Wie zwei Dufry-Manager zehn Tage Hausarrest bekamen

Minister von Mauritius werfen dem Basler Duty-Free-Konzern fragwürdige Bezahlungen vor – und hielten Top-Kader auf der Insel fest.

Krimi auf Mauritius: Der Basler Dufry-Konzern steht wegen umstrittenen Verträgen in der Kritik.

Krimi auf Mauritius: Der Basler Dufry-Konzern steht wegen umstrittenen Verträgen in der Kritik. Bild: Keystone

Es sind Szenen wie in einem James-Bond-Streifen: Zwei Minister der Tropeninsel Mauritius halten zwei Topmanager* eines Schweizer Konzerns in einem Luxus-Appartement fest und wollen von ihnen geheime Dokumente über Korruption herauspressen.

Die Szene spielte sich im Februar 2015 ab und ist in einer eidesstattlichen Erklärung der beiden Manager beschrieben, die sich neben weiteren Details zum Fall in den Paradise Papers befindet.

Betroffen ist der Dufry-Konzern mit Sitz in Basel – ein Riese im Duty-free-Geschäft. Kauft man irgendwo auf der Welt an einem Flughafen zollfreie Produkte, klingelt höchstwahrscheinlich die Kasse von Dufry. Die Firma beherrscht ein Viertel des Weltmarktes.

Am 1. Dezember 2013 schliesst Julian Diaz, CEO von Dufry, für zwei mauritische Flughäfen einen Exklusivvertrag mit der damaligen Regierung ab. Die kleine Insel im Indischen Ozean ist wegen weisser Strände und unberührter Riffs eine gut besuchte Feriendestination.

Zuvor betrieb ein staatliches Unternehmen das Geschäft. Neu übernimmt Dufry praktisch den Staatsbetrieb, der Konzern besetzt den CEO-Posten mit einem eigenen Mann und sichert sich neben Managementgebühren eine attraktive Gewinnbeteiligung – bis zu zwei Drittel des Gewinns, sollte Dufry den Umsatz um über fünf Millionen Dollar steigern.

Doch 2015 kommt eine neue Regierung ans Ruder und der ist der Vertrag ein Dorn im Auge – zwei Minister vermuten, Dufry habe sich ungebührliche Vorteile verschafft. Und darum wollen sie zwei Managern der Firma eine ausgeklügelte Falle stellen.

Der Abend nahm eine äusserst unerwartete Wende

Am Abend des 16. Februar 2015 folgen die Kaderleute von Dufry nichts ahnend einer Einladung zum Dinner. Ein lokaler Geschäftsmann lädt sie ins luxuriöse Hotel Westin im Nordwesten von Mauritius ein. Ein schöner Ort, um zu tafeln, das blaue Wasser eines Pools umspült das Restaurant, davor erstreckt sich der weisse Palmenstrand. Die Sonne ist gerade untergegangen, als die ersten Speisen serviert werden. Die Gespräche drehen sich um Belangloses.

Hier fand das Treffen statt: Hotel Westin auf Mauritius. Foto: PD

Doch kaum ist der letzte Gang abgetragen, findet der Anlass eine abrupte Wende. Der Geschäftsmann, Chef einer lokalen Mode-Firma mit besten Beziehungen in die Politik, eröffnet den Männern, der Minister für Technologie und Kommunikation (heute Premier) wünsche sie sogleich zu sehen. Der Politiker habe an die Adresse der Dufry-Führung in der Schweiz eine wichtige Botschaft, sagt er. Die beiden Manager sollen nun als Übermittler dienen.

So folgen sie kurz später dem Mercedes des Mode-Unternehmers durch die Nacht in eine Stadt im Landesinnern, die man dort die Blumenstadt nennt. Am Eingang eines Wohnhauses werden sie abgeholt – vom Bundesanwalt von Mauritius. Und kaum betreten sie seine Wohnung im dritten Stock, sehen sie dort auf dem Sofa neben dem Technologieminister noch den für Finanzdelikte zuständigen Minister. Spätestens jetzt ist ihnen klar, dass ihre Lage ernst ist.

«Wissen Sie überhaupt, warum Sie hier sind?», fragt ein Minister. Und dann breiten die Staatsdiener den beiden ihren Fall aus. Laut eidesstattlicher Erklärung legen sie Dokumente auf den Tisch und sagen, es «gebe Belege für den Verdacht der Bestechung durch die Firma Dufry». Sie wüssten, dass es in der Schweiz eine Frydu AG gebe. Über diese Firma seien angeblich von Dufry über Jahre Zahlungen geflossen, die dem Umfeld des Ex-Premiers zugutegekommen seien. Ein Berater im Regierungsumfeld und eine Freundin des Ex-Premiers seien involviert.

Die Behördenvertreter präsentieren Bankbelege. 2013 und 2014 sollen, so die Minister, insgesamt etwas über 2 Millionen Euro an Frydu geflossen sein, zuerst an eine Bank in Zürich, dann an ein Finanzinstitut in Genf. Das sagt ein Minister später auch vor den Medien. In jener Nacht führen sie weiter aus, sie hätten Hunderte ­E-Mails und darin käme neben dem CEO von Dufry auch ein Schweizer Anwalt vor.

Hätte persönlich nach Mauritius fliegen sollen: Dufry-CEO Julian Diaz. Foto: Alamy Stock

Die Dufry-Vertreter versuchen, die schweren Vorwürfe abzuwehren. Ihr Arbeitgeber habe nie mit Bestechung zu tun gehabt, das Unternehmen sei börsenkotiert und ehrenhaft. Doch davon wollen die Minister nichts wissen.

Die Lage übersteigt zunehmend die Kompetenzen der zwei Manager. Sie verlangen, vor dem Haus ungestört telefonieren zu können, und erreichen den Verwaltungsrat der Dufry Trading AG, Miguel Martinez, in Spanien. Sie beschreiben ihm die verzwickte Lage und der meint, er müsse mit CEO Diaz konferieren. Sie würden sich melden. Am nächsten Tag vielleicht.

Auszug aus einer Eidesstattlichen Erklärung vor dem höchsten Gericht von Mauritius von zwei Managern von Dufry. Datum: 26. Februar 2015

Dies aber geht den Ministern nun zu lang. Entnervt ziehen sie sich auf den Balkon zurück, um die Sachlage zu diskutieren. Die beiden Dufry-Männer hören, wie ein Minister ihre Namen buchstabiert und anordnet, dass sie das Land nicht verlassen dürfen. Da ruft einer der Manager, ein Franzose, er hole jetzt Hilfe beim französischen Konsulat. Worauf ihm ein Minister entgegnet, er bringe ihn gleich selber dorthin, kein Problem – es existiere mit Frankreich kein Auslieferungsabkommen.

Es gebe aber einen Ausweg: Julian Diaz müsse umgehend persönlich nach Mauritius kommen oder Dufry die verlangten Dokumente liefern, sagen die Minister.

Diaz kommt nicht. Die beiden Manager verharren zehn Tage im Hausarrest. Für ihre Freilassung wird der französische Konsul eingeschaltet – arrangiert von Appleby, der Firma, von der die Para­dise Papers stammen.

Die Kanzlei setzt für Dufry sogleich alle Hebel in Gang, sie schaltet ein Privatermittlerbüro und eine PR-Firma ein und prüft die Chancen einer Klage gegen die Minister wegen Verleumdung und Freiheitsberaubung . Doch ein Dufry-Anwalt ist skeptisch. Er schreibt an Apple­by in einer Mail: Es gebe für eine Verleumdungsklage mehrere Hindernisse: Die Frage, «ob Dufry Beraterentschädigung bezahlt hat oder nicht», werde im Zentrum eines Prozesses stehen. Das schaffe noch mehr Öffentlichkeit und die Chancen auf Erfolg seien gering, «denn die Regierung wird sehr wahrscheinlich zeigen können, dass sie guten Grund für die Vorwürfe hatte, dass die Anschuldigungen korrekt sind und/oder dass die Minister Immunität geniessen». Dufry sagt heute auf Anfrage, ihr Anwalt habe da lediglich verschiedene Optionen ausgelotet.

Ermittler interessieren sich für geheime Treffen in Frankreich

Ermittler der Antikorruptionseinheit in Mauritius starten in der Folge in der Affäre Dufry-Frydu mehrere Untersuchungen – unter anderem gegen den Ex-Premier und die verdächtigte Freundin.

Dufry sicherte sich mit Exklusiv-Vertrag eine attraktive Gewinnbeteiligung am Duty-Free-Geschäft auf Mauritius. Foto: Alamy Stock

Und sie haben auch Fragen an ihre Kollegen in der Schweiz. Ein mauritisches Rechtshilfeersuchen wird am 6. Juli 2016 vom Bundesamt für Justiz an die Bundesanwaltschaft weitergeleitet. Wie Recherchen zeigen, interessieren sich die mauritischen Ermittler neben Informationen über Dufry und Frydu auch für angeblich mehrere Treffen in Frankreich im Jahr 2011. Dort sollen sich unter anderem der Ex-Premier und seine Freundin mit Vertretern von Du­fry getroffen haben. Im selben Jahr wurde im August der Grossauftrag in Mauritius ausgeschrieben und im Oktober die Frydu AG in der Schweiz gegründet. Die Bundesanwaltschaft äussert sich nicht zum Fall, bestätigt aber, dass sie die Anfrage der Kollegen in Mauritius zurzeit bearbeitet.

Die Beweislage ist unklar, und es gilt die Unschuldsvermutung. Die politische Situation in Mauritius ist kompliziert. Skandal reiht sich an Skandal. Seit Jahren wechseln sich zwei Lager ab bei der Besetzung des Premierministeramtes. Sie sind sich spinnefeind. Kürzlich geriet gar der Bundesanwalt ins Zwielicht – wegen Geldwäschereivorwürfen. Ein Gericht in Mauritius hat eine «vorläufige Anklage» gegen den Premier im Dufry-Fall abgelehnt, doch weitere Untersuchungen sind im Gang.

Dufry sagt auf Anfrage, die Vorwürfe seien im Kontext der zwei verfeindeten Parteien zu verstehen. Deshalb seien zwei «Mitarbeitende in der Folge illegal in Mauritius festgehalten» worden. Das «Fehlverhalten der Minister» sei später im Parlament in Mauritius gerügt worden. Dufry sei sich nicht bewusst, Gegenstand einer Untersuchung zu sein. Zur Firma Frydu heisst es: «Diese Firma ist keine Tochtergesellschaft von Dufry und zu keinem Zeitpunkt gewesen, entsprechend können wir diesbezüglich keine Stellung nehmen.»

Personelle Verflechtungen gibt es aber. So ist der Schweizer Anwalt, den die Minister erwähnten, nicht nur Verwaltungsrat (VR) von Frydu in Zug, sondern auch der Dufry Trading AG. Dort sitzt im VR auch Miguel Martinez, den die beiden Bedrohten nachts in der Blumenstadt so verzweifelt um Rat baten. Und VR-Präsident von Frydu ist der erwähnte Berater der mauritischen Regierung.

* alle Namen der Red. bekannt

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2017, 07:02 Uhr

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