Preisbrecher will Schweizer Onlinebrokern Kunden abjagen

Der niederländische Onlinebroker Degiro wirbt seit heute mit Tiefstpreisen um Schweizer Kunden. Das war aber gar nicht der Plan der Firmengründer.

Schnelles Wachstum mit tiefen Gebühren: Degiro-Chef Gijs Nagel will nun auch in der Schweiz Kunden gewinnen.

Schnelles Wachstum mit tiefen Gebühren: Degiro-Chef Gijs Nagel will nun auch in der Schweiz Kunden gewinnen. Bild: Bild: zvg

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Eigentlich wollte ein Grüppchen von Bankern einen eigenen Investitionsfonds aufziehen. Das taten die Banker 2006 auch. Rasch stellte sich aber heraus, dass potenzielle Kunden oft mehr Interesse an der selbst geschriebenen Handelssoftware der Fondsgesellschaft hatten als an den angebotenen Anlagemöglichkeiten. Und so kam es, wie es kommen musste: Aus der Idee des eigenen Investitionsfonds wurde eine Handelsplattform.

Das ist die Gründungssage von Degiro, wie sie Geschäftsführer und Firmenmitgründer Gijs Nagel erzählt. Anfangs richtete sich die Handelsplattform nur an institutionelle Anleger. Bald sah man aber auch Potenzial bei Privatkunden. Obwohl die Börsenwelt mittlerweile grösstenteils automatisiert läuft, zahlen Private hohe Gebühren für die Transaktionen, die sie selbst am Computer erfassen. Zu hohe Gebühren, wie Nagel und seine Mitstreiter meinten.

Einen Grossteil der Gebühren behielten die Onlinebroker für sich, sagt Degiro-Chef Nagel. Sprich: Das Geld fliesst nur zu einem kleinen Teil für die eigentliche Abwicklung der Transaktion zur Börse oder zur einer der Clearing-Stellen. Das Geschäftsmodell von Degiro will hier eine Alternative bieten: Das Unternehmen ist schlank aufgestellt und will Skaleneffekte nutzen. Was dazu führt, dass Privatkunden die gleich tiefen Preise wie institutionellen Anlegern offeriert werden.

Degiro ist allerdings auch auf Grösse angewiesen – denn die Einnahmen reichen nur zur Deckung der Fixkosten und für einen Gewinn, wenn das Transaktionsvolumen genügend gross ist. Mittlerweile zählt Degiro knapp 130'000 Kunden. Firmenchef Nagel hofft, in diesem Jahr auf 10 Millionen Transaktionen zu kommen. Dieses Jahr sollen erstmals schwarze Zahlen geschrieben werden.

Nur wenige Anpassungen für Markteintritt

Eingestiegen ins Retail-Segment, also ins Geschäft mit den Privatpersonen, ist Degiro in den Niederlanden im Herbst 2013. Mittlerweile bietet es sein Angebot in 17 europäischen Ländern an, mit der Schweiz ist nun das 18. dazugekommen. In allen Ländern sieht das Angebot gleich aus. Für den Eintritt in einen neuen Markt muss Degiro hauptsächlich die Sprache der Plattform anpassen. Zudem stellt das Unternehmen sicher, dass der Kundensupport über eine Telefonnummer mit entsprechender Landesvorwahl erreicht werden kann und Hilfesuchende in ihrer Sprache angesprochen werden.

In der Schweiz unterbietet der niederländische Anbieter nach eigenen Angaben die Konkurrenz um durchschnittlich 92 Prozent. Beispielsweise fallen für den Kauf von Swiss-Re-Aktien im Wert von 1000 Franken Gebühren von 5.40 Franken an. Bei anderen Anbietern kostet die gleiche Transaktion zwischen 15 und 25 Franken, bei Banken schnell auch einmal 40 oder 80 Franken.

Die tiefen Preise haben bei Degiro zu einem rasanten Wachstum geführt. Gemäss eigenen Angaben gehört das Unternehmen bereits drei Jahre nach dem Start in den Niederlanden zu den zehn grössten Onlinebrokern Europas.

Nur nackte Handelsplattform

Das Angebot von Degiro richtet sich indes nicht an jedermann: Wer Beratung wünscht, dürfte beim holländischen Anbieter an der falschen Adresse sein. Was das Unternehmen anbietet, ist nur eine nackte Plattform für den Handel an zahlreichen Börsen. Degiro hat auch keine Schweizer Banklizenz, sondern ist in den Niederlanden als Investitionsgesellschaft registriert und wird von den dortigen Aufsichtsbehörden kontrolliert. Das heisst: Schweizer Degiro-Kunden müssen dem niederländischen Regulator trauen.

Die Internationalität ist gleichzeitig auch der Faktor, den Degiro von anderen Günstig-Onlinebrokern unterscheidet, deren Gehversuche auf dem Schweizer Markt in Vergangenheit scheiterten. Die Niederländer sind nicht darauf angewiesen, in der Schweiz alleine auf eine genügend grosse Kundenzahl zu kommen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.11.2016, 20:21 Uhr

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