Kann ich meine Enkel enterben?

Die Antwort auf die Frage eines Witwers zum Erbrecht.

Eine Enterbung ist nur bei schwer schuldhaftem Verhalten zulässig. Foto: Tony James-Andersson (Pexels)

Eine Enterbung ist nur bei schwer schuldhaftem Verhalten zulässig. Foto: Tony James-Andersson (Pexels)

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Ich bin Witwer und hatte zwei Söhne. Der Ältere ist im vergangenen Jahr verstorben. Er hinterlässt zwei erwachsene Kinder aus zwei verschiedenen Ehen. Mit beiden Enkeln habe ich schon seit einiger Zeit keinen Kontakt mehr, er wurde von den Müttern systematisch unterbunden. Mein jüngerer Sohn lebt zum Glück noch, er ist Vater von zwei Töchtern, diese sind noch minderjährig. Nun möchte ich mein Testament aufsetzen. Ist es richtig, dass ich die Enkel, mit denen ich keinen Kontakt mehr habe, im Testament auch berücksichtigen muss? Einer von diesen ist nicht einmal zur Beerdigung seines Vaters, meines Sohnes, erschienen. Kann ich nicht einfach meinen noch lebenden Sohn als Alleinerben einsetzen?

Nein, dazu müssten Sie die Kinder Ihres verstorbenen Sohnes enterben, was nur unter strengen Voraussetzungen möglich ist. Diese sind allem Anschein nach nicht erfüllt.

Mit dem Tod Ihres Sohnes treten Ihre Enkel erbrechtlich an dessen Stelle. Das bedeutet, die Enkel erben zusammen den Teil, der Ihrem Sohn zustünde, wenn er noch lebte. Das gilt auch für den Pflichtteil: Dieser ist für die Enkel genau gleich hoch wie für die eigenen Kinder.

Wenn Sie Ihren Enkeln den Pflichtteil entziehen, sie also enterben, dann müssten Sie dies im Testament begründen. Eine Enterbung ist aber nur bei schwer schuldhaftem Verhalten zulässig. Entweder wenn die Erben eine schwere Straftat gegen den Erblasser oder andere Familienmitglieder begangen haben oder wenn sie familienrechtliche Pflichten schwer verletzt haben.

Dass Sie keinen Kontakt haben, ist kein Grund für eine Enterbung.

Gemäss Ihren Schilderungen ist weder das eine noch das andere gegeben. Dass Sie zu Ihren Enkeln keinen Kontakt haben, ist noch kein Grund für eine Enterbung. Auch nicht, dass einer der Enkel an der Beerdigung seines Vaters gefehlt hat. Das mag moralisch inakzeptabel sein, aus rechtlicher Sicht genügt es nicht.

Selbst wenn es einen Grund zur Enterbung gäbe, besteht das Risiko, dass die Enkel sich dagegen wehren und beim Erbgang ihre Pflichtteile einfordern. Die Erben, also Ihr noch lebender Sohn, müsste dann dagegen antreten. Solche Erbschaftsstreitigkeiten sind nicht nur unerfreulich, sondern meist langwierig und kostspielig.

Besser wäre, wenn Sie die Angelegenheit zu Lebzeiten klären. Vielleicht verzichten die Enkel freiwillig auf ihr Erbe oder wenigstens teilweise. Ein Versuch, sie dazu zu bringen, wäre es wert. Ansonsten bleibt es beim Pflichtteil.


Andrea Fischer beantwortet Ihre Fragen zum Arbeitsrecht, Konsumrecht, Sozialversicherungsrecht und Familienrecht. Senden Sie sie an geldundrecht@tamedia.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.03.2018, 08:59 Uhr

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