Preisgekrönt und angeklagt

Edouard Perrins «Luxleaks»-Enthüllungen liessen Europa erbeben. Nun muss der Journalist vor Gericht.

Ihm drohen Gefängnis oder eine Millionenbusse: Edouard Perrin. Foto: PD

Ihm drohen Gefängnis oder eine Millionenbusse: Edouard Perrin. Foto: PD

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Wenn man sich das Material anschaut, das ­Edouard Perrin ausgegraben hat, denkt man zuerst: O nein, Finanzpapiere. Seitenweise unverständlicher Beamtensprech. Zahlenkolonnen, Diagramme wie Baupläne einer Marsrakete. Aber dann realisiert man: Moment, hier gehts um Ikea. Und um Amazon. Und Walt Disney. Und Coca-Cola. Und Skype. Man beginnt zu verstehen: In diesen «Tax Rulings» aus Luxemburg steckt eine Geschichte – nämlich die Antwort auf die Frage, wie es Konzerne schaffen, ihre Gewinne klein­zurechnen, teilweise auf unter ein Prozent. Ganz legal.

Perrin, ein renommierter französischer TV-Journalist, lebt gerade mit seiner Familie in den USA. Die University of Michigan hat ihm ein Stipendium offeriert. Zurzeit muss er sich oft die Frage anhören, ob er eigentlich aus Europa geflohen sei – Luxemburg hat ihn unter anderem wegen Diebstahls und Verletzung von Geschäfts­geheimnissen angeklagt. Ihm drohen bis zu fünf Jahre Gefängnis oder eine Millionenbusse.

Perrin hat als Erster jene Dokumente veröffentlicht, in denen die luxemburgischen Behörden Konzernen weitreichende Steuer­rabatte zusicherten. Später gelangten die Papiere ans Recherche-Konsortium ICIJ, das heute vor allem für die Panama Papers bekannt ist. Die Journalisten machten daraus die «Luxleaks»-­Enthüllung, die Ende 2014 Schockwellen durch Europa schickte. Die Recherche sei der «schlimmste Angriff, der Luxemburg je passiert ist», stellte Luxemburgs Finanzminister Pierre Gramegna später fest. Ende 2015 kündigte die EU mehr Transparenz an: Rulings sollen künftig international ausgetauscht werden. Auch die Schweiz will mitmachen.

Edouard Perrin ist für seine Recherche ausgezeichnet worden, sein Telefon klingelt immer noch oft deswegen. Heute Dienstag wird sich seine Combox einmal mehr füllen: Der Prozess gegen ihn beginnt. Mit ihm stehen zwei Ex-Angestellte von PricewaterhouseCoopers Luxemburg vor Gericht. Einer der beiden hatte 2010 an seinem zweitletzten Arbeitstag die explosiven Rulings im Intranet des Rechnungsprüfers entdeckt – und sie kurzerhand auf seinen privaten Laptop kopiert. In Internetforen schrieb er gegen die Praktiken an. So fand Perrin ihn.

Der Straffall ist längst zum Politikum geworden. Für das Fürstentum, dessen Whistleblower-Paragraf nur bei Korruption greift. Aber auch für ganz Europa, dessen Schutz der Pressefreiheit plötzlich löchrig erscheint. Reporterverbände und Politiker verteidigen Perrin – «er hat nur seinen Job gemacht», kritisiert etwa der Verband europäischer Journalisten. Perrin selbst will aus den USA anreisen, um sich zu verteidigen. Er rechnet mit einem zähen Kampf, der bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte führt. «Es gibt ein massives öffentliches Interesse», sagt er. «Am Ende werden wir gewinnen.»

Erstellt: 25.04.2016, 20:46 Uhr

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