SBB heizen Kampf um schnellen Hunger an

Über 200 Verkaufsflächen an Bahnhöfen werden neu ausgeschrieben. Valora, Coop und Migros müssen sich Neues überlegen.

Convenience-Food liegt bei Pendlern hoch im Kurs: Eine Auslage eine Coop to go. Foto: Keystone

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Ein labbriges Weissbrotsandwich im Plastikdreieck zum Lunch? Das war einmal. Die Detailhändler und die Gastronomie überbieten sich mit Angeboten bei Essen und Getränken zum Mitnehmen. Frisch, gesund und individuell zubereitet kommen Sandwiches, Smoothies und Salate daher. Im stagnierenden Schweizer Detailhandel lässt das Take-away-Geschäft auf Wachstum hoffen. Doch der Kampf um hungrige Pendler spitzt sich zu. Dafür sorgen auch die SBB.

Die Bundesbahnen schreiben 265 Ladenflächen neu aus, deren Verträge Ende 2020 auslaufen. Dabei machen die SBB klar, welche Formate gefragt sind: «Convenience-Angebote sind ein stark zunehmendes Kundenbedürfnis. Mit der Ausschreibung fokussieren sich die SBB verstärkt auf diesen Trend.»

Ein Gerangel zwischen der Kioskbetreiberin Valora sowie den Grossverteilern Coop und Migros zeichnet sich ab. Dabei hat Valora am meisten zu verlieren. Sie betreibt derzeit über 200 Kioske und andere Läden an Bahnhöfen, für die sie sich neu bewerben muss. Coop-Chef Joos Sutter hat schon mal ein Auge darauf geworfen. «Diese Standorte sind sicher interessant für uns», sagt er zu «20 Minuten».

Dabei stösst Sutter bei Valora ausgerechnet auf einen Gegner, der zuvor bei Coop das Take-away-Geschäft erfolgreich vorangetrieben hat. Roger Vogt leitet seit Februar das Schweizer Retailgeschäft von Valora. Davor hat er entscheidend zur Entwicklung der Coop-to-go-Läden beigetragen.

Die SBB fürchten das Klumpenrisiko – wegen der vielen Valora-Läden.

Bei der Eröffnung des ersten solchen auf Schnellverpflegung spezialisierten Geschäfts im Sommer 2015 posierte Joos Sutter neben Vogt für die Fotografen. Dies im knallgrünen Poloshirt, der typischen Farbe der Läden. Auch bei der Einführung der vegetarischen Linie Karma war Vogt einer der wichtigen Köpfe. Beide Konzepte lobt Coop-Chef Sutter in höchsten Tönen. Coop to go laufe «extrem gut» und für die Karma-Produkte hat der Grossverteiler zuletzt sogar eigene Convenience-Shops aufgemacht.

Roger Vogt will nun bei Valora das Geschäft für die eiligen Hungrigen auf Trab bringen. Jüngst präsentierte er für die Avec-Läden ein neues Convenience-Konzept. Frische Sandwiches, Früchtebecher und Salate stehen auf dem Menü. Damit will Valora ihre Stellung an den Bahnhöfen verteidigen.

«Valora setzt alles daran, sämtliche Standorte auch weiterhin betreiben zu können, und rechnet sich sehr gute Chancen aus», sagt ein Sprecher. Ein Branchenkenner spricht allerdings von einem Klumpenrisiko, dem die SBB wegen der vielen Valora-Läden ausgesetzt seien. Gut möglich, dass die Bahn die Monokultur aufbrechen wolle.

Der Boom ist vorbei

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Und was macht die Migros? Offiziell gibt sich der orange Riese schmallippig. Man sei daran, die Dossiers der SBB zu überprüfen, so die Medienstelle. Wie aus dem Unternehmen verlautet, wurde dafür eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen. Die wird einiges an Koordination zu leisten haben. Von den Kleinsupermärkten Migrolino bis zum Poulet-Fastfood-Anbieter Chickeria ist die Migros im Geschäft mit dem schnellen Essen aktiv.

Dabei kocht jede der zehn regionalen Genossenschaften ihr eigenes Süppchen. So haben gleich drei Genossenschaften ein eigenes Format für thailändische Küche lanciert. Die Migros lässt überall Versuchsballone steigen. In Basel mit dem Bretzelkönig-Klon My Brezel beispielsweise oder in Zürich mit Bio-Take-away. Nicht alle Konzepte überleben. Die Migros Aare hat ihren auf junge Konsumenten ausgerichteten Sandwichladen My way nach zwei Jahren wieder geschlossen.

Die Grossen im Convenience-Geschäft

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Die SBB fördern den Drang zu Neuem. Sie verlangen von den Bewerbern für die Bahnhofsläden «innovative und zukunftsweisende Konzepte». Die Grenzen zwischen Detailhandel und Gastronomie verschwimmen dabei immer mehr. Laut Gastronomieberater Peter Herzog ist die Entwicklung neuer Formate aber langsam ausgereizt: «Die Vielfalt in Sachen Convenience ist schon sehr breit und attraktiv. Weitere Anbieter nochmaliger Kaffee- oder Sandwich-Shops machen die Auswahl auch nicht interessanter.»

Auch ausländische Firmen können sich bewerben

Zudem wächst der Umsatz mit dem schnellen Hunger immer langsamer. Zwar betonen Coop, Migros und Valora, dass sie im Geschäft mit Convenience weiterhin zulegen. Doch laut Schätzungen des Marktforschungsinstituts GFK stagnierte der Umsatz mit Tankstellen- und Convenience-Shops in der Schweiz im vergangenen Jahr bei 5,3 Milliarden Franken. Die Zahl der Shops ging sogar zurück. Das Wachstum der letzten Jahre war rasant. 2005 erzielten solche Geschäfte noch einen Umsatz von 3,9 Milliarden Franken.

Bei der Ausschreibung der SBB könnten ausländische Konkurrenten den grossen Schweizer Anbietern einen Strich durch die Rechnung machen. Die SBB richten sich ausdrücklich auch an «internationale Marktteilnehmer». Deren Hunger auf die Schweiz ist allerdings laut Peter Herzog eher klein. «Die merken schnell, dass die Schweiz aus vier Landesteilen besteht und die Personalkosten vieles der Marge wegfressen.» Mindestens 50 Standorte seien mittelfristig nötig, damit sich das rechnet. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 05.08.2018, 11:57 Uhr

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