Post geht gegen «Stopp Werbung»-Kleber vor

Der Staatsbetrieb hat erneut eine Kampagne mit «Werbung OK»-Aufklebern für die Briefkästen lanciert. Der Konsumentenschutz ist irritiert.

Der neue Postaufkleber. Foto: PD

Der neue Postaufkleber. Foto: PD

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Die Post stellt Schweizer Haushalten ungefragt Werbeschreiben in eigener Sache zu. Leser haben sich deswegen bei der Redaktion Tamedia gemeldet. In den Briefen wirbt der Staatsbetrieb dafür, den angeschriebenen Kunden Warenmuster zustellen zu dürfen. Das ist aber nur möglich, wenn auf dem Briefkasten kein Aufkleber mit dem Vermerk «Bitte keine Werbung» oder «Stopp Werbung» prangt.

Die Post hat für diesen Fall vorgesorgt: Im Werbeschreiben ist ein Sticker mit dem Schriftzug «Werbung OK» beigelegt. Damit könne ein bestehendes Werbebanner überklebt werden, heisst es in dem Brief.

Post sucht Einnahmequellen

Diese Kampagne dürfte vielen Konsumentinnen und Konsumenten bekannt vorkommen. Bereits seit 2015 schreibt die Post immer wieder Haushalte an, um diese davon zu überzeugen, Warenproben wie Bouillonwürfel und Müeslipackungen zu testen. Wie das Unternehmen auf Anfrage bestätigt, sind im laufenden Jahr erneut zwei Aktionen geplant – trotz anhaltender Kritik von Kunden, Konsumentenschützern und nationalen Parlamentariern.

Jeweils 250'000 Haushalte ­erhalten die entsprechenden Werbeschreiben im Frühling und im Herbst. Wer sich in diesen ­Tagen für eine Teilnahme entscheidet, erhält von April bis Juni jeden Monat ein Warenmuster zugestellt.

Mit solchen Briefen will die Post ihre Kunden von Werbeangeboten überzeugen. Foto: PD

Die Stiftung für Konsumentenschutz beobachtet das Vorgehen des gelben Riesen kritisch. Wegen der laufenden Kampagne hat die Organisation bereits mehrere Reklamationen von verärgerten Konsumenten erhalten. Im Grundsatz tue die Post zwar nichts Verbotenes und respektiere die Werbeverbote an den Briefkästen.

Aber: «Die Kunden müssen wissen, dass die Aufforderung der Post einen Trick enthält», sagt Alex von Hettlingen, Sprecher des Konsumentenschutzes. «Entfernen die Konsumenten den Verbotskleber, wird sie nicht nur Warenproben einwerfen, sondern auch Unmengen von anderen Werbeschreiben.»

Das ist die Absicht der Post. Das Unternehmen will möglichst viele Haushalte dazu bringen, ihre Briefkästen zugänglich für Werbung zu machen. Denn die Post verdient an jeder zugestellten Werbesendung mit. Neue ­Ertragsquellen sind nötig, weil das traditionelle Geschäft mit der Briefpost unter Druck geraten ist. So nimmt die Menge an Briefen wegen der Digitalisierung seit Jahren ab.

Politik schaut hin

Mit der Möglichkeit, Warenmuster zuzustellen, gewinne die Post neue Auftraggeber, heisst es beim Unternehmen. Wer diese Firmenkunden genau sind, lässt die Post mit Hinweis auf das Geschäftsgeheimnis unbeantwortet. Postsprecher François Furer spricht nur von «Konsumgüterherstellern». Dazu passt, dass die Post die Aktion in Städten und grösseren Ortschaften durchführt, wo es eine hohe Dichte an Einkaufszentren gibt. Schliesslich wollen die zahlenden Geschäftskunden der Post ihre Produkte auch absetzen.

Pikanterweise setzt die Post ihre Kampagne mit Warenmustern mit dem Segen des Eigentümers um. In einer Fragestunde zum Thema im Jahr 2016 antwortete der Bundesrat als Vertreter der Eidgenossenschaft: Es handle sich um unadressierte Werbung, die nicht zur Grundversorgung gehöre. Dieses Geschäft sei für die Post ein wichtiger Wirtschaftszweig, der die Beschäftigung im Vertrieb erhalte, die Infrastruktur optimal nutze und zur Finanzierung des Service public beitrage.

Antworten von der Landesregierung verlangt hatte damals Lisa Mazzone, Genfer Nationalrätin der Grünen. Von dieser Zeitung auf die neue Aktion der Post angesprochen, sagt die Politikerin: «Ich teile die Meinung des Bundesrats nicht.»

Es sei gegenüber der Bevölkerung nicht korrekt, dass die Post einzig «Werbung OK»-Kleber anbiete und nicht auch «Bitte keine Werbung»-Sticker. «Wir sollten vom Prinzip ausgehen, dass die Leute keine Werbung wollen, und nicht umgekehrt», sagt ­Mazzone. Sie überlegt sich deshalb, den Bundesrat in dieser Angelegenheit erneut anzugehen. «Ebenso wichtig ist jedoch, dass sich die Konsumenten äussern und ihre Unzufriedenheit beispielsweise direkt bei der Post zum Ausdruck bringen», fügt die Grüne hinzu.

Eine keckere Möglichkeit bietet der Konsumentenschutz an. Wer der Organisation einen Sticker der Post schickt oder ein Foto davon mailt, erhält im Gegenzug einen kostenlosen «Stopp Werbung»-Kleber.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 01.04.2019, 16:16 Uhr

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