Literatur mit Rückrufklausel

Warum deutsche Autoren und Verleger in einem offenen Brief gegen ein neues Gesetz protestieren.

Auch für Buchautoren ist das neue Urheberrecht eine Knacknuss. Foto: Thomas Egli

Auch für Buchautoren ist das neue Urheberrecht eine Knacknuss. Foto: Thomas Egli

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Autoren kann man es offenbar nie recht machen. Da plant der deutsche Justizminister Heiko Maas ein «Gesetz zur verbesserten Durchsetzung des Anspruchs der Urheber und ausübenden Künstler auf angemessene Vergütung», damit es, wie er einmal salopp formulierte, nicht bald nur noch Katzenvideos bei Youtube gebe. Und dann protestieren 250 Schriftsteller, darunter so prominente Namen wie Enzensberger, Safranski oder Handke, in ungewohnter Eintracht mit ihren Verlegern: Die geplante Gesetzesnovelle, heisst es in ihrem offenen Brief, sei «kontraproduktiv» und beschwöre unnötige Verteilungs- und Interessenkämpfe. Einzelne Verleger malen sogar den Untergang von Kultur, Literatur und Demokratie an die Wand, wenn nur noch kurzfristige Profit­interessen und «Turbokapitalismus pur» zählen.

Der Knackpunkt ist ein Detail des neuen Gesetzes, die Rückrufklausel in Paragraf 40. Demnach sollen Urheber nach fünf Jahren die Möglichkeit erhalten, ihre Werke quasi zurückzurufen, um neue, bessere Verträge auszuhandeln. Das ist gut für Autoren, die in Buy-out-Verträgen alle Nutzungsrechte abgetreten haben und oft zähneknirschend zusehen müssen, wie andere Verwerter sich an Filmrechten oder Merchandisingprodukten eine goldene Nase verdienen. Und es ist schlecht für Verlage, die Verlässlichkeit und Planungssicherheit brauchen und nicht wollen, dass Autoren, die sie aufgebaut und gepflegt haben, zum Meistbietenden weiterziehen. Die Verlage leiden heute schon unter Amazon, Self Publishing im Internet und Rechteverwertungsagenturen wie VG Wort und Pro Litteris; eine Rückfallklausel könnte für manche tödlich sein.

Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite unterstützen die Gewerkschaften und Interessenverbände der Journalisten, Schriftsteller und Übersetzer Maas’ Gesetzesentwurf leidenschaftlich: Für sie ist er eine wichtige Etappe auf dem mühsamen Weg zur «angemessenen Vergütung» der kreativen Berufe. Das neue Gesetz gilt ja nicht nur für Autoren, sondern auch für andere Urheber, vom Theaterregisseur bis zum Softwareentwickler. Die Rückrufklausel ist für die meisten eher bedeutungslos und könnte durch brancheninterne Vereinbarungen ausgeschlossen werden.

Ja, Autoren und Verleger sitzen in einem Boot, und das kreuzt heute bekanntlich in schweren Gewässern. Aber wenn es um Urheberrechte im Allgemeinen geht, gibt es selten Verhandlungen auf Augenhöhe. Urheber ist ohnehin eine diffuse juristische Kategorie. Dazu gehören Filmproduzenten, Popstars und Bestsellerautoren, die ihre Werke nicht erst nach fünf Jahren an den Meistbietenden verkaufen, aber eben auch die armen Poeten, Übersetzer und freien Journalisten, die selten von den Früchten ihrer Arbeit leben können. Sie werden durch das neue Urheberrecht nicht bessergestellt, aber wenigstens in ihrer Verhandlungsposition und Marktmacht gestärkt.

Erstellt: 20.12.2015, 22:35 Uhr

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