Das ideale Weihnachtsgeschenk

Weshalb jedes Weihnachtsgeschenk mit einem Verlust verbunden sei und wie hoch dieser ist, weiss der Ökonom Joel Waldfogel.

Oft ist nicht das drin, was man sich wünscht – und falls doch, hätte man selber nie so viel dafür bezahlt.

Oft ist nicht das drin, was man sich wünscht – und falls doch, hätte man selber nie so viel dafür bezahlt. Bild: Florian Bärtschiger

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Ein Viertel der Schweizer findet Weihnachten unwichtig. Das hat eine repräsentative Umfrage des Vergleichsportals Comparis ergeben. Rund 22 Prozent wollen keine Geschenke kaufen. Selbst in Familien mit Kindern im gleichen Haushalt ist mit 19 Prozent knapp ein Fünftel nicht an Weihnachten interessiert. Bei Einzelhaushalten ist es mit 34 Prozent sogar ein Drittel.

Die Konsumausgaben der privaten Haushalte machen in der Schweiz mit rund 53 Prozent Anteil an der gesamten Wertschöpfung den grössten Posten der Gesamtnachfrage aus. Gleichzeitig sind sie in keiner Zeit so hoch wie vor Weihnachten. Ist also die Schenkverweigerung eines beachtlichen Teils der Bevölkerung ein wirtschaftliches Risiko?

Keinesfalls, meint der US-Ökonom Joel Waldfogel. Die Schenkerei an Weihnachten ist für ihn im Gegenteil eine grosse Verschwendung. Das Problem sind gemäss seiner Analyse aber nicht die ausgegebenen Summen an sich. Die Verschwendung entsteht dadurch, dass die Käufer viel mehr für die Geschenke bezahlen, als diese den Beschenkten wert sind, mehr also, als diese selbst dafür hinblättern würden.

Ausgaben ohne Nutzen

Die Schenkenden wissen oft nicht oder nur ungenügend, was die Beschenkten wirklich wollen, welchen Wert sie den Dingen zumessen. So erhalten Beschenkte zum Beispiel Bücher, die sie nicht lesen; Parfüme, deren Duft sie nicht mögen; Küchengeräte, die sie schon haben. In vielen weiteren Fällen mögen sie zwar die geschenkten Dinge, aber nicht in einem Ausmass, das deren Preis entspricht. So werden unzählige Dinge wieder zurück in die Läden gebracht oder zurückgesandt, um sie umzutauschen.

Wie Waldfogel in einem wissenschaftlichen Artikel im führenden Fachmagazin seiner Zunft – der «American Economic Revue» – festgehalten hat, kommt es bei der Bescherung zu einem sogenannten Wohlfahrtsverlust, weil sich ohne Schenkerei mit den gleichen Ausgaben ein grösserer Nutzen erzielen liesse.


Den Kindern dürfen Sie aber gern etwas schenken, meint Joel Waldfogel, deren Wünsche kennen Sie ja gut genug. Foto: PD

Waldfogel verfasste zum selben Thema auch ein Buch, das 2011 unter dem Titel «Warum sie diesmal wirklich keine Weihnachtsgeschenke kaufen sollten» auch in deutscher Sprache erschien. Er schätzt aufgrund seiner Forschung den Verlust zu Weihnachten auf ein Zehntel bis ein Drittel der Summe, die insgesamt für Geschenke ausgegeben wird. In diesem Ausmass verschwenden Schenkende Geld.

Wie ist es nun aber bei Kindern, die gewöhnlich die grösste Freude an Geschenken haben? Hier differenziert Waldfogel: Zum einen wissen Eltern relativ gut, welchen Wert ein Geschenk für ihre Kleinen hat. Zum anderen würden vor allem kleine Kinder oft ihre Vorstellungen dazu ändern, was eine Sache ihnen bedeutet. Hier komme es deshalb kaum zu einem Wohlfahrtsverlust durch das Schenken. Ganz generell sei dieser umso kleiner, je näher sich Schenkende und Beschenkte kennten und deshalb umso besser über die Wünsche der anderen Bescheid wüssten.

Halblösung Gutscheine

Und welche Alternative bleibt Onkeln, Tanten, Göttis und weniger nahen Kollegen und Freunden, wenn sie etwas schenken wollen und ratlos vor den Regalen eines Shoppingcenters stehen? Am einfachsten wäre es, Geld zu schenken. In diesem Fall kann sich die oder der Beschenkte exakt das kaufen, was ihr oder ihm ein Geschenk zum verlangten Preis wert ist.

Doch Geld taugt schlecht als Geschenk, wie auch Waldfogel eingesteht. Zum einen, weil Geldgeschenke fantasielos und sogar kalt wirken – in der Regel will man mit einem Geschenk auch eine persönliche Note vermitteln. Zum anderen droht das Schenken dann vollends ins Absurde abzugleiten. Schenke ich jemandem 50 Franken, der auch mir 50 Franken schenkt, können wir beide das Geld gleich behalten.

Der Mittelweg sind Gutscheine. Dass sie über die Zeit eine immer grössere Bedeutung unter den Geschenken einnehmen, erklärt Waldfogel mit seinen Überlegungen zum Wohlfahrtsverlust. Immerhin haben hier die Beschenkten eine etwas grössere Wahlmöglichkeit. Statt dass ein Geschenk zum Beispiel aus einem bestimmten Buch besteht, kann der Beschenkte mit einem Gutschein jenes Buch kaufen, das seinem Geschmack am meisten entspricht. Eine persönliche Note des Schenkenden bleibt zudem erhalten.

«Das ideale Weihnachtsgeschenk ist ein sorgfältig ausgewähltes Produkt, das dem Empfänger Freude bereitet.»Joel Waldfogel, Ökonom

Aber gänzlich lösen auch Gutscheine das Problem des Wohlfahrtsverlusts nicht, denn sie «zwingen» den Beschenkten ebenfalls Handlungen, Güter oder Verkaufsstätten auf, die sie vielleicht nicht wollen oder die ihnen wenig bedeuten. Nicht zuletzt deshalb werden viele Gutscheine gar nicht eingelöst. Waldfogel schätzt den Anteil auf rund zehn Prozent.

In diesem Fall geht das Geschenk an das Unternehmen, das den Gutschein herausgibt, was kaum im Sinn der Schenkenden oder der Beschenkten ist. Um dieses Problem zu lösen, schlägt der Ökonom vor, dass der Herausgeber eines Gutscheins verspricht, das damit eingenommene Geld an einen gemeinnützigen Zweck zu spenden, sollte er nicht eingelöst werden.

Was aber soll man denn nun nach Ansicht von Joel Waldfogel schenken? In seinem Buch schreibt er: «Das ideale Weihnachtsgeschenk ist ein sorgfältig ausgewähltes Produkt, das dem Empfänger Freude bereitet … und zudem dafür sorgt, dass zwischen Geber und Empfänger herzliche Gefühle strömen.» Gut möglich, dass sich das nicht ganz ohne Wohlfahrtsverlust bewerkstelligen lässt.

Erstellt: 23.12.2019, 20:16 Uhr

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