Schweizer Altersvorsorge rutscht ab ins Mittelfeld

Das 3-Säulen-Modell galt lange Zeit als vorbildlich. Andere Länder haben aber bessere Lösungen. Die Vorschläge der Experten.

Eine freie Wahl des Rentenbeginns könnte einige Löcher stopfen: Eine Seniorin öffnet ihr Portemonnaie. Foto: iStock

Eine freie Wahl des Rentenbeginns könnte einige Löcher stopfen: Eine Seniorin öffnet ihr Portemonnaie. Foto: iStock

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Die schweizerische Altersvorsorge wird hierzulande oft für ein Vorzeigemodell gehalten. Doch in der neuesten Analyse durch das Beratungsunternehmen Mercer gibt es nur mittelmässige Noten. In der jährlich vorgenommenen Bewertung von vierunddreissig Ländern ist die Schweiz mit 67,6 Indexpunkten vom achten auf den elften Rang zurückgefallen.

Überholt worden sind wir von Chile, Neuseeland und Kanada. Diese Nationen erhielten eine gegenüber 2016 bessere Benotung, während die Wertung der Schweiz stagnierte. Internationale Spitzenreiter sind die Vorsorgesysteme der Niederlande und von Dänemark, Schweden sowie Norwegen. Mit vorne dabei sind Australien und Singapur.

In vielen dieser Länder sind Vorsorgeeinrichtungen mit weit grösseren Vermögensmassen aktiv als in der Schweiz. Die Schweiz setzt auf ein heterogenes Feld von rund zweitausend Vorsorgeträgern.

Altersvorsorge im Vergleich

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Gemäss Stefan Hess von Mercer Schweiz punktet die finanzielle Altersvorsorge unseres Landes im internationalen Vergleich mit der Fülle des Kapitals der obligatorischen beruflichen Vorsorge: «Dank dieser Kapitaldeckung ist das hier vorhandene Vorsorgevermögen bezogen auf die inländische Wirtschaftsleistung deutlich höher als anderswo, was die Nachhaltigkeit des Rentensystems stärkt.»

Punktabzüge gebe es jedoch beim Umfang des Rentenversprechens, ergänzt Hess. Viele Pensionskassen nützten ihren jeweiligen Spielraum, um wegen der länger werdenden Rentenbezugsphase den Umwandlungssatz zu senken: «Dies vermindert besonders für jüngere Beschäftigte den Anspruch auf künftige Monatsrenten aus der Pensionskasse.»

Schlechter gestellt als in Deutschland

Gemäss Berechnungsweise der OECD dürfe eine heute zweiundzwanzigjährige Person in der Schweiz nur mehr erwarten, später aus den obligatorischen Systemen AHV und berufliche Vorsorge noch 45 Prozent des letzten Erwerbseinkommens ersetzt zu bekommen. Für Deutschland würde sich nach der OECD-Systematik eine Ersatzquote von immerhin gut 50 Prozent errechnen, schildert Hess.

Kritisch beurteilt er, dass Spargelder der beruflichen Vorsorge für die Teilfinanzierung von Wohneigentum verwendet und beim Pensionierungszeitpunkt ein Teil oder das gesamte Altersguthaben bar bezogen werden dürfe. «Diese Kapitalbezüge mögen für den Einzelnen eine passende Geldanlage sein, doch sie verringern den Strom lebenslang fliessender Altersrenten», argumentiert er. Beeinträchtigt sei damit, dass sehr alt werdende Personen mit Sicherheit finanziell abgedeckt sind.

«Die Einführung einer teilweise variablen Pensionskassenrente wäre für alle Generationen gerechter.»Josef Bachmann, Vorsorgefachmann

Dabei spricht sich Hess nicht dagegen aus, den Erwerb von Wohneigentum zu fördern: «Besser wäre es, wenn dazu nicht Vorsorgegelder, sondern steuerlich bevorteilte Bausparvereinbarungen eingesetzt würden.» Eine weitere Schwäche macht der Mercer-Berater darin aus, dass der Einmalbezug von Pensionskassenguthaben zu einem geringeren Satz besteuert wird als Renten im Rahmen der lebenslang dauernden Einkommensbesteuerung: «Auch wegen dieses Fehlanreizes gilt unser Rentensystem als weniger leistungsfähig als das anderer Länder.» Eine schrittweise Anhebung des Rentenalters würde das Verhältnis von Anspar- und Bezugsdauer verbessern.

Den einzelnen Pensionskassen rät Hess, eigenständig im Rahmen der Möglichkeiten ihr Rentenversprechen zu verbessern: «So könnte bereits bei unter 25-jährigen Beschäftigten und ohne Koordinationsabzug auf einem höheren versicherten Lohn gemeinsam mit dem Arbeitgeber für eine grössere Pension gespart werden.»

Pointierte Verbesserungen am Vorsorgesystem verlangt Josef Bachmann, Präsident des Denkforums Innovation Zweite Säule: «Bislang werden nur gerade Mehrfinanzierungen ins Spiel gebracht, um Löcher zu stopfen, doch damit wird am falschen Ort gesucht.» Er plädiert dafür, dass Beschäftigte in der Schweiz ihren Rentenbeginn frei wählen dürfen.

Heute schon erlauben die AHV und die meisten Pensionskassen, gegen Abzüge frühzeitig in Rente zu gehen oder länger im Arbeitsprozess zu bleiben und deshalb später Rentenzuschläge zu erhalten. «Doch diese Wahl besteht oft nur theoretisch, denn es braucht eindeutigere Signale der Arbeitgeberfirmen für die Längerbeschäftigung.» Bachmann nimmt auch die Arbeitnehmenden in die Pflicht. Sie müssten sich durch Weiterbildung selbst fit halten für eine länger andauernde Beschäftigung und so für die Arbeitgeber attraktiv bleiben.

Vermögen von Vorsorgeeinrichtungen

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Bachmann weiss jedoch, dass für dieses Ziel das Berufliche-Vorsorge-Gesetz (BVG) an mehreren Stellen wesentlich verbessert werden müsste: «Hilfreich wäre ein ähnlich hoher prozentualer Lohnabzug für alle Altersgruppen, für über Fünfundsechzigjährige vielleicht sogar ein niedrigerer.» Aktuell ist gesetzlich vorgeschrieben, dass der gesamte jährliche Sparbeitrag während der Erwerbsphase in vier Schritten von mindestens 7 auf 18 Prozent des AHV-pflichtigen Jahreslohns zunehmen muss. Den Teil der Arbeitnehmersparbeiträge würde Bachmann in heutiger Weise über das Lebensalter progressiv steigend behalten. Das folge dem finanziellen Spielraum während des Lebenszyklus.

Fixrente wird von Teuerung entwertet

Als nachteilig beurteilt Bachmann – der vor seiner Pensionierung die Vorsorgeeinrichtung von PwC leitete – die heute gesetzlich vorgeschriebene Starrheit der PK-Rente. «Eine fix gleich bleibende Monatsrente während der rund zwanzigjährigen Zahlungsdauer ist eben genau nicht die sichere Altersfinanzierung, für die sie gehalten wird», kritisiert er. In inflationären Zeiten wird so ein Ausgleich der Teuerung verpasst, was für das Individuum eine höchst ungesicherte Altersfinanzierung bedeuten kann.

Das System der Pensionskassenfixrente verhindert gemäss Bachmann ausserdem, dass der Pensionär an der Ergiebigkeit der Finanzmärkte adäquat partizipiere: «Entweder ist im Rentenbetrag während der zwei Jahrzehnte der Zahlung zu viel oder zu wenig Anlagerendite einkalkuliert, und beides kann sich in schwerer Weise auswirken.»

Bachmann empfiehlt deshalb, in der Schweiz die teilweise variable Pensionskassenrente einzuführen, wobei die betraglich kleinere Komponente in geglätteter Weise dem Anlageresultat der Pensionskasse folgen würde. «Diese Systematik ist für alle Generationen gerechter», sagt der Vorsorgefachmann. Er überlegt sich, eine Volksinitiative zu starten, um dieser Reformidee zum Durchbruch zu verhelfen.

Erstellt: 01.11.2018, 13:37 Uhr

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