Regelmässig viele Überstunden: Ist das zulässig?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Arbeitsrecht.

Viele Angestellte arbeiten regelmässig länger, als es das Arbeitsgesetz zulässt. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Viele Angestellte arbeiten regelmässig länger, als es das Arbeitsgesetz zulässt. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Mein Mann ist in der IT-Abteilung einer grossen Firma tätig. Er verdient sehr gut, aber auch sein Arbeitspensum ist hoch. Es sind jede Woche zwischen 55 und 60 Stunden. Oft bearbeitet er Mails oder Projekte bis spätabends, manchmal auch am Wochenende. Er macht das gerne, und es ist auch nicht so, dass ihn jemand zwingen würde, so viel zu arbeiten. Allerdings kann er seine Überstunden auch nicht abbauen, das gehöre sich nicht auf seiner Ebene, sagt er, obwohl er keine leitende Position hat. Er sagt, andere würden noch mehr arbeiten als er. Damit meint er Kollegen, die keine Kinder haben wie wir. Ich wüsste gerne, ob es zulässig ist, regelmässig derart viele Überstunden zu leisten.

Nein. Überstunden gehören zwar zu den Pflichten von Arbeitnehmenden, sie müssen aber die Ausnahme sein. Massgebend ist die vertraglich abgemachte Arbeitszeit; was darüber hinausgeht, gilt als Mehrarbeit oder eben als Überstunden. Wer sie nicht kompensieren kann, hat Anspruch auf Entschädigung, sofern die Überstunden nicht bereits im Lohn enthalten sind.

Bei Ihrem Mann geht es aber längst nicht mehr bloss um Überstunden. Wie Sie schreiben, arbeitet er regelmässig über die gesetzlich vorgeschriebene Höchstarbeitszeit von 45 Stunden hinaus. Bei dieser Vorschrift handelt es sich um eine zwingende Bestimmung zum Schutz der Gesundheit von Arbeitnehmenden. Sie gilt für alle Mitarbeitenden, ausser für höhere leitende Angestellte. Der Arbeitgeber hat eine Fürsorgepflicht und ist dafür verantwortlich, dass die Schutzvorschriften eingehalten sind. Er muss dies jederzeit kontrollieren können. Das heisst im konkreten Fall: Er muss dafür besorgt sein, dass die Mitarbeitenden ihre Arbeitszeit erfassen.

Hier liegt aber offenbar das Problem, denn Ihr Schreiben lässt vermuten, dass Ihr Mann seine Arbeitszeit gar nicht vollständig erfasst. Somit weiss sein Chef vermutlich nicht, wie viel Ihr Mann tatsächlich arbeitet. Das entbindet ihn zwar nicht von seiner Verantwortung. Sobald er weiss, dass ein Mitarbeiter zusätzlich von zu Hause aus arbeitet, muss er ihn auf die Gesundheitsvorschriften aufmerksam machen. Hat er Hinweise, dass einer seiner Angestellten regelmässig die Höchstarbeitszeiten überschreitet, ist er verpflichtet, dies zu unterbinden. Er macht sich strafbar, wenn er vorsätzlich und wiederholt über das gesetzliche Limit arbeiten lässt.

Letztlich haben Arbeitnehmende aber auch eine gewisse Eigenverantwortung. Das gilt vor allem, wenn sie regelmässig von zu Hause aus arbeiten und so der direkten Kontrolle ihres Arbeitgebers entzogen sind. Dazu braucht es indes die Einsicht, dass regelmässige massive Mehrarbeit auf Dauer nicht gut gehen kann.


Senden Sie uns Ihre Fragen zum Arbeitsrecht, Konsumrecht, Sozialversicherungsrecht und Familienrecht an rechtundkonsum@tages-anzeiger.ch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2017, 09:49 Uhr

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