Nur so wenig EO-Geld nach dem Studium?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Erwerbsersatz.

Wie dick ist das Portemonnaie? Rekruten werden von Gebirgsspezialisten am Seil ausgebildet. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Wie dick ist das Portemonnaie? Rekruten werden von Gebirgsspezialisten am Seil ausgebildet. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mein Neffe hat vor ein paar Monaten sein Studium mit dem Bachelor abgeschlossen. Unmittelbar danach ist er für mehrere Wochen eingerückt, bevor er sich auf eine längere Auslandsreise begeben hat. Nach der Rückkehr will er seine Ausbildung mit einem andern Studiengang fortsetzen. Jetzt hat ihm die Ausgleichskasse (EO) mitgeteilt, sie zahle ihm für die Dienstzeit nur den minimalen Erwerbsersatz von 62 Franken pro Tag. Als Grund nennt die EO, dass mein Neffe seine Ausbildung fortsetzen werde und keine Erwerbstätigkeit aufnehme. Deshalb stehe ihm keine höhere Entschädigung zu. Muss er dies akzeptieren – immerhin kann er ja einen anerkannten Ausbildungs­abschluss vorweisen?

Ja, der Entscheid der EO ist korrekt. Ihr Neffe wird als Nichterwerbstätiger eingestuft und bekommt nur die Minimalentschädigung pro Diensttag.

Grundsätzlich behandelt die EO alle Studienabgänger, die unmittelbar nach einer Ausbildung einrücken, gleich wie Erwerbstätige. Das heisst, sie bekommen eine Entschädigung, die sich am branchenüblichen Lohn für Berufseinsteiger orientiert. Denn die EO geht davon aus, dass Studienabgänger sofort nach der Ausbildung eine Stelle annehmen und nur durch den Dienst daran gehindert werden. Nun hat aber Ihr Neffe gegenüber der EO angegeben, er wolle weiterstudieren und vorerst nicht arbeiten. Also kann er für die Zeit seines Dienstes auch keinen Lohnausfall geltend machen. Die EO versteht sich nämlich – wie es ihr Name sagt – als Versicherung für den Erwerbsausfall. Zwar haben auch Nichterwerbstätige Anrecht auf eine Entschädigung – aber eben auf eine viel geringere.

Dass Ihr Neffe seine Ausbildung fortsetzen will, hat der EO den Entscheid erleichtert, ihn als nicht erwerbstätig zu qualifizieren. Doch selbst wenn Ihr Neffe gegenüber der EO nichts von einem weiteren Studiengang gesagt hätte, wäre der Entscheid nicht anders ausgefallen. Der Grund: Ihr Neffe ist direkt nach dem Dienst für längere Zeit verreist.

Ein sehr ähnlicher Fall kam vor ein paar Jahren vor Bundesgericht. Dabei ging es auch um einen Studienabgänger, der direkt nach Erreichen seines Masters zum Dienst einrückte und anschliessend auf Weltreise ging. Der junge Mann musste sich vom Gericht sagen lassen, sein Verhalten lasse darauf schliessen, dass er die Reise geplant und nicht die Absicht gehabt habe, sofort einen Job anzunehmen. Deshalb könne er auch keinen Lohnausfall geltend machen und müsse sich mit der geringeren EO-Entschädigung zufriedengeben.

Es ist anzunehmen, dass ein Gericht den Fall Ihres Neffen genau gleich beurteilen würde. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.11.2015, 07:50 Uhr

Andrea Fischer beantwortet Ihre Fragen zum Arbeitsrecht, zum Konsumrecht, zum Sozialversicherungsrecht und zum Familienrecht. Senden Sie uns Ihre Fragen an rechtundkonsum@tages-anzeiger.ch

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Das Potenzial von Megatrends nutzen

Thematisches Investieren setzt sich neben regionalem und sektoriellem Anlegen immer mehr durch.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...