Darf die Krankheit im Zwischenzeugnis erwähnt werden?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Arbeitsrecht.

Entscheidend ist das Verhältnis zwischen Anstellungs- und Krankheitsdauer. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Entscheidend ist das Verhältnis zwischen Anstellungs- und Krankheitsdauer. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Wegen Krankheit konnte ich das letzte halbe Jahr nicht arbeiten. Nun ist eine stufenweise Wiedereingliederung in der gleichen Firma geplant. Inzwischen hat jedoch meine bisherige Vorgesetzte ihre Stelle gekündigt und mir noch vor ihrem Weggang ein Zwischenzeugnis ausgestellt. Da drin steht auch, das Zeugnis werde ausgestellt, weil ich länger abwesend gewesen sei. Ist eine solche Bemerkung erlaubt? Darf die Krankheit überhaupt in einem Arbeitszeugnis erwähnt werden?

Die Bemerkung, das Zwischenzeugnis sei wegen Ihrer Krankheit erstellt worden, ist tatsächlich fehl am Platz. Sie können verlangen, dass sie gestrichen wird, sofern Sie überhaupt ein Zwischenzeugnis haben wollen. Denn das entscheiden Sie selbst. Ein Zwischenzeugnis kann sinnvoll sein, gerade wenn, wie in Ihrem Fall, die Vorgesetzte wechselt und Sie sich mit ihr gut verstanden haben. Und falls Sie im Sinn haben, sich nach einer andern Stelle umzuschauen, könnte eine Zwischenbeurteilung auch nützlich sein. Doch muss sie sich auf Leistung und Verhalten beschränken.

Es kann jedoch angebracht sein, eine Krankheit zu erwähnen, allerdings nur, wenn die Krankheit sich erheblich auf die Leistung und das Verhalten der beurteilten Person ausgewirkt hat. Das hat das Bundesgericht vor ein paar Jahren so entschieden. Dabei ging es um einen Fall, wo ein Arbeitnehmer insgesamt drei Jahre in einem Betrieb angestellt war, davon aber die Hälfte der Zeit, nämlich die letzten eineinhalb Jahre wegen Krankheit nicht arbeiten konnte. Die Krankheit dauerte somit verhältnismässig lange. Würde sie nicht im Arbeitszeugnis erwähnt, könnte eine künftige Arbeitgeberin einen falschen Eindruck über die berufliche Erfahrung des Mitarbeiters bekommen, argumentierte damals das oberste Gericht. Arbeitszeugnisse dürfen zwar das Fortkommen der Arbeitnehmenden nicht behindern, doch haben Arbeitgebende auch ein Recht zu wissen, worauf sie sich bei einer Stellenbewerberin einlassen.

Das heisst nicht, dass jede lange Krankheit im Arbeitszeugnis aufzuführen ist. Entscheidend ist das Verhältnis zwischen Anstellungs- und Krankheitsdauer. Wäre der eben erwähnte Mitarbeiter insgesamt zehn Jahre in seiner Funktion tätig gewesen und dazwischen eineinhalb Jahre krank, dann hätte die Krankheit die Berufserfahrung nicht wesentlich beeinträchtigt. Eine Erwähnung im Zeugnis wäre dann auch nicht gerechtfertigt.

Erstellt: 21.09.2015, 10:52 Uhr

Andrea Fischer beantwortet Ihre Fragen zum Arbeitsrecht, zum Konsumrecht, zum Sozialversicherungsrecht und zum Familienrecht. Senden Sie uns Ihre Fragen an rechtundkonsum@tages-anzeiger.ch

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