Papst lässt Rolle der CS bei Finanzskandal untersuchen

Franziskus hat wegen eines fragwürdigen Immobilienkaufs eine Razzia angeordnet. Die Grossbank vermittelte den Deal, der über Schweizer Bankkonten gezahlt wurde

Im Zentrum des Geschehens: Die Luxusimmobilie 60 Sloane Avenue in London. Foto: PD

Im Zentrum des Geschehens: Die Luxusimmobilie 60 Sloane Avenue in London. Foto: PD

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Eine Razzia im Vatikan, ein umstrittenes Immobilienprojekt in London, Geheimkonten und ein Mafia­jäger, der Licht ins Dunkel bringen soll – das klingt nach einem Hollywood-Drehbuch. Und doch bahnt sich mit ebendiesen Elementen ein echter Finanzkrimi an, der nicht nur die Kurie in Rom aufgeschreckt hat.

Die Razzia fand Anfang Oktober im Staatssekretariat des Vatikans statt, Computer und Dokumente wurden beschlagnahmt, fünf Kurienmitarbeiter freigestellt. Eine Untersuchung läuft. Papst Franziskus hat mit dem italienischen Untersuchungsrichter Giuseppe Pignatone gar einen renommierten und prominenten Mafiajäger engagiert.

Credit Suisse organisierte Treffen

Im Zentrum des Geschehens steht das Immobilienprojekt 60 Sloane Avenue im Londoner Stadtteil Chelsea, eine der teuersten Adressen der britischen Hauptstadt. Beteiligt an der Luxus­liegenschaft sind der Vatikan und der italienische Anleger Raffaele Mincione. Er ist in der Schweiz kein Unbekannter. Kürzlich hat er dem russischen Unternehmer Georgi Bedschamow einen Anteil von 33 Prozent am Nobelhotel Badrutt’s Palace in St. Moritz abgekauft.

Hat für die Ermittlungen einen Mafiajäger eingesetzt: Papst Franziskus. Foto: Corbis/Getty

Als Vermittlerin zwischen Mincione und dem Vatikan diente die zweitgrösste Schweizer Bank: Die Credit Suisse hat laut der «Financial Times» 2012 ein erstes Treffen in der Londoner Niederlassung an der Canary Wharf zwischen Mincione und einem Vertreter des Vatikans organisiert. Minciones Unternehmen bestätigte gegenüber der britischen Zeitung, dass die Credit Suisse den Vatikan in allen Deals mit seinem Fonds beraten habe. Ursprünglich ging es um ein riskantes Ölprojekt in Afrika, doch Mincione riet davon ab. Stattdessen bot er später eine 45-Prozent-Beteiligung an der ehemaligen Harrods-Liegenschaft 60 Sloane Avenue, die er 2012 für 129 Millionen Pfund gekauft hatte, um 49 Luxuswohnungen zu bauen. 2014 überwies der Vatikan rund 200 Millionen Dollar von Schweizer Bankkonten der Credit Suisse und der BSI in Lugano an den Luxemburger Anlagefonds Athena Capital. Dieser wird von Mincione kontrolliert.

So weit nichts Illegales. Doch Mincione investierte lediglich 40 Millionen Pfund aus der eigenen Tasche, nahm einen Kredit bei der Deutschen Bank von 75 Millionen Pfund auf und liess vor dem Teilverkauf an den Vatikan das Grundstück neu bewerten. Jetzt war die Immobilie 137,6 Millionen Pfund wert. Der Vatikan dürfte also rund 61 Millionen Pfund für seinen 45-Prozent-Anteil bezahlt haben. Die restliche Summe landete in einem speziell für den Vatikan eingerichteten, von Mincione kontrollierten Fonds. Dafür kassierte der Italiener die in der Hedgefonds-Branche üblichen 2 Prozent Managementgebühren sowie 20 Prozent der erzielten Gewinne. Zudem wurden Vatikan-Gelder zum Kauf von Anleihen der Holding Minciones verwendet.

Schweizer Geldwäschespezialist schlug Alarm

2016 lag zwar die Baugenehmigung für die Apartments vor. Doch das Ja der Briten zum Brexit liess die Londoner Immobilienpreise um 10 Prozent absacken. Deshalb mussten die Eigentümer zwecks Refinanzierung einen Kredit von 100 Millionen Pfund beim Londoner Hedgefonds Cheyne Capital aufnehmen. Im November 2018 drängte der Vatikan auf den Anteil von 55 Prozent, der Mincione gehörte. Der Vatikan übernahm auch den Kredit von 100 Millionen Pfund. Daher brauchte das Staatssekretariat mehr Geld und bat die Vatikanbank Istituto per le Opere di Religione um eine hohe Summe für die gesamte Transaktion.

Wie viele Kommissionen und Gebühren strich er ein? Anleger Raffaele Mincione. Foto: PD

Doch die Bank, kontrolliert von der vatikanischen Finanzaufsichtsbehörde unter Führung des Schweizer Geldwäschespezialisten René Brülhart, verweigerte die Finanzhilfe und schlug Alarm. So kam es zur Untersuchung, die immer noch läuft, wie Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin – die Nummer zwei im Vatikan – diese Woche bestätigte.

Hunderte Millionen Dollar sollen auf Schweizer Geheimkonten lagern

Zahlreiche Fragen sind ungeklärt: Sind die 200 Millionen, von denen Vatikanbank und Finanzaufsicht keine Kenntnis hatten, Schwarzgelder? Wurden Spenden aus dem sogenannten Peterspfennig verwendet, die eigentlich für die Ärmsten der Welt gedacht sind? Lag der Gewinn von Fondsmanager Mincione bei rund 120 Millionen Pfund? Welche Nebengeschäfte liefen ab? Wie viele Kommissionen und Gebühren hat der Vatikan an Mincione gezahlt? Trifft es zu, dass die Immobilie in London nur über Kredite mit kurzer Laufzeit finanziert wurde und der Vatikan für drei Jahre Zinszahlungen zu leisten hatte, wie die katholische Nachrichtenagentur schrieb? Hat Kardinal Giovanni An­gelo Becciu, der den Immobiliendeal genehmigte, diese Kredite verheimlicht?

Genehmigte den zweifelhaften Immobiliendeal: Kardinal Giovanni Angelo Becciu. Foto: PD

Die Untersuchung soll auch die Rolle der Credit Suisse klären: Handelte sie nur als Vermittlerin? Oder hat sie den Immobiliendeal in London strukturell mit aufgegleist? Eine Sprecherin der Bank sagt, die Credit Suisse sei «nicht Gegenstand der vom Vatikan durchgeführten Untersuchung und betreibe ihr Bankgeschäft unter Einhaltung aller Gesetze, Regeln und Bestimmungen». Weitere Angaben könne die Bank nicht machen.

Das Staatssekretariat als Quasi-Regierung des Vatikans verfügt offenbar über eigene, von der internen Aufsicht nicht kontrollierte Vermögenswerte. Die «Financial Times» spricht von 800 Millionen Dollar. Der Vatikan hatte in den vergangenen Jahrzehnten häufig Schweizer Bankkontakte. Die Vatikanbank hat keine ausländischen Filialen und braucht Korrespondenzbanken. 2013 wurde Monsignore Nunzio Scarano beim Versuch erwischt, von Locarno aus 20 Millionen Euro in bar in einem Privatflugzeug nach Italien zu schmuggeln. In seinem Buch «Erbsünde» berichtet der italienische Autor ­Gianluigi Nuzzi von der Äbtissin des Birgittenordens in Lugano, Tekla Famiglietti, die auf Konten und Unterkonten der Banco di Lugano Millionensummen in bar einzahlte.

Der frühere Generalrevisor des Vatikans, Libero Milone, berichtete in dieser Woche ebenfalls von Geheimkonten in der Schweiz. Bereits bei seinem Amtsantritt 2015 habe er «mehrere Hundert Millionen Dollar auf Schweizer Konten entdeckt», so Milone. «Intern gab es keine Unterlagen zu den Konten.» Der Buchprüfer beklagte, dass seine Aufklärungsbemühungen intern «behindert» wurden. Milone trat im Juni 2017 zurück, nachdem er ausgerechnet vom mittlerweile zum Kardinal beförderten Angelo Becciu stark unter Druck gesetzt und der Spionage beschuldigt worden war. Becciu hat als Hauptverantwortlicher für den Londoner Immobiliendeal dieser Tage alle Geldflüsse gerechtfertigt. Es sei «akzeptierte Praxis, dass der Vatikan in Immobilien in Rom, in Paris, in London und in der Schweiz investiert».



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Erstellt: 09.11.2019, 20:06 Uhr

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