Peter Spuhler hat den richtigen Riecher

Der Bahnbauer setzte lange auf die Zukunftsmärkte im Osten – bis es dort schwierig wurde. Sein strategischer Schwenker trägt nun Früchte.

Der Blick in die Zukunft kann manchmal Wunder bewirken: Peter Spuhler (rechts) an einem Anlass zur Eröffnung des neuen Gotthard-Tunnels. (4. Juni 2016)

Der Blick in die Zukunft kann manchmal Wunder bewirken: Peter Spuhler (rechts) an einem Anlass zur Eröffnung des neuen Gotthard-Tunnels. (4. Juni 2016) Bild: Keystone

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Stadler Rail hängt nicht jeden gewonnenen Auftrag an die grosse Glocke. Wenn Firmenchef und -inhaber Peter Spuhler im Frühsommer jeweils vor die Medien tritt, zählt er im Schnelldurchlauf auf, wohin sein Unternehmen im Vorjahr erfolgreich Züge verkauft hat. Und auch einige Ausschreibungen, bei denen man der Konkurrenz unterlag, nennt der ehemalige SVP-Nationalrat bei dieser Gelegenheit.

Diese Woche hat Stadler Rail per Medienmitteilung wieder einmal offiziell einen Grossauftrag verkündet. Für das amerikanische Bahnunternehmen Caltrain wird Stadler ab Mitte 2019 16 Doppelstockzüge liefern. Verkehren werden die Züge im Silicon Valley. Der Auftrag hat ein Volumen von 551 Millionen Dollar und ist daher für das Thurgauer Unternehmen, das letztes Jahr 1,76 Milliarden Franken Umsatz machte, sehr bedeutend.

58 Züge auf die Insel

Ähnlich gross ist ein anderer Auftrag, der in Grossbritannien an Land gezogen wurde. Wie die «Handelszeitung» berichtet, wird Stadler in den Jahren 2019 und 2020 58 Züge auf die Insel liefern. Sprecherin Marina Winder will dazu nichts sagen. «Wir kommunizieren grundsätzlich erst dann, wenn die Aufträge definitiv und alle Verträge unterschrieben sind», so Winder.

Eine britische Tochtergesellschaft des niederländischen Bahnkonzerns Abellio kommuniziert da offensiver: Als Abellio Greater Anglia unlängst den Zuschlag bekam, in den nächsten zehn Jahren zusätzlich zu seinen bisherigen Linien weitere Zugstrecken im Nordosten von London betreiben zu können, verkündete das Unternehmen auch gerade seine Pläne. Es wird 1,5 Milliarden Pfund (umgerechnet knapp 1,9 Milliarden Franken) in die Erneuerung der Züge investieren. Und gegenüber der Fachpresse wurde detailliert berichtet, welche Anbieter dabei berücksichtigt werden.

Im Osten wurde es schwierig

58 der total 169 Züge werden bei Stadler Rail geordert. Insgesamt kann der Thurgauer Bahnkonstrukteur, der nebst den Fabriken in Bussnang TG, Altenrhein SG und Winterthur auch Produktionsstandorte in Deutschland, Polen, Ungarn, Spanien und Weissrussland unterhält, 388 Wagen respektive Triebwagen bauen. 20 längere elektrisch betriebene Züge des Modells Flirt werden auf der Verbindung zum Flughafen London Stanssted sowie auf der Intercity-Strecke zwischen London und Norwich verkehren. Die übrigen 38 kürzeren dieselbetriebenen Züge sind für Regionallinien vorgesehen. Die «Handelszeitung» schätzt das Volumen des Auftrags für Stadler auf rund eine halbe Milliarde Franken.

Für Peter Spuhler sind die Grossbestellungen aus Grossbritannien und den USA vor allem eines: eine Bestätigung der Strategie, die er wegen der schwachen Wirtschaftslage in Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken unlängst korrigieren musste. Eigentlich hatte Stadler Rail stark auf die Zukunftsmärkte im Osten gesetzt. Weil dort der Absatz harzte und selbst darum gekämpft werden musste, dass die Kunden bereits erteilte Bestellungen bezahlen können, hat Stadler seine Verkaufsaktivitäten in den USA, in Grossbritannien und selbst in Australien verstärkt. Diese Strategieänderung trägt nun offensichtlich erste Früchte.

Gleichzeitig hat man sich aber auch darum bemüht, das Produktportfolio zu verbreitern. Selbst wenn die Flirt-Züge regelrechte Verkaufsschlager sind, soll inskünftig ein höherer Umsatzanteil mit Trambahnen, U-Bahnen, Hochgeschwindigkeitszügen und Lokomotiven erzielt werden. Weiterhin wird Stadler zudem auch massgeschneiderte Zugwagen und Lokomotiven fertigen, selbst wenn deren Anteil am Konzernumsatz nicht riesig ist.

Zu diesem Geschäftssegment gehören auch Zahnradbahnen, bei denen Stadler nach eigenen Angaben der weltweit führende Anbieter ist. Letztes Jahr hat das Unternehmen hier einen besonders prestigeträchtigen Auftrag bekommen. Die Thurgauer dürfen die neuen Züge der Zahnradbahn auf den Corcovado in Rio de Janeiro bauen. Bald fahren also Touristen aus aller Welt mit Stadler-Produkten zur weltberühmten Christus-Statue hoch.

Für die Olympischen Spiele hat es nicht mehr gereicht, nachdem die Auftragsvergabe sich immer wieder verzögert hat. Patron Spuhler sagte im Juni, man habe in den letzten zwanzig Jahren mehrfach Offerten dafür eingereicht. Zu einem Vertragsabschluss ist es aber nie gekommen – bis jetzt. Nun steht der 24-Millionen-Franken-Auftrag fix in den Büchern von Stadler Rail.

Erstellt: 19.08.2016, 16:14 Uhr

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