Lewis Hamilton mietet seinen eigenen Jet

Wie der Formel-1-Weltmeister einen Privatjet importieren konnte, ohne einen Rappen Mehrwertsteuer zu bezahlen.

Diese knallrote Challenger 605 hat Lewis Hamilton in den europäischen Luftraum importiert. Foto: Twitter

Diese knallrote Challenger 605 hat Lewis Hamilton in den europäischen Luftraum importiert. Foto: Twitter

Autoren: Catherine Boss, Alexandre Haederli, Juliette Garside

Für jeden Kopfsalat, jede Packung Milch oder auch das neue Auto bezahlen Konsumenten in der Schweiz und in der EU Mehrwertsteuer. Da gibt es kein Entkommen. Anders sieht es offenbar für Besitzer von Privatflugzeugen aus. Manche tricksen die Behörden aus. Dabei geht es schnell um viel Geld.

Ein Luzerner Unternehmer brachte sein Kleinflugzeug der Marke Diamond DA42 heimlich in die Schweiz und umging damit 31 000 Franken Mehrwertsteuer. Die Zollverwaltung erwischte den Mann und verurteilte ihn wegen Steuerhinterziehung am 7. April 2017 zu einer Busse von 5000 Franken – und der Nachzahlung der geprellten Steuer.

In seinem Geschäftsleben kümmert sich der Unternehmer aber um viel luxuriösere Jets. Am 23. November 2015 meldet er sich per Mail bei der Filiale von Appleby auf der Isle of Man, einer kleinen Insel zwischen England und Irland. Von der Anwaltskanzlei Appleby auf den Bermudas stammen die Dokumente der Paradise Papers.

Der Luzerner Geschäftsmann erklärt Appleby, er müsse für einen Klienten aus dem Nahen Osten eine privat ­genutzte Falcon 2000LXS (Preis: 33 Millionen Dollar) abwickeln. Er will wissen, was die beste Lösung ist, und erhält die Antwort noch am gleichen Tag: Ideal seien eine Offshorefirma für das Flugzeug und eine Immatrikulation auf der Insel.

In den 1,4 Terabyte Daten im Leck ­finden sich Privatjets im Wert von 1,6 Milliarden Franken. Ihre Besitzer leben in den Metropolen Europas, Russlands, des Nahen Ostens oder auch in der Schweiz. Doch immatrikuliert sind ihre Flugzeuge oft auf der Isle of Man. Der Ministaat mit der Einwohnerzahl der Stadt Luzern ist ein Hotspot für ­Luxusjetbesitzer.

Warum das so ist, zeigt ein Beispiel mit prominenter Besetzung. Am 21. Januar 2013 fällt frühmorgens leichter Nieselregen über Ronaldsway, dem Flugplatz auf Isle of Man. Über der Landebahn ist der Himmel wolkenverhangen, als gegen 6.30 Uhr ein leuchtend roter Jet aufsetzt. Die Immatrikulationsnummer G-LCDH auf dem Flügel der Maschine identifiziert den Besitzer: Lewis Carl David Hamilton.

Der vierfache Formel-1-Weltmeister ist einer der reichsten Sportler der Welt. Mit 32 Jahren hat er bereits 62 Grand-Prix-Titel gewonnen. An ­diesem Januarmorgen begleitet ihn laut Flugplan seine damalige Freundin, die US-Sängerin Nicole Scherzinger (39). Das glamouröse Paar kommt nicht, um den Charme der trüb-nassen Insel zu geniessen. Der Zwischenhalt ist reine Formalität.

Am Ende der Piste steht ein Zöllner. Er ist zu früher Morgenstunde herbeordert worden, um den Import der Challenger 605 in den europäischen Flugraum zu bestätigen (der Extradienst wird Hamilton später mit 60 Pfund verrechnet). Weniger als eine Stunde später ist das Importformular C88A handschriftlich vom Beamten ausgefüllt und unterschrieben. Der Jet hebt wieder ab. Und es gibt keinen Hinweis darauf, dass die rote Challenger seither die Insel je wieder angeflogen hätte. Doch auf dem Papier wird sie seither von einer Firma vermietet, die dort ihren Sitz hat.

Dieser Zwischenstopp von 60 Minuten ist von Lewis Hamiltons Beratern im Vorfeld während Wochen minutiös vorbereitet worden. Die Aviatikexperten von Ernst & Young und Appleby haben alles arrangiert, wie die Dokumente in den Paradise Papers zeigen. Sie bauten für Lewis, der in Monaco lebt, ein komplexes Firmenkonstrukt auf, das ihm erlaubt hat, seinen Jet im Wert von 21 Millionen Franken zu importieren, anscheinend ohne in Europa einen Rappen Mehrwertsteuer zu bezahlen. Oder genauer: Er liess sich den bezahlten Betrag zu 100 Prozent zurückerstatten.

Im C88A-Formular des Zöllners sind der Preis des Flugzeugs und die beim Import bezahlte Mehrwertsteuer von 3,3 Millionen Pfund, umgerechnet 4,2 Millionen Franken, aufgeführt. Auf einem zweiten Dokument vom 12. Februar 2013, zwei Wochen nach der Landung im Morgengrauen, sieht man, dass die Behörde von Isle of Man den ganzen Betrag an eine Gesellschaft von Lewis Hamilton zurückerstattet.

Privat- oder Geschäftsflugzeug?

In der Theorie sind die Regeln auf Isle of Man gleich wie überall in der EU oder auch in der Schweiz. Im Moment der Einfuhr des Flugzeuges muss der Besitzer die Mehrwertsteuer abrechnen – in der EU beträgt sie 20 Prozent, in der Schweiz 8 Prozent des Werts der Maschine. Dabei wird zwischen geschäftlicher und privater Nutzung unterschieden. Flugzeuge, die von Firmen für ihre Angestellten rein geschäftlich genutzt werden, sind steuerbefreit. Wenn ein Eigentümer den Jet aber auch privat gebraucht, muss er diesen Anteil beim Import versteuern. Diese Importsteuer ist zu unterscheiden von der Mehrwertsteuer, die er zum Teil für einzelne Flugleistungen bezahlen muss.

Offenbar durfte Lewis Hamilton seine Maschine auf der Isle of Man vollumfänglich als Geschäftsflugzeug deklarieren und konnte deshalb die ganzen Abgaben zurückverlangen. Es lässt sich aber belegen, dass er mit dem roten Jet öfters privat unterwegs ist; das zeigen Fotos auf Instagram. So sah man ihn diesen Juli vor seiner Maschine mit der Bemerkung, er leiste sich nun einen zweitägigen «break». Und E-Mails im Datenleck beschreiben, wie von Anfang an geplant war, dass er den Flieger zu einem Drittel, 80 Stunden pro Monat, privat nutzen werde. Den Rest der Zeit sollte der Jet an eine der Hamilton-Firmen vermietet werden.

Mit dem Privatjet in die Ferien: Hamilton zeigt auf Instagram seine Besitztümer. Foto: lewishamilton (Instagram)

In dieser Konstruktion sieht Rita de la Feria, Professorin für Steuerrecht an der Universität von Leeds in Grossbritannien, rechtliche Probleme. Sie hat die Dokumente zum Fall studiert. «Wenn der Flieger privat genutzt wird, ist das Steuerhinterziehung. Lewis Hamilton hätte für die private Nutzung Mehrwertsteuern bezahlen müssen», sagt sie. Das hätte rund 1,3 Millionen Franken aus­gemacht.

Da es für den Import auf Isle of Man eine dort registrierte Firma brauchte, gründete Appleby für den Sportler die Gesellschaft Stealth Limited. Man fragt sich, wie Hamilton auf diesen Namen kam, denn «stealth» bedeutet auf Deutsch «die Heimlichkeit».

Der rote Jet wird in der Folge an verschiedene Firmen weitergereicht. Das Konstrukt geht so: Die Maschine ist im Besitz einer Hamilton-Gesellschaft auf den Britischen Jungferninseln, die ihn an Stealth auf Isle of Man vermietet, die ihrerseits die Maschine an eine dritte Gesellschaft vermietet. Und wenn dann der Formel-1-Pilot in sein eigenes Flugzeug steigt, mietet auch er den Jet.

In Stealth Limited sieht Rechtsexpertin de la Feira einen weiteren heiklen Punkt. Die Firma müsse auf der Insel tatsächlich geschäftlich tätig sein, damit sie die Mehrwertsteuer zurückverlangen könne. Es brauche Angestellte und eine eigene Infrastruktur, sagt die Professorin. Das seien aber Voraussetzungen, welche Stealth nicht erfülle. Die Firma hat lediglich eine Anschrift an der Adresse der Filiale von Appleby. Sie scheint eine reine Briefkastenfirma zu sein.

Zudem weist nichts darauf hin, dass der Jet je an jemanden anderen als an Hamilton und seine Firma vermietet wurde. «Das ist eine vollkommen künstliche Konstruktion», urteilt de la Feira. Offenbar lässt Isle of Man dies zu.

Beschauliche Fassade, undurchsichtige Geschäfte: Die Isle of Man wurde dank laxer Steuergesetze zu einem beliebten Ziel für Steueroptimierer. Foto: Neil Farrin (Getty Images)

Auf Anfrage sagt der Anwalt des Formel-1-Weltmeisters: «Lewis Hamilton hat nie bestritten, dass er das Flugzeug hauptsächlich für geschäftliche Flüge, aber auch für private Reisen nutzt.» Die privaten Flüge seien ihm aber korrekt in Rechnung gestellt worden. Die Firma Stealth Limited sei zudem keine Briefkastenfirma, sie habe den Zweck, das Flugzeug an andere zu vermieten.

Der Anwalt bleibt Belege schuldig, die zeigen würden, dass Hamilton nicht nur Miete für einzelne Flüge, sondern auch für die private Nutzung Importsteuer für die Maschine bezahlt hat.

Ernst & Young erklärt, ihre Beratungen seien rechtskonform und gegenüber den Behörden transparent. Sie biete keine Konstrukte zur Steuerumgehung an und setzte sich für die Einhaltung der Steuergesetze ein. Appleby äussert sich zum Fall nicht.

Von Journalisten vor zwei Wochen mit den Recherchen konfrontiert, versicherte der Ministerpräsident von Isle of Man an einer Pressekonferenz, dass sich seine Regierung strikt an die Regeln halte. Gleichzeitig kündigte er eine Untersuchung der Einfuhr von Privatflugzeugen an. Die Regierung räumt ein, dass sie zwischen 2011 und März 2017 über eine Milliarde Franken Mehrwertsteuer an 231 Jetbesitzer zurückbezahlt habe – den meisten sei die Steuer zu 100 Prozent zurückerstattet worden.

Vorsicht, falsche Ausländer!

Verschachtelte Firmenkonstrukte in ­Offshoreländern erschweren es auch dem Schweizer Zoll, die wahren Besitzer von Jets festzustellen. Es fragt sich, wie ein Zöllner bei der Kontrolle am Flughafen erkennen soll, wer wirklich die millionenteure Maschine besitzt, die gerade gelandet ist.

Ist es ein Ausländer? Oder ein Schweizer? Oder vielleicht ein «falscher Ausländer», wie es die Spezialisten nennen, wenn sich ein Schweizer hinter einer ausländischen Firma versteckt. Jeden Tag starten und landen in Zürich 100 Privatmaschinen.

Ausländer bezahlen keine Einfuhrsteuer, wenn sie für kurze Zeit beispielsweise in Zürich oder Genf landen. Sobald aber ein Schweizer oder eine Schweizer Firma ein Flugzeug einführt, fallen Steuern an.

Video: Recherche-Chef zu den Paradise Papers

Oliver Zihlmann, Leiter Recherchedesk, über die Hintergründe der Paradise Papers. (Video: Lea Koch, Hannes von Wyl)

Experten bei der Eidgenössischen Zollverwaltung (EZV) reden von ungleich langen Spiessen. «Es ist für die Zollverwaltung enorm aufwendig, herauszufinden, ob ein ausländisch immatrikuliertes, unverzolltes Flugzeug unerlaubt durch eine in der Schweiz wohnhafte Person verwendet wird», sagt ein Aviatikfachmann der EZV. Besonders schwierig sei dies, wenn der Eigentümer Tickets für den Flug im eigenen Jet bezahle und so als normaler Passagiere ­erscheine.

Ein Mehrwertsteuerspezialist bei der EZV erzählt von Vertragswerken über Besitzverhältnisse und Leasing, die über 50 Seiten auf Englisch in kompliziertester Juristensprache abgefasst seien, «Wie soll das der Zöllner vor Ort verstehen?», fragt er. Selbst für erfahrene Fachleute seien Briefkastenfirmen Knacknüsse. «Wenn ein Flugdossier mit komplexen Strukturen kommt, braucht es enorm viel Aufwand, um dieses zu enträtseln.» Die Anwälte der Jetbesitzer sässen oft am längeren Hebel.

Manchmal kriegen sie die Sünder trotzdem. Neben dem Luzerner Geschäftsmann verurteilte die Zollverwaltung im vergangenen Frühling drei weitere Jetbesitzer wegen Mehrwertsteuerhinterziehung.

In der Schweiz gibt es keine Zahlen darüber, wie viel Geld wegen Mehrwertsteuertricksereien in der Staatskasse fehlt. Doch international weiss man, dass der volkswirtschaftliche Schaden enorm ist. Laut Berechnungen der EU-Kommission betragen die Ausfälle wegen Mehrwertsteuerbetrug jährlich 64 Milliarden Franken.

Erstellt: 06.11.2017, 18:42 Uhr

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