpässen, die Preise steigen.

Wegen des Onlinehandels wird immer mehr Karton gebraucht.

Wegen des Onlinehandels wird immer mehr Karton gebraucht. Bild: Christian Beutler/Keystone

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Die Tageszeitung wird auf dem Tablet-Computer gelesen, an einer Vortragsreihe gibt es für die Anwesenden alle Unterlagen auf einem USB-Stick – die digitalen Errungenschaften senken den Papierverbrauch. Die Nachfrage nach Zeitungspapier beispielsweise ist in den vergangenen acht Jahren um rund ein Drittel auf noch etwas mehr als 20 Millionen Tonnen pro Jahr gesunken.

Das hat die Branche grundlegend verändert. In der Schweiz gibt es noch neun Unternehmen, die Papier oder Karton produzieren. Vor zehn Jahren waren es zwanzig. Die Bereinigung führte auch dazu, dass es hierzulande mit der Papierfabrik Perlen LU nur noch einen Hersteller von Zeitungspapier gibt.

Ein Auslaufmodell ist Papier deshalb aber noch lange nicht. In anderen Bereichen des Alltags wird mehr davon gebraucht. Treiber des Wachstums sind die Produktgrupupen Hygienepapier und Karton. Weltweit werden jährlich mehr als 410 Millionen Tonnen Papier und Karton verbraucht. Die nachgefragte Menge steigt seit Jahren kontinuierlich: 1992 lag der Verbrauch noch bei rund 250 Millionen Tonnen, 2011 bei knapp 400 Millionen Tonnen. Laut Branchenangaben beträgt das Wachstum durchschnittlich 1 Prozent pro Jahr.

Dass immer mehr Karton benötigt wird, ist mehrheitlich auf den boomenden Onlinehandel zurückzuführen. Amazon, Zalando, Galaxus und Co. lassen die Nachfrage nach Verpackungskarton steigen. Weltweit wird derzeit doppelt so viel Well- und Verpackungskarton benötigt wie vor zwanzig Jahren.

Bessere Hygiene führt zu mehr Papierverbrauch

Durch den wachsenden Wohlstand in Entwicklungsländern steigt auch der Verbrauch an Hygienepapier. Immer mehr Menschen erhalten Zugang zu alltäglichen Artikeln der Körperpflege, wie wir sie kennen: Toilettenpapier, Taschentücher, Binden, Windeln. Alleine in China sind laut der Regierung im vergangenen Jahr 12,4 Millionen Einwohner der Armut entkommen. Das Reich der Mitte ist mittlerweile der grösste Verbraucher von Papier und Karton, gefolgt von den USA, Japan und Deutschland.

Ende Mai gab Coop eine Preiserhöhung von 5 Prozent für Hakle-Toilettenpapier bekannt. Der Detailhändler begründete den Aufschlag mit den höheren Einkaufskosten. Das WC-Papier wird von Kimberly-Clark am Standort Niederbipp BE hergestellt. Dem US-Konsumgüterriesen machen die höheren Zellstoffpreise in Europa zu schaffen, wie es heisst.

Zeitungspapier wurde bereits knapp

Höhere Preise bekommt auch die Zeitungsindustrie zu spüren. Seit Januar hat sich der Papierpreis in Europa gemäss Bloomberg um knapp 10 Prozent verteuert. Dazu kommt, dass durch die Konsolidierung in der Branche die Abhängigkeit von wenigen Herstellern gestiegen ist. Dies führte im Frühling bereits zu Engpässen. Ausgelöst wurden sie durch einen Brand in einer polnischen Papierfabrik, was zu Lieferverzögerungen führte. Die noch verbliebenen Zeitungspapierfabriken konnten nicht in die Lücke springen, weil sie selber ausgelastet waren. Verschiedene Schweizer Zeitungen – darunter der «Tages-Anzeiger» – erschienen dadurch während einiger Tage mit reduziertem Umfang.

Die Zellstoffindustrie dürfte in den nächsten Jahren noch einen weiteren Nachfrageschub erhalten. Durch die Überalterung gibt es immer mehr Rentnerinnen und Rentner, die wegen Blasenschwäche auf Windeln angewiesen sind. Der schwedische Hersteller von Hygienepapier Essity hat vor drei Jahren in Japan erstmals mehr Windeln für Erwachsene als für Babys verkauft. Der Marktführer rechnet damit, dass dieses Segment weiter wächst. «Das liegt nicht nur daran, dass die Bevölkerung älter wird und es deshalb mehr Fälle von Blasenschwäche gibt, sondern auch daran, dass die Menschn im Alter aktiver sind als früher», sagte Essity-Chef Magnus Groth gegenüber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung».

Erstellt: 27.06.2018, 19:42 Uhr

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