CS vergibt Kredite an Konzern, der Regenwälder zerstört

Die Credit Suisse co-finanziert seit Jahren den indonesischen Papier-Giganten April. Dieser wird für «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» verantwortlich gemacht.

Was übrig bleibt: Abgeholzter Urwald auf Sumatra. Foto: Getty Images

Was übrig bleibt: Abgeholzter Urwald auf Sumatra. Foto: Getty Images

Woro Supartinah stammt aus einem kleinen Dorf auf der ­indonesischen Insel Sumatra. Am 16. April 2015 schreibt sie im Namen einer lokalen NGO an Roger Federer: «Wir brauchen dringend Ihre Hilfe, um unser Land zu retten und die illegale Abholzung zu stoppen.» Ihr Ziel: Der Tennisspieler soll als Credit-Suisse-Botschafter bei der Bank intervenieren und auf den Kampf gegen den Papierhersteller Asia Pacific Resources International (April) aufmerksam machen. Die Schweizer Grossbank finanziert das Unternehmen. ­«April nimmt uns Wälder, Farmen und Häuser weg», schreibt die ­junge Frau.

Federer antwortet. Er sagt, er werde ihre Sorgen an die Bank ­weiterleiten. «Ich habe volles Vertrauen, dass sie solche Probleme ernsthaft überprüfen», schreibt er in einem Brief.

Roger Federer ist Markenbotschafter für die Credit Suisse. Foto: credit-suisse.com

Woro Supartinah reist derweil aus Indonesien nach Zürich, um an der Credit-Suisse-General­versammlung vom 24. April 2015 den Verwaltungsrat auf April anzusprechen. Chief Risk Officer ­Joachim Oechslin sagt während der GV, der Papierhersteller habe «Fehler» ­gemacht. Die CS werde Kredit­vergaben an das Unter­nehmen künftig scharf über­prüfen: «Ich werde persönlich in jede ­zukünftige Finanzierung involviert sein und sie explizit autorisieren.»

Nur wenige Monate später ­bereitet die CS insgeheim schon den nächsten Kredit vor. Laut dem ­Finanzdienst Thomson Reuters spricht die CS im November 2015 ein 50-Millionen-Dollar-Darlehen an einen Ableger von April – im Rahmen einer Milliardenfinanzierung durch mehrere Banken. Auf Anfrage wollen weder die CS noch April dazu Stellung nehmen.

Laut Dokumenten aus den Paradise Papers bereitet die Bank das ­Darlehen bereits im August 2015 vor, vier Monate nach der Generalversammlung. Credit Suisse sollte zudem als «Security Agent» agieren, der im Normalfall die ­Koordination der Finanzierung übernimmt.

Im Sommer 2015 brechen auf Sumatra Hunderte Feuer aus. ­Mutmassliche Verursacher sind Unternehmen, die Regenwald ab­holzen, um daraus Papier her­zustellen – darunter April. Die Baumstümpfe ­werden dann verbrannt, um Land für Akazienplantagen zu ge­winnen. Die Pflanzen dienen als Papierrohstoff.

«Verbrechen gegen die Menschlichkeit»

Einige Monate später, im November 2015, friert das Umwelt- und Forstministerium die Konzessionen zweier April-Zulieferer ein, weil sie in die Brände verwickelt sein sollen. Die Feuer verursachen so dichten Rauch, dass die indonesische Agentur für Meteorologie, Klimatologie und Geophysik sie als «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» einstuft. Die Regierung muss Schulen schliessen, der Verkehr ist unterbrochen. Bei 500 000 Personen stellen Ärzte im Juli 2015 Atemwegsbeschwerden fest.

Zur gleichen Zeit bemühen sich laut E-Mails aus den Paradise Papers Rechtsvertreter von Credit Suisse und von April-Ablegern um einen Termin, um gemeinsam ­Finanzierungsdokumente zu unterzeichnen.

Die Ironie: Dort, wo die Vertragsparteien starten wollen, ist der von den Bränden verursachte Rauch so dicht, dass keine Flugzeuge mehr starten können. Ein Vertreter von April schreibt: «Wir müssen wegen des Nebels ­schauen, ob wir Direktoren in Pekan, Baru/ Kerinci oder sonst wo haben, die an jenem Tag nach Jakarta fliegen können, um Dokumente zu unterzeichnen.»

Dichter Qualm: Firmen legen auf Indonesien absichtlich Waldbrände. Foto: Reuters

Unterschriebene Verträge finden sich nicht in den Paradise Papers, aber es kam offensichtlich zu einer Vereinbarung: Im Dezember 2015 organisierte der April-Mutterkonzern Royal Golden ­Eagle Bankette in Hongkong und Singapur, um den Banken für ihr Vertrauen zu danken. Auf der eigenen Website schreibt das Unternehmen, dass April dank der Fortschritte in Umweltfragen 1,1 Milliarden Dollar habe beschaffen können.

Credit Suisse unterstützt April seit zwölf Jahren, ohne dass der Papierkonzern sich in ein Musterbeispiel für Nachhaltigkeit verwandelt hätte. Gemäss Dokumenten aus den Paradise Papers, abgeglichen mit Informationen von Finanzdiensten wie Bloomberg und Reuters, hat die Credit Suisse 2005, 2007, 2010, 2011, 2013 und 2015 Kredite an April vergeben. Die ­Summen betragen üblicherweise 50 Millionen Dollar pro Transaktion, die Darlehen fliessen zur Steueroptimierung durch ein Netz von Offshorefirmen.

Seit 2005 hat die CS so mindestens 200 Millionen Dollar verliehen und ist mindestens dreimal als «Security Agent» aufgetreten. So finanzierte die Schweizer Bank zum Beispiel den Ausbau einer Papierbrei-Fabrik.

Eine Fläche von rund 10 000 Fussballfeldern

Seit 2009 wurden in Sumatra immer wieder Wälder zerstört, die in nationalen Schutzzonen liegen. ­Einige der verantwortlichen Firmen wurden deshalb zu einer Strafzahlung von 1,2 Milliarden Dollar verurteilt, weil sie 7000 Hektaren Wald illegal zerstört hatten – das entspricht einer Fläche von rund 10 000 Fussballfeldern. Mehrere von ihnen sind Zulieferer von April. Manche dieser Lieferanten erwarben ihre Holz-Konzessionen mithilfe von Beamten, die inzwischen wegen Korruption verurteilt worden sind. All diese Probleme hatten sich nicht in Luft aufgelöst, als die Credit Suisse versprach, künftige Finanzierungen zu überprüfen.

Im Oktober 2016 erklärt die ­Regierung einen strategischen Arbeitseinsatzplan von April und seinen Zulieferern für ungültig: «Ich fordere die April-Tochter PT Rapp auf, die Regeln dieses Landes einzuhalten, wie es alle ­anderen Forstunternehmen tun», sagt der indonesische Umwelt­minister. April lasse weiterhin Kanäle in Naturschutzgebieten graben und pflanze dort Akazien an.

Riesige Flächen werden auf Sumatra jedes Jahr abgeholzt. Foto: Getty.

Während einer Inspektion im März 2017 reissen drei Direktoren des Umweltministeriums in einem symbolischen Akt eigenhändig Akazien auf einer April-Plantage aus. Dazu kommen Sanktionen gegen das Unternehmen und die Forderung, die neugepflanzten Akazien zu entfernen und die illegalen Kanäle zu zerstören. Nichtsdestotrotz findet die Regierung während einer Inspektion am 5. Oktober 2017 erneut Plantagen in Naturschutzgebieten.

Bereits 2010 hat die CS interne Regeln verabschiedet, die Wälder und Moore schützen sollen. «Credit Suisse finanziert und berät keine Unternehmen, die wissend an illegalem Holzschlag involviert sind oder Ressourcen aus illegalem Holzschlag einkaufen», schreibt die Bank auf ihrer Website. Man achte besonders genau darauf, dass Aktivitäten in Torfmooren legal seien. Und auch die Rechte der ­lokalen Bevölkerung seien zu berücksichtigen.

Die CS gibt dazu keinen Kommentar ab

Im April 2015 rechtfertigte ­Joachim Oechslin April-Finanzierungen an der Generalversammlung: Das Unternehmen habe ­Fortschritte gemacht; April habe den Betrieb zertifizieren lassen, die innerbetrieblichen Weisungen und Prozesse verbessert und ein unabhängiges Komitee zusammen mit NGO-Vertretern gebildet. In der Folge habe April anerkanntermassen Fehler begangen, die mit Vertretern der CS eingehend ­diskutiert worden seien.

Die NGOs verliessen dieses Komitee allerdings 2016 wieder – aus ökologischen Gründen. Und obwohl manche der Probleme weiter bestehen, will die Bank ­heute dazu nichts sagen und auch ihre Prozesse zur Evaluation von Risiken nicht erläutern. In einer E-Mail schreibt ein Sprecher: «Wenn es Gründe gibt, zu vermuten, dass eine potenzielle Transaktion (...) nicht mit unseren Verpflichtungen oder unseren Direktiven zu vereinbaren ist, führt ­Credit Suisse (...) eine rigorose Analyse durch, um sicherzustellen, dass bei diesen Transaktionen alle Gesetze, Regeln und Direk­tiven in den betroffenen Märkten eingehalten werden.»

Demonstration vor der Generalversammlung der Credit Suisse in Zürich im April 2015. Foto: Keystone

Warum hat sich dann die Schweizer Bank 2015 entschieden, die Finanzierung weiterzuführen? Die CS gibt dazu keinen Kommentar ab. Recherchen förderten keine Hinweise dafür zutage, dass der Fortschritt von April in vier Monaten ausreichend war, um eine neue Finanzierung zu rechtfertigen. April hat zwar Angaben ­gemacht über ein besseres Umweltmanagement, Gespräche mit der lokalen Bevölkerung und eine neue Zertifizierung – NGOs sind aber der Meinung, dass diese neue Zertifizierung weniger streng sei als die frühere, welche das Unternehmen verloren hat.

April seinerseits antwortet auf konkrete Fragen nur allgemein. Das Unternehmen betont die ­Zusammenarbeit mit einer Reihe von NGOs, verweist auf seine ­Initiativen gegen Waldbrände und auf ­unabhängige Experten, die das Nachhaltigkeitsprogramm der Gruppe überwachen. Das Management von Roger Federer reagierte nicht auf eine Anfrage.

Woro Supartinah sagt heute, dass sich die Situation für die Anwohner zwar ein wenig verbessert habe. Aber gerade bei den Torfmooren habe sich zu wenig getan – April soll weiterhin illegale ­Kanäle zur Entwässerung graben. Bereits seit 2016 will die indonesische Regierung das Konglomerat zwingen, das Torfmoorgesetz ­einzuhalten, um das Brandrisiko in den Griff zu bekommen. Das ist bis heute nicht der Fall.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.11.2017, 10:00 Uhr

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